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100 Jahre Spenner Zement in Erwitte
Rund 6.000 Besucher strömten am Sonntag auf das Werksgelände

100 Jahre Spenner Zement in Erwitte

Text: Jörg Rosenthal

Seit meiner Jugend kenne ich vom Vorbei­fahren die Zement­werke in ↗Erwitte und ↗Geseke. Für mich ist es ein so vertrau­ter Anblick, dass ich früher gar nicht auf die Idee kam, dass es eine regio­nale Be­sonder­heit ist. Doch nur durch das beson­dere, hiesige Kalk­stein-Vorkommen hat sich hier eine der dichtes­ten Zement­industrien Deutsch­lands ent­wickelt. Ein 1/8 des deut­schen Zements werden in Erwitte und Geseke produ­ziert.

Unsere Region liegt am Süd­rand des Münster­länder Kreide­beckens. Diese flache Landschaft war vor rund 70 bis 110 Millio­nen Jahren von einem flachen Meer über­flutet. Über Jahr­millionen lager­ten sich dort mächtige Schichten aus Kalk und Mergel ab, die heute stark ver­festigt sind (Pläner-Kalk­stein).
Für den industriellen Abbau eignen sich nur die Rand­bereiche dieses Beckens. Genau ein solcher Rand­bereich ver­läuft ent­lang des Haar­strangs. Erwitte und Geseke liegen exakt auf diesem schmalen, aber äußerst er­giebi­gen Streifen.

„Der Verwitterungsboden ist sehr dünn, so dass schon nach einem Meter Abraum das Kalk­gestein an der Ober­fläche an­steht. Die Zu­sammen­setzung ist ... so günstig, dass fast keine weite­ren Zusätze für die Zement­herstellung be­nötigt werden.“ (Quelle: ↗Zementindustrie am Hellweg, aus: Heimat­kalender 1977 des Kreises Soest).

Für Erwitte wird eine Kalk­brennerei erst­mals in einer Urkunde von 1681 er­wähnt. Damals haben zwei Adels­familien in einer Stein­kuhle einen Kalk­ofen ge­baut und Steine ge­brannt. Doch nach diesem frühen Kalk­ofen ver­liert sich die Spur für lange Zeit, denn von weite­ren solcher Tätig­keiten ist im 18. Jahr­hundert nichts über­liefert.

Für Geseke ist überliefert, dass ein Maurer­meister 1862 einen Kalk­ofen er­richtet hat, wahr­schein­lich um Mauer­mörtel her­zustellen. Bis 1900 nahmen dann 16 Kalk­brennereien in Geseke ihren Betrieb auf. Dieser Erfolg blieb in der Nach­bar­schaft natür­lich nicht un­bemerkt. Es soll den Erwitter Gemeinde­vorstand ver­anlasst haben, 1910 in ver­schiede­nen Fach­zeitschrif­ten ein Inserat zu schalten: „Für die Gründung eines Kalk- und Zement­werkes bieten sich zur­zeit in der Gemeinde Erwitte, Kreis Lipp­stadt, beste Ge­legen­heiten. Die Qualität des Kalkes nach chemischer Unter­suchung ist vor­züglich. Grund­boden evtl. zu billigs­ten Preisen er­hält­lich.“

Ich finde es interessant, dass vorab an­scheinend kein Unter­nehmen aus Geseke Interesse zeigte, in Erwitte tätig zu werden. Vor und während des Ersten Welt­kriegs kam es in Erwitte nicht zur Gründung eines Werkes. 1919 ver­suchte sich ein Kauf­mann mit der Er­richtung eines Werks, was aber nicht den ge­wünsch­ten Erfolg hatte und ge­schlossen wurde. Damals ver­hinder­ten die Machen­schaf­ten eines Wirt­schafts-Syndikats die Gründung von Zement­werken.

Doch dann entstanden zwischen 1926 und 1930 gleich mehrere Zement­werke in Erwitte. Dazu zähl­ten auch zwei Werke des heutigen Unter­nehmens Spenner.
Im Jahr 1926 gründeten die Kauf­leute Wilhelm Gülden­haupt sowie Friedrich Wilhelm Zassen­haus die „Felsenfest Westfä­lische Kalk- und Zement­werke".
Nur zwei Jahre später, 1928, gründe­ten die aus Büren stammen­den Brüder Josef und Hein­rich Spenner - gemeinsam mit dem Bau­unterneh­mer Ferdinand Pauly (dem Schwieger­vater von Josef Spenner) - ein zweites Zement­werk mit dem Namen „Nordstern“. Es war zunächst auf die Her­stellung von Natur­zement aus­gelegt, in einer Menge von 40 bis 50 Tonnen täg­lich. Das war eine für die damalige Zeit durchaus be­acht­liche Menge. Das Industrie­gebiet bekam einen Eisenbahn-Gleis­anschluss.

