Am 14. Juli 2026 fand an der Unionstraße in Lippstadt ein öffentlicher Informations- und ↗Ideenabend statt. Bei der Bürgerbeteiligung wurden Vorstellungen über die Nachnutzung des Geländes und der Fabrikgebäude der ehemaligen Westfälischen Union gesammelt.
Der Letzte von 10 Schornsteinen ... Das Luftbild von 2025 zeigt das Gelände zwischen der Unionstraße (siehe das neue weiße Hotel am linken Bildrand) und
der Weißenburger Straße (außerhalb des rechten Bildrands).
Dort wo unten die Autos parken, soll im nächsten Jahr eine Straße gebaut werden, nämlich die Südtangente, die südlich
der Altstadt vom Südwesten zum Südosten führt.
Die Tangente verbindet dann die Stirper Straße über das Südertor
mit der Weißenburger Straße / Rossfeld (Polizei) bis hin zur B55 (vor Rixbeck).
2024 hat die Stadt Lippstadt das Union-Gelände gekauft, eigentlich nur mit dem Ziel, dort bis Ende 2027 das letzte Teilstück der Südtangente zu bauen. Und südlich der Tangente, also unterhalb des unteren Bildrands des Luftbilds, soll die neue Feuer- und Rettungswache entstehen, die dringend benötigt wird. Planungen und Bau werden jedoch bis 2032 dauern.
In der Bürgerbeteiligung im Juli 2026 sollte herausgefunden werden, was mit dem restlichen Union-Gelände passieren könnte. Im Fokus stand dabei zunächst eine Halle von ca. 6 Hallen, die nun der Stadt gehören. Inwiefern die Hallen erhalten und genutzt werden können, ist derzeit noch unklar.
Beim Workshop zum Thema Kultur und beim öffentlichen Ideenabend wurden insbesondere solche Vorschläge genannt, die man als Kulturzentrum zusammenfassen kann, d.h. möglicherweise eine Halle als gemeinsamer Raum für Veranstaltungen (Konzerte, Ausstellungen, Konferenzen) und evtl. separate Bereiche als Ateliers oder Proberäume. Und aus dem Sportbereich gab es Wünsche nach einer Halle für sportliche Aktivitäten. Das beauftragte Planungsbüro soll im November 2026 ein Konzept vorstellen.
Zur Westfälischen Union gehörte das Drahtwerk in Lippstadt, das bis 1974 bestand, und einst mit fast 800 Arbeitern der größte Arbeitgeber Lippstadts war. Mit dem Firmennamen „Union“ war gemeint, dass die Firma ein Zusammenschluss aus mehreren, ursprünglich konkurrierenden Unternehmen war.
Der Draht (anfangs aus Eisen, später aus Stahl) wurde in Lippstadt durch Walzen in einer Stärke von z.B. 10 mm hergestellt
und in Belecke durch Ziehen verjüngt (dünner gezogen).
Zu den gebräuchlichen Endprodukten zählten Zaundraht, Maschendraht, Bindedraht, Drahtstifte (Nägel),
Sprungfedern für Sitzmöbel und Matratzen, Speichendraht für Fahrräder, Telegrafendraht, Stacheldraht,
Siebdraht, Drahtgewebe, und Einlegedrähte für Autoreifen.
In Lippstadt wurden später auch Drahtseile hergestellt, d.h. mehrere Drähte wurden miteinander verseilt,
z.B. als Tragseile für Brücken. Dazu unten mehr.
Drahtwerke im Ruhrgebiet und in Westfalen zählten zu den bedeutendsten Versorgern des deutschen Marktes.
Und für Lippstadt ist zudem nicht zu unterschätzen, welche enorme Bedeutung diese Fabrik für die Entwicklung der Stadt hatte.
Das Werk wurde 1860 aufgrund der Eisenbahnstrecke in Lippstadt angesiedelt, die hier seit 1850 entlang läuft. Die Westfälische Union (WU) bzw. die Vorgängerfirma „Linhoff“ war der erste große Industriebetrieb in Lippstadt, angesiedelt an den Gleisen am damaligen südlichen Stadtrand. Somit war es dieses Werk, das Lippstadt entscheidend in die Zeit der Industrialisierung holte.
Der Vorläufer dieser Industrie waren Eisenwerke im Sauerland, wo auch die Ursprünge der deutschen Drahtherstellung liegen.
