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Magnolien ... und die Evolution

Fotos von Julia Rosenthal, Lippstadt im März 2026



Foto von Magnolie
Magnolie an der Nikolaischule mit Blick auf die Marienkirche
Magnolienbaum
Magnolie vor der VHS im Wohnpark Süd
Nahaufnahme von Magnolienblüten
Blütenmeer
Magnolien und ihre beeindruckenden Blüten

Kaum sind die Schneeglöckchen ver­blüht, blühen schon die Magno­lien - und ge­hören damit zu den ers­ten Blüh­pflanzen im Früh­ling. Auf den Fotos er­kennt man, dass die Bäume noch keine grünen Blät­ter tragen. Diese "falsche" Reihen­folge von Blüten und Blät­tern ist ein beson­de­res Merk­mal der Magno­lien (und z.B. der Zier­kirsche). Ebenso sind die auf­fällig großen Blüten der Magnolie ein beson­de­res Merkmal. Und das von Natur aus - fast ohne Züch­tung.

Magnolien gehören zu den ältesten Blüten­pflanzen über­haupt. Fossilien zei­gen, dass Magnolien­gewächse be­reits in der Kreide­zeit exis­tier­ten, vor ca. 120 Millio­nen Jah­ren. Vorher gab es noch keine Blüh­pflanzen. In der Vor­zeit gab es z.B. Farne und Nadel­bäume, deren Ver­mehrung ohne Blüten aus­kommt. Farne produ­zie­ren keine Pollen und Samen, sondern Sporen, die mit­hilfe von (Tau)Wasser be­fruch­tet werden. Nadel­bäume bilden Pollen­zapfen und Samen­zapfen, die mit­hilfe des Windes be­stäubt werden. Nachteil: der Wind treibt die Pollen irgendwo hin, wo die meisten ver­loren gehen.

Die Zapfenschuppen entwickel­ten sich aus speziali­sier­ten Blättern. Auch Blüten sind eine Speziali­sie­rung von Blättern. Sowohl Zapfen als auch Blüten haben eine spiralige An­ordnung. Der Vor­teil einer offe­nen Blüte ist, dass Insek­ten hinein­krabbeln können und un­wissent­lich zur Be­stäu­bung bei­tra­gen. Doch in der Kreide­zeit gab es noch keine Bienen - weil es ja bis dahin auch noch keine Blüten ge­geben hatte.

Aber fliegende Käfer gab es in der Kreide­zeit schon. Und als Lande­platz für Käfer muss­ten die Blüten der Magnolie recht robust sein. Das er­klärt, warum diese prä­histori­schen Blüh­gehölze solch große Blüten haben.
Damals gab es noch keinen Nektar, um Insekten für ihren Besuch zu be­lohnen. Statt­dessen ent­wickelte sich erst mal Duft zur An­lockung - und sogar eine Blüten-Heizung. Ein speziel­les Protein ver­braucht mehr Zucker als nötig und er­wärmt da­durch die Blüte. Das lockt Insek­ten an, die zwi­schen den großen Blüten­blättern eine be­heizte Wohnung vor­finden.

Was hat das mit „historisches Lippstadt“ zu tun?
1855 stellte der Schulleiter Julius Ostendorf den 26-jähri­gen Hermann Müller als Lehrer für Natur­wissen­schaf­ten ein. Anfangs interes­sierte sich Müller für Mineralo­gie, später für Moose und Insek­ten. Er unter­suchte die Fauna in Höhlen und fand augen­lose Käfer. Das passte zur neuen Evolutions­theorie von Charles Darwin. Müller er­kannte früh, welchen außer­ordent­li­chen Fort­schritt die Evolu­tions­theorie für die Bio­logie be­deu­tete.

Hermann Müller bemerkte, dass es wahr­schein­lich wechsel­seitige An­passun­gen zwischen Pflanzen und Tieren ge­geben hatte. Er unter­suchte dies be­züg­lich Blüten und Insek­ten. Darüber tauschte er sich in einem Brief­wechsel mit Charles Darwin aus.

Müller beschrieb in seinem Werk „Die Be­fruch­tung der Blumen durch Insek­ten und die gegen­seiti­gen An­passun­gen beider“ (1873), z.B. dass es Blüten gibt, an deren Nektar nur Insek­ten mit langem Rüssel ge­langen, z.B. die Hummel. Der Vor­teil für die Pflanze ist, dass der Nektar nicht flüchtig ge­klaut werden kann, ohne an­haften­de Pollen mit­zuneh­men. Die Be­stäu­bung durch die große Hummel funktio­niert zu­verläs­si­ger. Und z.B. bei der Hummel be­durf­te es einer An­passung des Rüssels, um zu­verläs­sig an den Nektar zu ge­langen.

Charles Darwin schrieb: „Der Wert von Müllers Buch kann kaum über­schätzt werden ... er ist ein äußerst fähiger Be­urteiler“. Kurz vor Müllers Tod er­fuhr seine wissen­schaft­li­che Arbeit ihre An­erken­nung durch die Ver­leihung des Profes­soren­titels (1883). Hermann "Müller - Lippstadt" gilt als Ent­decker der Co-Evolu­tion.

Nochmal zurück zu den Magnolien: Die ursprüng­li­chen Blüten­pflanzen der Kreide­zeit lock­ten zufäl­li­ge, unspezia­li­sier­te Insek­ten an, vor allem Käfer. Solange es erst wenige Blüten­pflanzen gab, wäre es für Insek­ten un­vorteil­haft ge­wesen, sich da­rauf zu spezia­li­sie­ren.
In der Kreidezeit gab es Raub­wespen, die andere Insek­ten fressen. Als es mehr Blüten gab, die zudem auch Nektar bereit­stell­ten, wurde eine Speziali­sie­rung immer vorteil­hafter. Und so ent­wickel­ten sich aus den Wespen die Bienen, die nicht mehr andere Insek­ten über­fallen, sondern sich von Pollen und Nektar er­nähren. Und die Blüten pass­ten sich an, indem mehr Nektar bereit­gestellt wurde. Das ist eine Ko­evolution in der Art, ähnlich wie Hermann Müller es in Lipp­stadt in seinem Buch be­schrieb.

Text: Jörg Rosenthal, 2026.



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