
Vor 10 Jahren war ich in Liesborn auf einem ehemaligen Bauernhof eingeladen. Zufällig hörte ich, wie sich draußen ältere Frauen unterhielten - auf plattdeutsch. Obwohl ich kein Wort verstanden habe, hat es mich berührt, weil es für mich als Lippstädter das erste Mal war, dass ich jemanden aus unserer Umgebung habe plattdeutsch sprechen hören - und das nicht zu Demonstrationszwecken, sondern weil es ihre Muttersprache war.
Die Heimatfreunde Bad Westernkotten stellen auf ihrer Website ↗plattdeutsche Texte und ↗plattdeutsche Audioaufnahmen bereit.
Weitere Tonaufnahmen: 2026 hat das Projekt ↗„Plattdeutsch bewahren“ der beiden Geseker Gerhard Schulte und Franz-Josef Koch einige Tonaufnahmen im Web veröffentlicht. Auf der verlinkten Seite finden Sie unten über 40 Audioaufnahmen plattdeutscher Erzählungen und Anekdoten.
Auf der Webseite wird erklärt: „Das Geseker Platt war bis zum Zweiten Weltkrieg die Sprache der sogenannten einfachen Leute, insbesondere der landwirtschaftlich geprägten Bevölkerung innerhalb der Stadt. Noch bis in die 1950er Jahre war es gängige Umgangssprache im Alltag. Erst in den 1960er Jahren wurde das Plattdeutsche bzw. das Niederdeutsche zunehmend vom Hochdeutschen verdrängt und verschwand nach und nach aus dem öffentlichen Sprachgebrauch.“
Dahingegen habe ich in Lippstadt noch nie jemanden plattdeutsch reden hören, auch nicht früher meine Großeltern. Auch meine Mutter kennt es nicht von ihren Lippstädter Großeltern. Weiß jemand von den Älteren, bis wann früher auch in Lippstadt platt gesprochen wurde? Gerne per E-Mail bei mir melden.
Auf einer ↗Webseite des LWL heißt es: „... im 18. und 19. Jh. führten der Ausbau des Schulsystems, die allgemeine Schulpflicht, doch auch das Aufkommen von preisgünstigen Druckerzeugnissen zu einem sprachlichen Wandel: auch die einfache Bevölkerung wurde nach und nach zweisprachig, zuerst in den Städten, dann auf dem Lande. In westfälischen Städten war bis zum Ersten Weltkrieg dieser Wandel weitgehend abgeschlossen, auf dem Lande dauerte er etwa eine Generation länger.“
Bei einer ↗Erhebung im Jahr 2016 wurde ermittelt, dass noch ca. 2 Millionen Menschen Plattdeutsch sprechen können, überwiegend ältere Leute. Als Schriftsprache ist westfälisches Platt kaum zu finden. In Westfalen hatten die Niederdeutschsprecher beim Übergang zum Hochdeutschen meistens die hochdeutsche Schriftsprache gewählt. Das Plattdeutsche wurde 2018 in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland aufgenommen.
In den nächsten vier Absätzen gibt es kurz ein paar sprachhistorische Infos, danach geht es unten weiter mit Westfalen und Lippstadt.
Die Silbe "platt-" bezeichnet tatsächlich das Flachland der norddeutschen Tiefebene. In Abgrenzung dazu war ursprünglich mit "Hochdeutsch" die Sprache der Leute im bergigen Rheingebiet gemeint. Deren rheinische Mundart hat aber wenig mit dem heutigen Hochdeutsch zu tun. Stattdessen meinen wir heute mit Hochdeutsch (Standarddeutsch) die Sprache, die Martin Luther ab 1522 durch seine Bibel-Übersetzung verbreitete (Reformation) und prägte, basierend auf dem ostmitteldeutschen Kanzleideutsch.
Weder Niederländisch noch Plattdeutsch haben die ↗zweite Lautverschiebung mitgemacht, die das Hochdeutsche prägt. Deshalb klingen und funktionieren Plattdeutsch und Niederländisch ähnlich. Z.B. gibt es das Wort "water" auf Platt und Niederländisch (und Englisch) - aber im Hochdeutschen wurde bei der zweiten Lautverschiebung (während des 6. bis 8. Jahrhunderts n.Chr.) das "t" zu "s", also zu "Wasser".
Bei der ersten Lautverschiebung, die schon ab 1000 v.Chr. stattfand, hatten sich die Germanischen Sprachen z.B. vom Lateinischen weiter entfernt. Dabei wurde z.B. aus "p" ein "f", somit wurde z.B. aus lateinisch "pater" der "Vater" bzw. "father".
Dass Englisch und Plattdeutsch sich in einigen Sachen ähneln, liegt daran, dass Volksgruppen der Angeln, Sachsen und Jüten im 5. Jahrhundert nach Britannien einwanderten. Altenglisch entstand aus ihren damaligen Dialekten - vor der zweiten (hochdeutschen) Lautverschiebung. Im heutigen Englischen basieren ungefähr 30% der Wörter auf ihren Wortstämmen.
Das Platt in Norddeutschland und Westfalen ist ähnlich, weil beide Regionen ursprünglich
zum sächsischen Siedlungsgebiet gehörten und die Sprache des Volksstammes der Sachsen die gemeinsame Wurzel ist.