Rückblick: Z.B. im Siegerland und Sauerland wurde Eisenerz gefunden, das nachweislich seit dem Mittelalter abgebaut wurde. Ursprünglich war das Eisenerz noch an der Oberfläche erreichbar (Raseneisenstein) und konnte im Tagebau aus Löchern im Boden gegraben werden, nur bis zu 1 m tief. Als der Tagebau ausgebeutet war, musste man ab dem 16. Jahrhundert oder teils ab dem 18. Jahrhundert beginnen, Eisenerz in Stollen unter Tage abzubauen. Stollenbau war jedoch nichts neues, denn andere Metalle wie Blei, Kupfer, Zink (Buntmetalle) mussten schon seit 1.000 Jahren (seit dem 7. Jahrhundert) im Siegerland und Sauerland per Stollenbergbau gefördert werden.
Im heutigen Edersee (Stausee seit 1914) stehen die Reste eines Hüttenwerks
(↗Bericher Hütte), das dem Land Waldeck gehörte.
Auch noch heute, wenn der Edersee Niedrigwasser hat, tauchen Mauerreste dieser Bericher Hütte wieder aus dem Edersee-"Atlantis" auf
- ein beliebtes Fotomotiv.
1832 pachtete Mathias Linhoff aus Arnsberg die Bericher Hütte (82 Jahre bevor sie im Edersee versinken wird).
Herr Linhoff taucht gleich im Text in Belecke wieder auf.
In einem Hüttenwerk wird Eisenerz (Eisenoxid in Gestein) geschmolzen, um flüssiges Roheisen zu gewinnen. Dabei verwendete man Holzkohle als Brennmaterial, denn Holzkohle ist fast reiner Kohlenstoff, der dem Eisenoxid den Sauerstoff entzieht, so dass reines, flüssiges Eisen entsteht.
Die benötigte Holzkohle findet man als Rohstoff ebenfalls im Sauerland, nämlich in Form von viel Wald,
der als Brennholz für die früheren Holzkohle-Hochöfen abgeholzt wurde.
Die Öfen verbrauchten Unmengen an Holzkohle, und so waren die Wälder schneller abgeholzt als Bäume nachwachsen konnten.
Als der Wald knapper wurde, stieg der Preis für Holz und Holzkohle.
Aber gleichzeitig wurde Steinkohle aus dem Ruhrgebiet verfügbar
- um 1830 erst per Pferdebahn zum Rhein, später ab 1847 auch grob in unsere Richtung, nämlich per Eisenbahn über Hamm, Rheda nach Minden.
Herr Linhoff (hier ist er wieder) war erst zwei Jahre Pächter der Bericher Hütte an der Eder, da errichtete er zudem mit Geschäftspartnern ein Puddel- und Hammerwerk in Belecke (1834). Ausschlaggebend war die hier nutzbare Wasserkraft der Wester (Nebenfluss der Möhne) für Blasebälge und Hämmer. Da es als Puddelwerk bezeichnet wird, bedeutet dies die Umstellung von Holzkohle-Öfen auf Steinkohle-Puddelöfen.
Die Steinkohle musste per Pferdewagen rangeschafft werden. Das war zur Zeit der Werksgründung normal, weil es 1834 noch nirgendwo eine Eisenbahn gab. Knapp 20 Jahre später übertrug Mathias Linhoff 1853 die Werke an seine Söhne Anton und Theodor. Zu jener Zeit hatten konkurrierende Werke, z.B. in Hamm, bereits einen Gleisanschluss (seit 1847) für Steinkohle-Lieferungen.
Die Brüder ↗Anton und Theodor Linhoff legten ihre geerbten Eisenwerke zusammen. Dazu zählte das Werk in Belecke. Um für die benötigte Steinkohle aus dem Ruhrgebiet einen Eisenbahnanschluss zu erhalten, verlegten die Brüder 1860 ihre Walzdraht-Produktion von Belecke an die Bahnstrecke (seit 1850) in Lippstadt.
