Seit meiner Jugend kenne ich vom Vorbeifahren die Zementwerke in ↗Erwitte und ↗Geseke. Für mich ist es ein so vertrauter Anblick, dass ich früher gar nicht auf die Idee kam, dass es eine regionale Besonderheit ist. Doch nur durch das besondere, hiesige Kalkstein-Vorkommen hat sich hier eine der dichtesten Zementindustrien Deutschlands entwickelt. Ein 1/8 des deutschen Zements werden in Erwitte und Geseke produziert.
Unsere Region liegt am Südrand des Münsterländer Kreidebeckens.
Diese flache Landschaft war vor rund 70 bis 110 Millionen Jahren von einem flachen Meer überflutet.
Über Jahrmillionen lagerten sich dort mächtige Schichten aus Kalk und Mergel ab, die heute stark verfestigt sind (Pläner-Kalkstein).
Für den industriellen Abbau eignen sich nur die Randbereiche dieses Beckens.
Genau ein solcher Randbereich verläuft entlang des Haarstrangs.
Erwitte und Geseke liegen exakt auf diesem schmalen, aber äußerst ergiebigen Streifen.
„Der Verwitterungsboden ist sehr dünn, so dass schon nach einem Meter Abraum das Kalkgestein an der Oberfläche ansteht. Die Zusammensetzung ist ... so günstig, dass fast keine weiteren Zusätze für die Zementherstellung benötigt werden.“ (Quelle: ↗Zementindustrie am Hellweg, aus: Heimatkalender 1977 des Kreises Soest).
Für Erwitte wird eine Kalkbrennerei erstmals in einer Urkunde von 1681 erwähnt. Damals haben zwei Adelsfamilien in einer Steinkuhle einen Kalkofen gebaut und Steine gebrannt. Doch nach diesem frühen Kalkofen verliert sich die Spur für lange Zeit, denn von weiteren solcher Tätigkeiten ist im 18. Jahrhundert nichts überliefert.
Für Geseke ist überliefert, dass ein Maurermeister 1862 einen Kalkofen errichtet hat, wahrscheinlich um Mauermörtel herzustellen. Bis 1900 nahmen dann 16 Kalkbrennereien in Geseke ihren Betrieb auf. Dieser Erfolg blieb in der Nachbarschaft natürlich nicht unbemerkt. Es soll den Erwitter Gemeindevorstand veranlasst haben, 1910 in verschiedenen Fachzeitschriften ein Inserat zu schalten: „Für die Gründung eines Kalk- und Zementwerkes bieten sich zurzeit in der Gemeinde Erwitte, Kreis Lippstadt, beste Gelegenheiten. Die Qualität des Kalkes nach chemischer Untersuchung ist vorzüglich. Grundboden evtl. zu billigsten Preisen erhältlich.“
Ich finde es interessant, dass vorab anscheinend kein Unternehmen aus Geseke Interesse zeigte, in Erwitte tätig zu werden. Vor und während des Ersten Weltkriegs kam es in Erwitte nicht zur Gründung eines Werkes. 1919 versuchte sich ein Kaufmann mit der Errichtung eines Werks, was aber nicht den gewünschten Erfolg hatte und geschlossen wurde. Damals verhinderten die Machenschaften eines Wirtschafts-Syndikats die Gründung von Zementwerken.
Doch dann entstanden zwischen 1926 und 1930 gleich mehrere Zementwerke in Erwitte.
Dazu zählten auch zwei Werke des heutigen Unternehmens Spenner.
Im Jahr 1926 gründeten die Kaufleute Wilhelm Güldenhaupt sowie Friedrich Wilhelm Zassenhaus
die „Felsenfest Westfälische Kalk- und Zementwerke".
Nur zwei Jahre später, 1928, gründeten die aus Büren stammenden Brüder Josef und Heinrich Spenner
- gemeinsam mit dem Bauunternehmer Ferdinand Pauly (dem Schwiegervater von Josef Spenner) - ein zweites Zementwerk mit dem Namen „Nordstern“.
Es war zunächst auf die Herstellung von Naturzement ausgelegt, in einer Menge von 40 bis 50 Tonnen täglich.
Das war eine für die damalige Zeit durchaus beachtliche Menge. Das Industriegebiet bekam einen Eisenbahn-Gleisanschluss.
Nachdem in Erwitte mit der Zementindustrie seit den 1920er Jahren ein wirtschaftlicher Aufschwung einsetzte, wurde Erwitte 1936 zur Stadt erhoben. Doch während des Zweiten Weltkriegs musste das Werk Felsenfest seinen Betrieb einstellen. Nach Kriegsende übertrugen die Eigentümerfamilien Güldenhaupt und Zassenhaus ihre Firmenanteile an Josef Spenner (1948). Die Kriegsschäden wurden in der Folge beseitigt und das Werk nahm seine Produktion wieder auf.