Nachdem in Erwitte mit der Zement­industrie seit den 1920er Jah­ren ein wirt­schaft­licher Auf­schwung ein­setzte, wurde Erwitte 1936 zur Stadt erhoben. Doch während des Zwei­ten Welt­kriegs musste das Werk Felsen­fest seinen Betrieb ein­stellen. Nach Kriegs­ende über­trugen die Eigen­tümer­familien Gülden­haupt und Zassen­haus ihre Firmen­anteile an Josef Spenner (1948). Die Kriegs­schäden wurden in der Folge be­seitigt und das Werk nahm seine Produk­tion wieder auf.

1964 folgte der Bau des Werksteils Diamant. Auf Betreiben des damali­gen Junior­chefs Dr. Josef Spenner er­richtete das Unter­nehmen dort seinen ersten Dreh­rohrofen. Das war eine deut­liche tech­nologi­sche Weiter­entwick­lung gegen­über den älteren Schacht­öfen. Bemerkens­wert war zudem, dass die neue Anlage bereits nach den damali­gen Maß­stäben nahezu staub­frei arbeitete, dank einer Kombina­tion aus Elektro­filtern und einem vor­geschalte­ten Verdampfungs­kühler. Diese Technik war die erste ihrer Art in einem deut­schen Zement­werk.

1980 und 1981 nahm Spenner einen zweiten Dreh­ofen in Betrieb, der als welt­weit erster Kurz­drehofen für erheb­liches Auf­sehen in der Fach­welt sorgte. Er arbeitete gegen­über dem ersten Ofen spürbar energie­sparender.

1997 stieg das Unternehmen ins Transport­beton­geschäft ein und gründete die Herkules Transport­beton GmbH & Co. KG, die durch spätere Zukäufe rasch auf zahlreiche Stand­orte in mehreren Bundes­ländern anwuchs.
Im Jahr 2021 erweiterte Spenner sein Tätigkeits­feld schließ­lich um die Her­stellung von Beton­fertig­teilen, indem es das Bielefelder Unter­nehmen Syston Beton­bau­systeme übernahm.

Heute produziert Spenner am Stammsitz in Erwitte mit rund 500 Beschäftig­ten drei zentrale Produkt­gruppen. Im Mittel­punkt steht nach wie vor der Zement, der in Sorten für unter­schied­lichste An­wendungen im Hoch-, Tief- und Ingenieur­bau an­geboten wird. Es gibt auch eine eigens ent­wickelte, klima­freundliche Produkt­linie naturecem, bei deren Her­stellung im Ver­gleich zu her­kömm­lichem Zement nur etwa die Hälfte des CO2 ent­steht.

Als zweites großes Standbein hat sich die Kalk­produktion etabliert, deren Er­zeug­nisse von der Stahl­industrie über den Umwelt­schutz bis zur Bau­wirtschaft reichen und teilweise noch die traditions­reichen Werks­namen wie Felsenfest tragen.

Drittens stellt Spenner werksgemischte Trocken­mörtel her, die auf der Baustelle nur noch mit Wasser an­gerührt werden müssen und ein breites Anwendungs­spektrum von Putz- und Mauer­mörteln bis zu Spezial­produkten für den Kanal­bau ab­decken.

Ergänzt wird dieses Kernsortiment durch die Tochter­unternehmen Spenner Herkules, das Transport­beton für Bau­projekte liefert, und Spenner Syston, das konstruktive Beton­fertig­teile für den Gewerbe- und Hallen­bau produ­ziert.

2026 feiert Spenner sein 100-jähriges Bestehen. Passend zu diesem Anlass investiert das Unter­nehmen zugleich kräftig in die Zukunft: Auf einem neu er­worbenen, rund drei Hektar großen Grund­stück in Erwitte-Süd ent­steht derzeit ein weiterer Werks­teil mit dem Namen Hektor. Aus dem Stein­bruch soll der Kalk­stein nicht mehr wie bisher per Lkw, sondern über ein Förder­band vom Stein­bruch zum Brecher und weiter ins Werk trans­por­tiert werden.

Außerdem wurde 2026 die Genehmi­gung für ein erstes Wind­rad er­teilt. Die drei Erwitter Zement­werke Spenner, Wittekind und Thomas planen den Bau von 11 Wind­kraft­anlagen auf ihren Abbau­flächen (Stein­brüche), um dadurch einen Teil ihres enormen Energie­bedarfs decken zu können.