Man muss leider ehrlich sagen, dass Lippstadt außer der Bahnlinie kaum einen anderen Standortvorteil hatte. Hätte Bürgermeister Bertram sich nicht dafür eingesetzt, dass die Bahnstrecke in einem großen Bogen um Erwitte herum geführt und stattdessen bei Lippstadt entlang gelegt wird, hätten die Linhoffs sicherlich Erwitte als Standort ausgewählt. Auch die WLE wäre dann nicht in Lippstadt gegründet worden. Und 1892 hätte Sally Windmüller die Fabrik für Fahrzeuglampen (WMI/Hella) vielleicht nicht in Lippstadt angesiedelt. Auch die königlich-preußische Artillerie-Werkstatt wäre 1905 nicht von Deutz nach Lippstadt verlegt worden, und somit auch nicht Rothe Erde. Wahrscheinlich haben Lippstadt und Erwitte ihre Plätze getauscht.
Zurück zur Realität von 1860:
Für den Drahttransport zwischen den beiden Betrieben Lippstadt (Vorprodukte) und Belecke (Endprodukte) verkehrten täglich
vierspännige Frachtfuhrwerke zwischen den Orten.
Was muss der Höhenunterschied Lippstadt - Anröchte - Uelde/Effeln - Belecke eine Quälerei gewesen sein.
Die Pferde mussten zwischendurch zweimal an Gaststätten umgespannt werden.
Der Frachttransport wurde erst über 20 Jahre später erleichtert, nämlich als 1883 die neugegründete
WLE (damals noch „Warstein-Lippstädter Eisenbahn“) ihre erste Strecke in Betrieb nahm.
In Lippstadt gab es anfangs nicht genug Arbeiter, insbesondere keine Fachkräfte für Eisenverarbeitung. Und die Arbeiter aus Belecke wollten weiterbeschäftigt werden. Deshalb sind in der Anfangszeit Arbeiter aus Belecke zu Fuß zur Arbeit nach Lippstadt gegangen (6 Stunden?) - und kamen erst samstags zu Fuß wieder nach Hause.

Durch den Zuzug von Arbeitern aus dem katholischen Umland entstand der Lippstädter Süden
und wuchs die katholische Gemeinde.
Bevor die WMI (Hella) groß wurde (1911 Umzug von der Hospitalstraße an die Lüningstraße),
war die Westfälische Union mindestens 50 Jahre lang der größte Arbeitgeber Lippstadts,
und weitere 60 Jahre lang bedeutend.
Lippstadt war in der Reformation ab 1523 lutherisch (evangelisch) geworden, mit Ausnahme des Klosters St. Annen-Rosengarten. So gab es in der Stadt keine Kirche mehr, die katholisch war. Erst 275 Jahre später, als Zugeständnis für katholische Zugezogene, wurde die Nikolaikirche 1807 wieder katholisch und war dann fast 100 Jahre lang die einzige katholische Kirche in Lippstadt. Die katholische Gemeinde (St. Nicolai) war sehr arm, weil ihre Mitglieder überwiegend der Arbeiterklasse angehörten.
Seit der Ansiedlung des Drahtwerks verdoppelte sich die Einwohnerzahl Lippstadts innerhalb von 40 Jahren,
mit stark steigendem katholischen Anteil.
1896 wurde die neue, vierklassige Josefschule für 360 Kinder eingeweiht (damals an der Bökenförder Straße, also am anderen Ende des Schulhofs).
Aus heutiger Sicht faszinierend: Vom Antrag in Arnsberg, über Genehmigung, Planung, Bau,
bis zur Fertigstellung der Schule und Einzug vergingen zusammen nur 12 Monate.
1902 wurde die Josefkirche als zweite katholische Kirche Lippstadts eingeweiht.
Und 1906 wurde der Südliche Schützenbund gegründet.
In Lippstadt gab es die Besonderheit, dass man alteingesessene Lippstädter (evangelisch) von den zugezogenen Arbeitern (katholisch) ziemlich eindeutig an ihrer Konfession unterscheiden konnte. Das war politisch hochproblematisch, denn in Deutschland gab es während der 1870er Jahre den ↗Kulturkampf: Nach der Reichsgründung 1871 traute Reichskanzler Bismarck den Katholiken nicht, sich mit dem Deutschen Reich zu identifizieren, da sie sich stattdessen eher dem Papst zugewandt sahen, der sich 1870 für unfehlbar erklärt hatte. Viele Katholiken fühlten sich vom Staat unterdrückt.
