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Rathausplatz im Februar-Sonnenschein
Rathausplatz, Foto von Jürgen Grieger, Februar 2026

Das Lippstädter Rathaus

Das heutige Rathaus von 1774 ist das zweite Rat­haus an dieser Stelle. Das erste Rat­haus war ver­mut­lich schon kurz nach der Stadt­grün­dung 1185 er­rich­tet worden. Die erste Er­wäh­nung eines Rat­hauses in Lipp­stadt soll aus dem Jahr 1238 stammen. „Nächst dem Soester und Dort­munder Rat­hause ist das Lipp­städ­ter das ältes­te, urkund­lich nachweis­bare in West­falen“ (West­fäli­sches Urkun­den­buch III 353).

Leider gibt es keine Zeichnung, die noch das erste Rat­haus zeigt. Es soll zu­mindest teil­weise aus Stein er­richtet worden sein und spitz­bogige Fenster ge­habt haben (Quelle: Möller „Alte Nach­rich­ten von Lipp­stadt“ 1787). Doch ein Anbau aus Stein "verfiel in sich selbst" und 1772 drohte das ganze Rat­haus ein­zu­stürzen - nach immer­hin ca. 580 Jah­ren.

Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-63) war die Stadt­kasse leer und auch staat­liche Mittel waren nicht zu er­langen (siehe Samt­herrschaft). Somit konnte die Stadt die Bau­kosten für ein neues Rat­haus nicht auf­bringen. Damit hatte man früher also die gleichen Probleme wie heute. Zudem gab es noch keine Stadt­sparkasse, wo die Stadt einen Kredit hätte auf­nehmen können.

Um das neue Rathaus (das heutige Rat­haus) bauen zu können, ver­anstal­te­ten die Lipp­städter eine Lotterie. Ein Los koste­te 4 Taler. Eine Umrechnung in Euro ist fast unmög­lich, weil die damali­gen Preis­struktu­ren gegen­sätz­lich zu den heuti­gen waren. Aber als groben Wert kann man pro Silber­taler rund 100€ heuti­ger Kauf­kraft an­nehmen. Eine andere Quelle sagt, dass 4 Taler ein Monats­lohn eines Arbeiters waren. Wie auch immer - ein Los war also nicht billig. Der Haupt­gewinn betrug 100 Taler. Ein Los nahm an 3 Ziehun­gen teil. Die Stadt machte an der Lotterie 3.000 Taler Gewinn. Das war fast die Hälfte der gesam­ten Bau­kosten des neuen Rat­hauses in Höhe von 7.025 Talern, 13 Silber­groschen und 4½ Pfenni­gen.

Das einsturz­gefährdete Rat­haus wurde im Mai 1772 ab­ge­brochen und auf der­selben Stelle ein neues Gebäude "auf­geführt", wozu teils die besten Steine des alten Gebäudes ge­nommen wurden. Im Dezem­ber 1774 wurde das neue Rat­haus fertig. Ich habe auch das Jahr 1775 ge­nannt ge­sehen, vermut­lich weil es am Jahres­beginn be­zogen wurde.

Unten im Rathaus war die "Sprützen­remise" - ein Stell­platz für die Feuer­spritze, die eine große manuelle Pumpe auf einem Wagen war, die von mehre­ren Männern der Metzger­zunft bedient wurde.
Unten im Rathaus gab es zudem die Mehl- und Eisen­waage, dazu eine Wohnung für den Mehl­wäger, außerdem die Nieder­lage (ein Waren­lager für Kauf­leute) und eine Woh­nung für den Accise-Einnehmer. Die Akzise war eine Steuer auf den Waren­handel - ein Vor­läufer unse­rer Mehr­wert­steuer.
Oben im Rathaus ist ein großer Saal, außerdem war oben die Kämmerei (Finanz­verwal­tung) unter­gebracht, sowie sons­tige er­forder­liche Zimmer.

Altes Foto vom Rathaus und Markt
Foto: Marktgeschehen um 1900 an der Lange Straße

Das heutige, zweite Rathaus ist also schon über 250 Jah­re alt. Der gerad­linige Stil wurde zu jener Zeit modern (klassi­zis­tischer Stil), denn just um 1770 waren Barock und Rokoko aus der Mode ge­kom­men, so dass man statt­des­sen gerad­linige, verein­fachte Formen wählte.
Der Stil ist ansehnlich, aber für uns heute trotz­dem schade, denn ein barockes Rat­haus wäre in der heuti­gen Zeit natür­lich wieder ein ganz be­son­derer Hin­gucker.