Zeitleiste über Zement aus Erwitte

1681Urkundliche Erwähnung eines Kalk­ofens in der Stein­kuhle, errichtet von Graf von Lands­berg und den Herren von Droste
1910Werbeinserat des Gemeinde­vorstands in Fach­zeit­schrif­ten für Kalk-/Zement­werk-Ansiedlung, ca. 150 Interessen­ten, aber kein leistungs­fähiger Bau­herr gefunden
1914-1918Erster Weltkrieg verhindert Werks­gründungen
1919Kaufmann Plassmann kauft Grundstück, errichtet Kalk- und Stein­werk (ohne ge­wünsch­ten Erfolg)
1920erPlassmann-Werk vom Westdeutschen Zement-Verband (Syndikat) still­gelegt; Syndikat blockiert aktiv weitere An­siedlun­gen durch Grund­stücks­käufe ent­lang der Bahn­linie Erwitte-Belecke
1926Gründung „Felsenfest Westfälische Kalk- und Zement­werke" durch Gülden­haupt und Zassen­haus (Kalk­ringofen)
1927Gründung Zementwerk „Gebr. Seibel" durch Karl und Franz Seibel (zwei Schacht­öfen)
1928Gründung Portlandzementwerk „Nordstern" durch Josef und Hein­rich Spenner mit Ferdinand Pauly (drei Schacht­öfen, ca. 100 Be­schäftigte) – Ursprung der späteren Spenner-Gruppe
1929Gründung Zementwerk „Wittekind" durch Hugo Miebach (Dortmund) in Erwitte – bis heute eigen­ständig, Familien­besitz Miebach, Standort Hüchtchenweg 1
1930Gründung Tiefbauunternehmen Emil Thomas in Würrich (Hunsrück) – spätere Wurzel der Thomas-Gruppe, zunächst ohne jeden Bezug zu Erwitte
1939-1945Zweiter Weltkrieg: Stilllegung der meisten Erwitter Zement­werke, u. a. Felsenfest
1948/49Übertragung der Felsenfest-Anteile von Gülden­haupt/Zassen­haus auf Josef Spenner; Wieder­aufnahme der Produktion
1953Gründung Portlandzementwerk Seibel & Söhne
1964/65Bau Werksteil „Diamant" durch Spenner (erster Dreh­roh­rofen, staub­arme Filter­technik)
1967Auflösung des Zement­kartells durch Bundes­kartellamt, Beginn „1. Westfä­lischer Zement­krieg"
1972Formale Gründung Spenner Zement KG durch Ein­bringung der Anteile von Nord­stern und Felsenfest
1975Betriebsbesetzung Werk Seibel & Söhne durch rund 150 Arbeiter (fast zwei Monate)
1975Wittekind übernimmt zusätzlich das Zement­werk „Orion" in Erwitte
Frage:Wer gründete das Werk Orion, und wann? Bislang in keiner Quelle identi­fiziert.
1978Übernahme Emil Thomas KG durch Eckhardt Thomas
1980/81Spenner nimmt zweiten Drehofen in Betrieb (weltweit erster Kurz­drehofen)
1985Trockenmörtelmischanlage bei Spenner
1987Erster Kalkofen bei Spenner
1989Thomas-Gruppe übernimmt dornburger zement (Thüringen) – Einstieg der Gruppe ins Zement­geschäft
1990Übernahme Zementwerk Berlin-Rummels­burg durch Spenner (mit zwei Partnern)
1991Zweiter Kalkofen bei Spenner
1997/98Gründung Spenner Herkules (Transportbeton)
2004Spenner übernimmt vollständige Anteile am Berliner Werk
2006Dritter Kalkofen bei Spenner (energie­sparend)
2017Thomas-Gruppe übernimmt das Zement­werk Erwitte (Bahnhof­straße 40) → Gründung/Umfirmie­rung „thomas zement GmbH & Co. KG"
Frage:Von wem übernahm 2017 die Thomas-Gruppe das Werk? Handelsregister: Sitz­verlegung Firma „zoro GmbH & Co. KG", Zusammen­hang unklar
2018Dyckerhoff übernimmt Zement­werk Seibel & Söhne
2019Einstellung Klinker-/Zement­produktion bei Seibel & Söhne (Dycker­hoff), ca. 150 Arbeits­plätze verloren
2020Neue Zementmühle 11 bei Spenner (über 10 % Energie-Ersparnis)
2021Übernahme Syston Betonbau­systeme (Bielefeld) durch Spenner-Gruppe → Spenner Syston
2021Start Projekt „Klimaneutrale Zement­region" (Erwitte, Geseke, VDZ, wfg Kreis Soest)
Mai 2026energenta ersatzbrenn­stoffe GmbH über­nimmt Sekundär­brennstoff-Anlage am Standort thomas zement Erwitte
2026Spatenstich neuer Werks­teil „Hektor" (Spenner) auf ehemali­gem Gelände von Seibel & Söhne, Industrie­quartier Erwitte-Süd
06.09.2026Tag der offenen Tür bei Spenner in Erwitte
2026Genehmigung für erstes Windrad am Spenner-Steinbruch er­teilt. Die drei Erwitter Zement­werke Spenner, Wittekind und Thomas planen den Bau von insge­samt 11 Wind­kraft­anlagen auf ihren Abbau­flächen.


Text: Jörg Rosenthal, 2026
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