1964 folgte der Bau des Werksteils Diamant. Auf Betreiben des damaligen Juniorchefs Dr. Josef Spenner errichtete das Unternehmen dort seinen ersten Drehrohrofen. Das war eine deutliche technologische Weiterentwicklung gegenüber den älteren Schachtöfen. Bemerkenswert war zudem, dass die neue Anlage bereits nach den damaligen Maßstäben nahezu staubfrei arbeitete, dank einer Kombination aus Elektrofiltern und einem vorgeschalteten Verdampfungskühler. Diese Technik war die erste ihrer Art in einem deutschen Zementwerk.
1980 und 1981 nahm Spenner einen zweiten Drehofen in Betrieb, der als weltweit erster Kurzdrehofen für erhebliches Aufsehen in der Fachwelt sorgte. Er arbeitete gegenüber dem ersten Ofen spürbar energiesparender.
1997 stieg das Unternehmen ins Transportbetongeschäft ein und gründete die Herkules Transportbeton GmbH & Co. KG,
die durch spätere Zukäufe rasch auf zahlreiche Standorte in mehreren Bundesländern anwuchs.
Im Jahr 2021 erweiterte Spenner sein Tätigkeitsfeld schließlich um die Herstellung von Betonfertigteilen,
indem es das Bielefelder Unternehmen Syston Betonbausysteme übernahm.
Heute produziert Spenner am Stammsitz in Erwitte mit rund 500 Beschäftigten drei zentrale Produktgruppen. Im Mittelpunkt steht nach wie vor der Zement, der in Sorten für unterschiedlichste Anwendungen im Hoch-, Tief- und Ingenieurbau angeboten wird. Es gibt auch eine eigens entwickelte, klimafreundliche Produktlinie naturecem, bei deren Herstellung im Vergleich zu herkömmlichem Zement nur etwa die Hälfte des CO2 entsteht.
Als zweites großes Standbein hat sich die Kalkproduktion etabliert, deren Erzeugnisse von der Stahlindustrie über den Umweltschutz bis zur Bauwirtschaft reichen und teilweise noch die traditionsreichen Werksnamen wie Felsenfest tragen.
Drittens stellt Spenner werksgemischte Trockenmörtel her, die auf der Baustelle nur noch mit Wasser angerührt werden müssen und ein breites Anwendungsspektrum von Putz- und Mauermörteln bis zu Spezialprodukten für den Kanalbau abdecken.
Ergänzt wird dieses Kernsortiment durch die Tochterunternehmen Spenner Herkules, das Transportbeton für Bauprojekte liefert, und Spenner Syston, das konstruktive Betonfertigteile für den Gewerbe- und Hallenbau produziert.
2026 feiert Spenner sein 100-jähriges Bestehen. Passend zu diesem Anlass investiert das Unternehmen zugleich kräftig in die Zukunft: Auf einem neu erworbenen, rund drei Hektar großen Grundstück in Erwitte-Süd entsteht derzeit ein weiterer Werksteil mit dem Namen Hektor. Aus dem Steinbruch soll der Kalkstein nicht mehr wie bisher per Lkw, sondern über ein Förderband vom Steinbruch zum Brecher und weiter ins Werk transportiert werden.
Außerdem wurde 2026 die Genehmigung für ein erstes Windrad erteilt. Die drei Erwitter Zementwerke Spenner, Wittekind und Thomas planen den Bau von 11 Windkraftanlagen auf ihren Abbauflächen (Steinbrüche), um dadurch einen Teil ihres enormen Energiebedarfs decken zu können.