Im Zeitraum von 1898 bis 1939 zierte ein Uhren­turm das Dach des Rat­hauses. Hin­gegen gibt es an den Lipp­städ­ter Kirch­türmen keine Turm­uhren. Der Rat­haus-Uhren­turm hatte vier be­leuch­tete Ziffer­blätter und zwei Glocken.

Altes Foto vom Rathaus und Rathausplatz
Foto: Rathaus mit Uhrenturm (1898-1940) und rechts ein Brunnen (1889-1945) mit Kaiser-Denkmal

1903/1904 wurden am Rathaus Umbau­maßnah­men vor­genommen, nach Plänen des ge­bürti­gen Lipp­städter Archi­tek­ten Prof. Fried­rich Osten­dorf, Sohn des frühe­ren Schul­leiters Julius Osten­dorf. Durch den Umbau soll sich der Cha­rak­ter des Ge­bäudes stark ver­än­dert haben. Mir ist noch unklar, ob dann Arkaden (offene Bögen) gebaut oder ent­fernt wurden. Ich weiß auch nicht, ob Arkaden ein­mal oder zwei­mal im Laufe der Jahr­zehnte ein­ge­baut und zurück­gebaut wurden.

Im Gegen­satz zu heute, war das Rat­haus frü­her die zen­trale Anlauf­stelle für alle mög­li­chen behörd­li­chen Ange­legen­hei­ten.
Der dama­lige Ober­lehrer Franz Kersting schrieb 1905 über den Umbau: „Unten be­fin­den sich die Wach­stube und das Polizei­kommis­sariat, Standes­amt, Geschäfts­zimmer für Steuer­sachen, Stadt­kasse, Spar­kasse nebst feuer­fester Kammer, Wohnung des Kastel­lans [Aufsichts­beamter] und drei Arrest­zellen; oben sind dage­gen Stadt­bauamt, Zivil­trauungs­zimmer, Stadt­verord­neten­saal, Magis­trats­zimmer, Kanzlei, die Zimmer für den Bürger­meis­ter und Stadt­sekretär sowie die Akten­stube unter­ge­bracht.“

Die Stadtsparkasse war von 1872 bis 1910 im Rat­haus. In frühe­ren Zeiten soll sich dort außer­dem die Real­schule, eine Mehl­waage und ein Wein­verkauf be­fun­den haben. Die letz­ten beiden Sachen hat­ten wohl damit zu tun, dass unter amt­licher Auf­sicht ge­wogen und be­steuert wurde.

1953 wurde das Stadthaus am Ost­wall ge­baut und be­zogen. Der Patriot schrieb 1953 dazu: „Etwa 700 Jahre wurde Lipp­stadt vom Markt­platz [Rathaus­platz] aus regiert ... Seit dem 2. No­vem­ber 1953 wird die Stadt Lipp­stadt vom Verwal­tungs­neubau am Geist­platz regiert. Seit dem 2. No­vem­ber 1953 sind die Beamten und Ange­stell­ten der Stadt­verwal­tung aus dem Rat­haus aus­ge­zogen, seit die­sem Tag fin­den die Sprech­stunden des Bürger­meis­ters, des Stadt­direk­tors, die Sitzun­gen der Aus­schüsse und die Er­ledi­gung aller Verwal­tungs­aufga­ben im neuen Rat­haus [Stadt­haus!] statt.“

2024 war der Spatenstich für ein neues Stadt­haus am ehe­mali­gen Güter­bahnhof. Die Grund­stein­legung er­folgte 2025, das Richtfest 2026. Das neue Stadt­haus soll Platz für 420 Ver­waltungs­ange­stellte bie­ten, die bis­her auf 12 ver­schiede­ne Stand­orte der Stadt­verwal­tung ver­teilt sind. Die Fertig­stel­lung des großen Neu­baus ist für Ende 2027 geplant, der Einzug in 2028.

Zurück zum historischen Rat­haus: Der Rat­haus­platz war früher auch der Markt­platz und wurde bis 1970 so ge­nannt. Und bis zur Alt­stadt­sanierung in den 1980ern wurde der Rat­haus­platz zudem als Park­platz ge­nutzt (bis 1987).
Heutzutage finden auf dem auto­freien Platz jähr­liche Ver­an­stal­tun­gen statt, z.B. das Alt­stadt­fest und das Festi­val „Lipp­stadt Open Air“ (der Nach­fol­ger des Rat­haus­platz-Festi­vals).

Im Erdgeschoss des histo­ri­schen Rat­hauses sind heute die ↗Stadt­information und die ↗Kultur­information (KWL) sowie Aus­stel­lungs­räume (↗Rat­haus­galerie). Und im Ober­geschosss wird der große Saal heut­zutage noch für beson­dere Sitzun­gen und Empfänge ge­nutzt.


Text: Jörg Rosenthal, 2018 / 2026.
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