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Lippstädter Wasserturm

Um 1880 gab es in Lippstadt ca. 1.200 Häuser und 539 private Brunnen. Das Grund­wasser war je­doch durch Fäka­lien und Dung zu­nehmend verun­reinigt, so dass viele Brunnen poli­zeilich ge­schlossen werden mussten. Um den Eng­pass in der Wasser­ver­sorgung zu be­heben, wurde durch eine Leitung Wasser aus Eikeloh nach Lipp­stadt trans­portiert. 1886 baute die Stadt Lipp­stadt dazu in Eikeloh ein Wasser­werk, im Quell­gebiet von Gieseler und Pöppelsche. 1890 waren bereits 70% der Lipp­städter Häuser an die Wasser­leitung ange­schlossen.

Als Wasserdruck gab es nur das natür­liche Ge­fälle von Eikeloh nach Lipp­stadt. Z.B. hat die Gieseler eine Quell­höhe von 97,5 m über dem Meeres­spiegel, hin­gegen liegt Lipp­stadt auf 79 m Normal­höhen­null. Der Höhen­unter­schied reichte je­doch nicht aus, um das Wasser auch bis in die zweite Etage der Häuser hoch zu drücken. So hatte man nur im Erd­geschoss fließend Wasser. Um die Wasser­menge und den Wasser­druck er­höhen und konstant halten zu können, wurde der Wasser­turm als Zwischen­speicher ge­plant und 1901 ge­baut. Auch der Wasser­turm in Eikeloh wurde 1901 gebaut.

Der Lippstädter Wasserturm ist 41 m hoch, plus 5 m für die Turm­spitze (zum Ver­gleich: Der Kirch­turm der Marien­kirche ist 65 m hoch, der Kölner Dom 157 m).
Kennt jemand die Er­zählung, dass ange­blich die Spitze von den Amis oder Briten am Ende des Zweiten Welt­kriegs zum Spaß runter­ge­schossen worden sein soll?

Der untere Teil des Wasserturms ist leer und ent­hält nur drei große Wasser­rohre. Der Wasser­be­hälter, der oben im breiten Kopf des Turms liegt, hat einen Durch­messer von 10 m, ist 7,50 m hoch und fasst 500 m³ Wasser (also 500.000 Liter oder 500 Tonnen Ge­wicht). Wasser­türme haben meistens eine runde Bau­form, um das Ein­knicken zu einer Seite ver­hindern. Bei einer eckigen Bau­form be­steht die Gefahr ein­seitiger Be­lastung einer einzelnen Wand und des Ein­knickens der be­lasteten Seite.

Nur mit einem statischen Trick war es möglich, dass der Turm unter­halb des Wasser­behälters schmaler ge­baut werden konnte als der Wasser­behälter selbst. 18 Jahre vor dem Bau unseres Wasser­turms hatte Otto Intze, der Lehrer in Holz­minden war, eine spezielle Boden­form für Wasser­behälter er­funden, die das Gewicht des Wassers und hori­zontal wirkende Kräfte in eine vertikale Rich­tung auf einen Druck­ring um­leitet, so dass eine schlanke Turm­kons­truktion mög­lich wurde (als Ständer unter dem Druck­ring). Eine weitere Er­findung von Intze zur Druck­ver­teilung wurde 1908 beim Bau der Möhne­tal­sperre ange­wendet, um die Wasser­massen durch die Sperr­mauer auf­halten zu können - damals die größte Tal­sperre der Welt.

Nach dem Bau des Wasserturms wurde das Wasser aus einem Tief­brunnen in Eikeloh ge­fördert und in den Wasser­turm ge­pumpt. Bei Bedarf war es möglich bis zu 108.000 Liter pro Stunde nach­zu­füllen (an­geblich mit nur einer 25-PS-Pumpe). Unter­halb des Wasser­spiegels im Behälter im Turm ist der Druck überall gleich groß (Prinzip der kom­munizie­renden Röhren) und reichte nun sogar aus, um im Brand­fall Lösch­wasser bis zu Häuser­dächern hoch­spritzen zu können. Heut­zutage sorgen statt­dessen elek­trische Pumpen für kons­tanten Druck in den Lei­tungen.

Der Wasserturm war bis 1977 in Betrieb, also 76 Jahre lang. Danach waren die Stahl­träger im Turm­kopf bau­fällig und die Stadt­werke be­an­tragten 1982 den Abriss des nicht mehr ge­nutzten Turms.

Doch den Lippstädtern war der Wasser­turm als Symbol ans Herz ge­wachsen und für viele Bürger schien ein Ab­riss un­denkbar. 1983 initierte der Spar­kassen-Direktor Werner Brunswieck eine Stiftung zur Rettung. Die Stadt­spar­kasse stattete die Stif­tung mit 100.000 DM Kapital aus. Zur gleichen Zeit wurde der Wasser­turm als Industrie­denkmal unter Schutz ge­stellt (1985).

Zwischen 1986 und 1992 wurden diverse Reno­vierungen am Turm vor­ge­nommen. Die Reno­vierungs­kosten wurden aus drei ver­schiedenen Töpfen be­zahlt. Ein Drittel hat das Amt für Denkmal­schutz des Land­schafts­verbands West­falen-Lippe be­stritten, 1/3 wurde vom Re­gierungs­präsidenten Arns­berg aus Mitteln des Landes NRW be­zahlt, und das rest­liche Drittel wurde von der Spar­kassen-Stiftung, die durch Spenden der Lipp­städter Bürger unter­stützt wurde, ge­tragen. 1999 wurde eine Außen­be­leuchtung für die Abend­stunden instal­liert. Die laufen­den Kosten werden aus den Zins­erträgen der Stiftung be­stritten.

Das Wasserwerk Eikeloh deckt 10% bis 15% des Lipp­städter Trink­wasser­bedarfs von jähr­lich rund 3,5 Mil­lionen Kubik­metern (Stand 2017). 2006 musste das Eike­loher Wasser­werk einmal auf­grund von PFT-Be­lastungen vom Netz ge­nommen werden. Das toxische und krebs­erre­gende PFT im Eike­loher Wasser und in der Möhne rührte von Dünger in der Land­wirt­schaft, der aus Klär­schlämmen und Indus­trie­abfällen her­ge­stellt worden war. Erst nach dem Ein­bau einer Aktiv­kohle-Filter­anlage konnte das Wasser­werk knapp zwei Jahre später wieder in Be­trieb ge­nommen werden.
Text: Jörg Rosenthal.
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