In Lippstadt wirkte sich der Konfessionsunterschied auch bei den Wahlen zum Stadtparlament aus. Denn das preußische ↗Drei-Klassen-Wahlrecht (bis 1918) galt auch auf kommunaler Ebene. Es war ein Unrechtssystem: Die superreichen Bürger, in Lippstadt ca. 30 Kaufleute und Fabrikanten, bestimmten ein Drittel der Stadtverordneten. Ein weiteres Drittel wurde von ca. 100 überdurchschnittlich reichen Bürgern gewählt (das waren in Lippstadt überwiegend Evangelische). Und von allen übrigen Einwohnern, z.B. aus der katholischen Arbeiterklasse, erhielten in Lippstadt nur ca. 1000 Männer das Wahlrecht. Sie zusammen konnten ebenfalls nur ein Drittel der Stadtverordneten wählen. Den wahlberechtigten Arbeitern war klar, dass ihre Stimme sehr wenig zählte und so gingen sie oft gar nicht zur Wahl (geringe Wahlbeteiligung der 3. Klasse).
Meine Interpretation: Es gab nicht nur eine breite Stimmung gegen "die da oben" ("die machen ja eh was sie wollen"),
sondern speziell in Lippstadt aufgrund der konfessionellen Besonderheit
auch eine Stimmung gegen die evangelischen Alteingesessenen, die in ihrer Stadt halt traditionell das Sagen hatten.
Und umgekehrt hielten die alten Lippstädter wenig von der zugewanderten Arbeiterschaft.
Noch 100 Jahre später wird der Lippstädter Süden verpönt sein.
In der Altstadt trank man Bier vom evangelischen Lippstädter Dietrich Nies (Altes Brauhaus), und die Katholischen tranken Bier von Weissenburg (Ohm & Kleine waren zugezogen und katholisch). Das wurde erst nach 1920 egal, als Nies Weissenburg kaufte. Zudem wurde das Drei-Klassen-Wahlsystem in Preußen 1918 abgeschafft. Nicht nur, dass nun Frauen wählen durften, es durften auch erstmals alle Männer wählen.
Das Lippstädter Drahtwerk von Anton und Theodor Linhoff bestand erst 13 Jahre, da wurde es 1873 von Investoren aus Berlin gekauft. Sie führten drei konkurrierende Unternehmen zur ↗Westfälischen Union zusammen, nämlich das Unternehmen Cosack & Co. in Hamm (Puddel- und Walzwerke, Drahtzieherei, Drahtstiftfabrik), das Unternehmen Eduard Schmidt in Nachrodt und das Drahtwerk Linhoff in Lippstadt. Die Union beschäftigte insgesamt etwa 2.100 Arbeiter, Firmensitz wurde Hamm.
Wechsel zum Stahl: 1897 ging in Hamm eine neue, nach amerikanischem Vorbild gebaute Drahtstraße in Betrieb, die erste ihrer Art in Europa. Diese neue Anlage brauchte aber Rohmaterial in einer Menge und Qualität, die die eigenen Puddelöfen gar nicht liefern konnten. Deshalb wurde die Union 1898 an die ↗Phoenix AG angegliedert und bezog von dort Flussstahl. Auch in Lippstadt dürfte der Wechsel zum Stahldraht in dieser Zeit erfolgt sein. Die Phoenix AG mit Sitz in Duisburg-Ruhrort, die auch mehrere Bergwerke besaß, hatte ein Patent zur Stahlherstellung, wobei Eisen durch Zusatz von Kokspulver auf jede beliebige Härte gebracht werden kann.
1926 ging Phoenix ihrerseits in den neu gegründeten Vereinigten Stahlwerken auf, dem größten deutschen Montankonzern der Zwischenkriegszeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Westfälische Union, weiterhin mit Sitz in Hamm, 1951 Teil der Niederrheinischen Hütte AG mit Sitz in Duisburg. Diese wurde 1955 von der ↗August Thyssen-Hütte AG gekauft, dem großen Thyssen-Konzern mit Stammsitz in Duisburg-Hamborn. Für die Union war das positiv, denn die Drahtherstellung des gesamten Thyssen-Konzerns wurde in der Westfälischen Union zentralisiert - eine deutliche Aufwertung ihrer Rolle im Konzern.
Lippstadt blieb weiterhin ein Werksstandort. Die von 1962 bis 1977 erschienene Werkszeitung „Der direkte Draht“ beschreibt sich ausdrücklich als gemeinsame Zeitung für die Belegschaft der Standorte Duisburg, Essen, Altena, Hamm, Lippstadt, Oesede und Aschau.