Zeitleiste über Zement aus Erwitte
| 1681 | Urkundliche Erwähnung eines Kalkofens in der Steinkuhle, errichtet von Graf von Landsberg und den Herren von Droste |
| 1910 | Werbeinserat des Gemeindevorstands in Fachzeitschriften für Kalk-/Zementwerk-Ansiedlung, ca. 150 Interessenten, aber kein leistungsfähiger Bauherr gefunden |
| 1914-1918 | Erster Weltkrieg verhindert Werksgründungen |
| 1919 | Kaufmann Plassmann kauft Grundstück, errichtet Kalk- und Steinwerk (ohne gewünschten Erfolg) |
| 1920er | Plassmann-Werk vom Westdeutschen Zement-Verband (Syndikat) stillgelegt; Syndikat blockiert aktiv weitere Ansiedlungen durch Grundstückskäufe entlang der Bahnlinie Erwitte-Belecke |
| 1926 | Gründung „Felsenfest Westfälische Kalk- und Zementwerke" durch Güldenhaupt und Zassenhaus (Kalkringofen) |
| 1927 | Gründung Zementwerk „Gebr. Seibel" durch Karl und Franz Seibel (zwei Schachtöfen) |
| 1928 | Gründung Portlandzementwerk „Nordstern" durch Josef und Heinrich Spenner mit Ferdinand Pauly (drei Schachtöfen, ca. 100 Beschäftigte) – Ursprung der späteren Spenner-Gruppe |
| 1929 | Gründung Zementwerk „Wittekind" durch Hugo Miebach (Dortmund) in Erwitte – bis heute eigenständig, Familienbesitz Miebach, Standort Hüchtchenweg 1 |
| 1930 | Gründung Tiefbauunternehmen Emil Thomas in Würrich (Hunsrück) – spätere Wurzel der Thomas-Gruppe, zunächst ohne jeden Bezug zu Erwitte |
| 1939-1945 | Zweiter Weltkrieg: Stilllegung der meisten Erwitter Zementwerke, u. a. Felsenfest |
| 1948/49 | Übertragung der Felsenfest-Anteile von Güldenhaupt/Zassenhaus auf Josef Spenner; Wiederaufnahme der Produktion |
| 1953 | Gründung Portlandzementwerk Seibel & Söhne |
| 1964/65 | Bau Werksteil „Diamant" durch Spenner (erster Drehrohrofen, staubarme Filtertechnik) |
| 1967 | Auflösung des Zementkartells durch Bundeskartellamt, Beginn „1. Westfälischer Zementkrieg" |
| 1972 | Formale Gründung Spenner Zement KG durch Einbringung der Anteile von Nordstern und Felsenfest |
| 1975 | Betriebsbesetzung Werk Seibel & Söhne durch rund 150 Arbeiter (fast zwei Monate) |
| 1975 | Wittekind übernimmt zusätzlich das Zementwerk „Orion" in Erwitte |
| Frage: | Wer gründete das Werk Orion, und wann? Bislang in keiner Quelle identifiziert. |
| 1978 | Übernahme Emil Thomas KG durch Eckhardt Thomas |
| 1980/81 | Spenner nimmt zweiten Drehofen in Betrieb (weltweit erster Kurzdrehofen) |
| 1985 | Trockenmörtelmischanlage bei Spenner |
| 1987 | Erster Kalkofen bei Spenner |
| 1989 | Thomas-Gruppe übernimmt dornburger zement (Thüringen) – Einstieg der Gruppe ins Zementgeschäft |
| 1990 | Übernahme Zementwerk Berlin-Rummelsburg durch Spenner (mit zwei Partnern) |
| 1991 | Zweiter Kalkofen bei Spenner |
| 1997/98 | Gründung Spenner Herkules (Transportbeton) |
| 2004 | Spenner übernimmt vollständige Anteile am Berliner Werk |
| 2006 | Dritter Kalkofen bei Spenner (energiesparend) |
| 2017 | Thomas-Gruppe übernimmt das Zementwerk Erwitte (Bahnhofstraße 40) → Gründung/Umfirmierung „thomas zement GmbH & Co. KG" |
| Frage: | Von wem übernahm 2017 die Thomas-Gruppe das Werk? Handelsregister: Sitzverlegung Firma „zoro GmbH & Co. KG", Zusammenhang unklar |
| 2018 | Dyckerhoff übernimmt Zementwerk Seibel & Söhne |
| 2019 | Einstellung Klinker-/Zementproduktion bei Seibel & Söhne (Dyckerhoff), ca. 150 Arbeitsplätze verloren |
| 2020 | Neue Zementmühle 11 bei Spenner (über 10 % Energie-Ersparnis) |
| 2021 | Übernahme Syston Betonbausysteme (Bielefeld) durch Spenner-Gruppe → Spenner Syston |
| 2021 | Start Projekt „Klimaneutrale Zementregion" (Erwitte, Geseke, VDZ, wfg Kreis Soest) |
| Mai 2026 | energenta ersatzbrennstoffe GmbH übernimmt Sekundärbrennstoff-Anlage am Standort thomas zement Erwitte |
| 2026 | Spatenstich neuer Werksteil „Hektor" (Spenner) auf ehemaligem Gelände von Seibel & Söhne, Industriequartier Erwitte-Süd |
| 06.09.2026 | Tag der offenen Tür bei Spenner in Erwitte |
| 2026 | Genehmigung für erstes Windrad am Spenner-Steinbruch erteilt. Die drei Erwitter Zementwerke Spenner, Wittekind und Thomas planen den Bau von insgesamt 11 Windkraftanlagen auf ihren Abbauflächen. |