Aus dem Altsächsischen entwickelte sich das Mittelniederdeutsche, das in der Zeit der Hanse
sogar eine überregionale Schriftsprache im gesamten Nord- und Ostseeraum war.
Im ↗Oldenburger Münsterland ist
ein westfälisch gefärbtes Platt zu hören, das sich vom Platt des weiter nördlichen Oldenburger Landes hörbar abhebt.
Die gemeinsame Grundlage ist aber so stark, dass sich Sprecher aus beiden Gegenden meist ohne große Mühe verstehen.
Das Westfälische Plattdeutsch teilt sich in mehrere Regionaldialekte, z.B.
in Rietbergisch, Strombergisch, Lippisch, Mindisch, Paderbornisch und Sauerländisch.
Lippstadt lag und liegt nicht nur politisch in einem Mehrländereck, sondern auch sprachlich.
Auf Höhe von Erwitte und Soest sprach man südwestfälisches Platt.
In Wadersloh, Langenberg und Lippetal sprach man Münsterländer Platt,
hingegen zählen Rietberg (Rietbergisch) und Salzkotten (Paderbornisch) zu den ostwestfälischen Dialekten.
Dies erkennt man auch auf der ↗Landkarte
der Geographischen Kommission für Westfalen.
Bezüglich des Niederdeutschen in Lippstadt habe ich Folgendes gefunden: Das Lippstädter Gründungs-Epos Lippiflorium, ein langes Gedicht von um 1250, wurde 1487 aus dem Lateinischen ins Niederdeutsche übersetzt. Dadurch konnten nach über 200 Jahren endlich auch breite Bevölkerungsschichten das Gedicht über ihre Lippestadt verstehen. Für Westfalen markiert die Übersetzung die Frühphase des bewussten volkssprachlichen Schrifttums. Das stärkte sicherlich die Selbstwahrnehmung der Stadtgesellschaft, und zudem konnte man nun die eigene Stadt sogar literarisch nach außen repräsentieren.
Und nur 36 Jahre später wurde Lippstadt die erste (oder nach Minden zweite) reformatorische Stadt Westfalens (ab 1523/24), wo es auch darum ging, dass Laien religiöse Texte selber lesen und verstehen wollten. Nur ein Jahr nachdem Martin Luther seine erste deutsche Bibelübersetzung veröffentlichte, kehrte Johannes Westermann nach seinem Studium 1523 als Doktor der Theologie nach Lippstadt zurück und predigte hier die neue Lehre nach Luther, vermutlich die erste reformatorische Predigt in Westfalen. Westermann hatte so großen Zulauf, dass er von der Brüderkirche in die größere Marienkirche ausweichen musste. Die von ihm gehaltenen Fastenpredigten wurden 1524 als Buch gedruckt, der „Lippstädter Katechismus“. Damit wurde Lippstadt womöglich zu einem der ersten Druckerei-Standorte in Westfalen. Der Lippstädter Katechismus war das erste evangelische Buch Westfalens und das erste deutschsprachige Lehrbuch in Westfalen. Es erschien auf mittelniederdeutsch, damit es hier jeder verstehen konnte.
Wer etwas weiß, wie lange sich Plattdeutsch im städtischen Raum Lippstadts gehalten hatte, gerne bei mir melden.
Die hiesige VHS listet derzeit nur einen Kurs zum Thema Plattdeutsch auf, nämlich die ↗Plattdeutsche Schule in Belecke. Beschreibung: Offene Gruppe, in der alle Plattdeutsch-Interessierten willkommen sind.
Der ↗plattdeutsche Arbeitskreis im Traditionsverein Störmede tritt sich zur plattdeutschen Runde im Heimathaus Störmede.
Die Gemeinde Anröchte berichtet über ein Buch-Projekt ↗„Anröchter Platt“. Das Buch von 2024 ist jedoch schon ausverkauft. Die Geschichte des ↗„Heimatvereins Anröchte geht zurück auf Mitglieder, die sich in den 1980er Jahren für den Erhalt des Plattdeutschen einsetzten.
Die ↗Freunde der plattdeutschen Sprache im Rietberger Heimathaus bieten gemütliches Klönen am Kamin von Oktober bis April.
Das ↗Museum Abtei Liesborn lud 2025 zum plattdeutschen Nachmittag ein. Eingeladen waren „auch die Plattdeutsch-Krinkgruppen aus der Großgemeinde Wadersloh, die gemeinsam ein Zeichen für den Erhalt des westfälischen Sprachguts setzen.“
Der Lippische Heimatbund hat ein ↗Platt-Wörterbuch und bietet ↗Lippisch Platt auf CD für Grundschulen.
Das ↗Mundart-Archiv am Museum Eslohe verweist auf das ↗Mundartarchiv Sauerland, wo es Toninterviews mit 267 Mundart-Sprechern aus 129 verschiedenen Herkunftsorten gibt, erhältlich als Hefte mit CD.
Weitere Seiten: ↗Podcasts auf Platt NRW, sowie das ↗Forum Niederdeutsch des Westfälischen Heimatbunds.