Leider gibt es keine Zeichnung, die noch das erste Rathaus zeigt. Es soll zumindest teilweise aus Stein errichtet worden sein und spitzbogige Fenster gehabt haben (Quelle: Möller „Alte Nachrichten von Lippstadt“ 1787). Doch ein Anbau aus Stein "verfiel in sich selbst" und 1772 drohte das ganze Rathaus einzustürzen - nach immerhin ca. 580 Jahren.
Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-63) war die Stadtkasse leer und auch staatliche Mittel waren nicht zu erlangen (siehe Samtherrschaft). Somit konnte die Stadt die Baukosten für ein neues Rathaus nicht aufbringen. Damit hatte man früher also die gleichen Probleme wie heute. Zudem gab es noch keine Stadtsparkasse, wo die Stadt einen Kredit hätte aufnehmen können.
Um das neue Rathaus (das heutige Rathaus) bauen zu können, veranstalteten die Lippstädter eine Lotterie. Ein Los kostete 4 Taler. Eine Umrechnung in Euro ist fast unmöglich, weil die damaligen Preisstrukturen gegensätzlich zu den heutigen waren. Aber als groben Wert kann man pro Silbertaler rund 100€ heutiger Kaufkraft annehmen. Eine andere Quelle sagt, dass 4 Taler ein Monatslohn eines Arbeiters waren. Wie auch immer - ein Los war also nicht billig. Der Hauptgewinn betrug 100 Taler. Ein Los nahm an 3 Ziehungen teil. Die Stadt machte an der Lotterie 3.000 Taler Gewinn. Das war fast die Hälfte der gesamten Baukosten des neuen Rathauses in Höhe von 7.025 Talern, 13 Silbergroschen und 4½ Pfennigen.
Das einsturzgefährdete Rathaus wurde im Mai 1772 abgebrochen und auf derselben Stelle ein neues Gebäude "aufgeführt", wozu teils die besten Steine des alten Gebäudes genommen wurden. Im Dezember 1774 wurde das neue Rathaus fertig. Ich habe auch das Jahr 1775 genannt gesehen, vermutlich weil es am Jahresbeginn bezogen wurde.
Unten im Rathaus war die "Sprützenremise" - ein Stellplatz für die Feuerspritze,
die eine große manuelle Pumpe auf einem Wagen war, die von mehreren Männern der Metzgerzunft bedient wurde.
Unten im Rathaus gab es zudem die Mehl- und Eisenwaage, dazu eine Wohnung für den Mehlwäger,
außerdem die Niederlage (ein Warenlager für Kaufleute) und eine Wohnung für den Accise-Einnehmer.
Die Akzise war eine Steuer auf den Warenhandel - ein Vorläufer unserer Mehrwertsteuer.
Oben im Rathaus ist ein großer Saal, außerdem war oben die Kämmerei (Finanzverwaltung) untergebracht, sowie sonstige erforderliche Zimmer.
Das heutige, zweite Rathaus ist also schon über 250 Jahre alt.
Der geradlinige Stil wurde zu jener Zeit modern (klassizistischer Stil), denn just um 1770 waren Barock und Rokoko aus der Mode gekommen, so dass
man stattdessen geradlinige, vereinfachte Formen wählte.
Der Stil ist ansehnlich, aber für uns heute trotzdem schade, denn ein barockes Rathaus wäre in der heutigen Zeit
natürlich wieder ein ganz besonderer Hingucker.
Im Zeitraum von 1898 bis 1939 zierte ein Uhrenturm das Dach des Rathauses. Hingegen gibt es an den Lippstädter Kirchtürmen keine Turmuhren. Der Rathaus-Uhrenturm hatte vier beleuchtete Zifferblätter und zwei Glocken.
1903/1904 wurden am Rathaus Umbaumaßnahmen vorgenommen, nach Plänen des gebürtigen Lippstädter Architekten Prof. Friedrich Ostendorf, Sohn des früheren Schulleiters Julius Ostendorf. Durch den Umbau soll sich der Charakter des Gebäudes stark verändert haben. Mir ist noch unklar, ob dann Arkaden (offene Bögen) gebaut oder entfernt wurden. Ich weiß auch nicht, ob Arkaden einmal oder zweimal im Laufe der Jahrzehnte eingebaut und zurückgebaut wurden.
Im Gegensatz zu heute, war das Rathaus früher die zentrale Anlaufstelle für alle möglichen behördlichen Angelegenheiten.
Der damalige Oberlehrer Franz Kersting schrieb 1905 über den Umbau: „Unten befinden sich die Wachstube und das Polizeikommissariat, Standesamt,
Geschäftszimmer für Steuersachen, Stadtkasse, Sparkasse nebst feuerfester Kammer, Wohnung des Kastellans [Aufsichtsbeamter] und drei Arrestzellen;
oben sind dagegen Stadtbauamt, Ziviltrauungszimmer, Stadtverordnetensaal, Magistratszimmer, Kanzlei,
die Zimmer für den Bürgermeister und Stadtsekretär
sowie die Aktenstube untergebracht.“
Die Stadtsparkasse war von 1872 bis 1910 im Rathaus. In früheren Zeiten soll sich dort außerdem die Realschule, eine Mehlwaage und ein Weinverkauf befunden haben. Die letzten beiden Sachen hatten wohl damit zu tun, dass unter amtlicher Aufsicht gewogen und besteuert wurde.
1953 wurde das Stadthaus am Ostwall gebaut und bezogen. Der Patriot schrieb 1953 dazu: „Etwa 700 Jahre wurde Lippstadt vom Marktplatz [Rathausplatz] aus regiert ... Seit dem 2. November 1953 wird die Stadt Lippstadt vom Verwaltungsneubau am Geistplatz regiert. Seit dem 2. November 1953 sind die Beamten und Angestellten der Stadtverwaltung aus dem Rathaus ausgezogen, seit diesem Tag finden die Sprechstunden des Bürgermeisters, des Stadtdirektors, die Sitzungen der Ausschüsse und die Erledigung aller Verwaltungsaufgaben im neuen Rathaus [Stadthaus!] statt.“
2024 war der Spatenstich für ein neues Stadthaus am ehemaligen Güterbahnhof. Die Grundsteinlegung erfolgte 2025, das Richtfest 2026. Das neue Stadthaus soll Platz für 420 Verwaltungsangestellte bieten, die bisher auf 12 verschiedene Standorte der Stadtverwaltung verteilt sind. Die Fertigstellung des großen Neubaus ist für Ende 2027 geplant, der Einzug in 2028.
Zurück zum historischen Rathaus: Der Rathausplatz war früher auch der Marktplatz und wurde bis 1970 so genannt.
Und bis zur Altstadtsanierung in den 1980ern wurde der Rathausplatz zudem als Parkplatz genutzt (bis 1987).
Heutzutage finden auf dem autofreien Platz jährliche Veranstaltungen statt,
z.B. das Altstadtfest und das Festival „Lippstadt Open Air“ (der Nachfolger des Rathausplatz-Festivals).
Im Erdgeschoss des historischen Rathauses sind heute die ↗Stadtinformation und die ↗Kulturinformation (KWL) sowie Ausstellungsräume (↗Rathausgalerie). Und im Obergeschosss wird der große Saal heutzutage noch für besondere Sitzungen und Empfänge genutzt.