„Union liefert Rekordbrückenseil“ schrieb der Patriot 1965. Es handelte sich um 400 Tonnen Seil mit einem Durchmesser von 82 mm für eine 292 m lange Rhein-Brücke bei Karlsruhe. Die Herstellung der Seile dauerte mehrere Monate und kostete einige Millionen Mark. Die Brücke mit acht fächerförmig angeordneten Schrägseilen wurde im Dezember 1966 für den Verkehr freigegeben.
Ein weiterer Auftrag war für die 687 m lange Rheinbrücke Leverkusen, ebenfalls getragen
von acht Schrägseilen (500 Tonnen Seil) aus Lippstadt.
Bei der Rheinbrücke Bonn-Nord kam ein anderes Konstruktionsprinzip zum Einsatz: hier wird die Brücke von 80 Seilen
gehalten, von denen aber nur 20 aus Lippstadt stammen.
Genau diese Rheinbrücke Bonn-Nord ist seit dem 3. Juni 2026 vollständig gesperrt,
nachdem statische Nachrechnungen erhebliche Defizite ergeben hatten.
Die Rheinbrücke Leverkusen wurde 2024 abgerissen und ist bereits teilweise ersetzt (vollständiger Ersatz bis 2027).
Und die Rheinbrücke Karlsruhe wurde 2018 saniert.
Alle diese Brücken tragen heute die dreifache Verkehrsbelastung von dem, für was sie in den 60er Jahren ausgelegt wurden.
Man könnte denken, dass zu der Zeit der Brückenseil-Aufträge alles bestens lief.
Aber dem war nicht so. Ich habe eine Aussage des Gewerkschaftssekretärs Franke gefunden:
„Man erinnert sich an die Rezession 1966/67 als ebenfalls Menschen entlassen wurden
und gerade viele ältere Arbeitnehmer verzweifelt waren, als man sie angeblich nicht mehr benötigte,
als man glaubte, sie mit ein paar tausend Mark zufriedengestellt zu haben.
Und man kann die Gewerkschaften besser verstehen, wenn sie im Angesicht solcher Beispiele,
wie nun bei der Union in Lippstadt, nach mehr Mitbestimmung rufen.
Die Arbeitnehmer sind ja schutzlos ihrem Schicksal preisgegeben [...].“
Das Zitat liefert leider keine Zahl, wie viele Arbeiter 1967 entlassen wurden.
Für 1973 werden 600 Menschen als verbliebene Belegschaft genannt.
In den 1970er Jahren begann die Stahlkrise im Ruhrgebiet: Konkurrenz aus Japan, sinkende Weltmarktpreise, Überkapazitäten der deutschen Stahlindustrie, und zunehmender Kostendruck durch veraltete Anlagen an Traditionsstandorten. 1971 kam es zu Fusionen innerhalb des Thyssen-Konzerns. In genau diese Zeit fällt auch das Ende des Lippstädter Standorts ...
Am 22. September 1973 zitierte die Tageszeitung Der Patriot die Belegschaft der Union:
„Wir wurden überrumpelt.
Am Dienstag, dem 18. September 1973, wurde die Belegschaft der Westfälische Union AG Lippstadt völlig überraschend von der Stilllegung bzw. Teilstilllegung des Werkes Lippstadt in Kenntnis gesetzt.
Die Belegschaft wurde von dieser Bekanntgabe um so mehr überrumpelt, als uns von der Werks- bzw. Unternehmensleitung vielfach erklärt worden war, das Werk Lippstadt sei das z. Z. modernste Drahtwerk.
Wie ist es möglich, daß das modernste Drahtwerk stillgelegt wird, wenn andere Drahtwerke unter wesentlich ungünstigeren Produktionsmöglichkeiten existieren können?
Ist wirklich alles getan worden, um dieses Werk, das seine Existenz und Leistungskraft über hundert Jahre bewiesen hat, zu erhalten?
Kann man 600 Menschen, die diesem Werk zusammen 10.000 Jahre gedient haben, einfach auf die Straße setzen?
... Wir bitten Rat und Verwaltung der Stadt, alle Schritte zu unternehmen, diesen Ruin von uns abzuwenden.“
Der Patriot schrieb:
„Es war erschütternd, wenn man dem Betriebsratsvorsitzenden Risch und der Delegation im Rathaussaal zuhörte, wie unbegreiflich allen diese plötzliche, völlig unerwartete Entscheidung des Unternehmens gekommen ist.
... In Anbetracht der Monostruktur Lippstadts ist eine solche Unternehmensentscheidung für unsere Stadt möglicherweise von weittragender Bedeutung.
... Es kamen dann die zehn Delegierten zu Worte, und es war teilweise erschütternd, hören zu müssen, wie ahnungslos die Belegschaft wie aus heiterem Himmel vor die vollendete Tatsache gestellt worden ist.
Einem alten Uniöner, der in sehr sachlicher und ruhiger Weise sein Anliegen vortrug, versagte plötzlich die Stimme, als er von „seinem Werk“ sprach und mit den Tränen zu kämpfen hatte,
als er von den 38 Jahren sprach, die er Uniöner ist.“
1973/74 wurde die Produktion in Lippstadt eingestellt, nach über 110 Jahren Betriebsgeschichte seit der Werksgründung 1860. Von Schließung betroffen war auch ein Drahtseilwerk in Oesede (heute Osnabrück-Georgsmarienhütte).
Zum Ende der 1970er Jahre wurden in Lippstadt Schornsteine abgerissen, die hundert Jahre lang das weit sichtbare (und auch riechbare) Symbol des Fortschritts und der Wirtschaftsleistung waren. Noch um 1900 waren rauchende Fabrikschlote stolz auf Ansichtskarten als Statussymbole in Szene gesetzt worden.

2022 erschien erstmals ein Buch über die Westfälische Union in Lippstadt. Auf ca. 130 Seiten beschreibt der Autor Dieter Olmesdahl ausführlich die Geschichte des Drahtwerks. Es ist für 22€ direkt ↗beim Verlag erhältlich.
Neulich erzählte mir jemand, dass er 1978 an der Unionstraße einen Aushilfsjob hatte. Damals waren die ehemaligen Union-Hallen als Lager an Hella vermietet. Als Lagerbestände ins neue Hella Zentrallager Erwitte (ZLE, gebaut 1973) umgelagert wurden, hat man es über die vorhandenen Gleisanschlüsse transportiert. Die Waggons wurden von einem ↗Unimog mit Schienenrädern (Zweiwegefahrzeug) gezogen.
In meiner subjektiven Erfahrung als Jugendlicher der 1980er und 90er Jahre, war die Westf. Union von der Öffentlichkeit recht schnell vergessen. Nur noch alte Männer am Tresen sprachen von der Union. Die Welt dreht sich weiter. Die neuen Sterne am Lippstädter Himmel hießen und heißen Hella und Rothe Erde. Ich vermute zudem, dass die anderen Lippstädter kaum Bezug zum Produkt Draht aufbauen konnten. Drähte und Seile sind keine schicken High-End-Produkte, über die man spricht. Dagegen ist ein Scheinwerfer wenigstens ein bisschen greifbarer - und passte gut zur Automobil-Euphorie ab den 1960er Jahren.
2002 kaufte die Firma Rüthener Nutzfahrzeuge das Areal an der Unionstraße von ThyssenKrupp. Einige Lagerhallen waren weiterhin als große Lagerflächen z.B. an Hella vermietet und wurden auch als Stellplätze vermietet. Eine geplante Wohnbebauung konnte aufgrund der Bodenbelastung durch das ehemalige Drahtwerk nicht realisiert werden.
Die bei der Stadt Lippstadt schon lange bestehende Planung für die Südtangente (Idee aus den 1990er Jahren?, Bebauungsplan von 2004) konnte nicht umgesetzt werden, weil die Stadt nicht über das nötige Grundstück verfügte. 2024 hat die Stadt endlich den Großteil des Union-Geländes zu einem geheimen Preis kaufen können. Hinzu kommen 3(?) Millionen Euro für Bodenarbeiten am verseuchten Grund des ehemaligen Drahtwerks. Der Bau der Südtangente soll von Ende 2026 bis 2027 dauern. Die Baukosten inkl. der Bodenarbeiten für die Altlasten sollen rund 9 Millionen Euro betragen, wovon rund 3 Millionen Euro vom Land NRW übernommen werden.