



Kaum sind die Schneeglöckchen verblüht, blühen schon die Magnolien - und gehören damit zu den ersten Blühpflanzen im Frühling. Auf den Fotos erkennt man, dass die Bäume noch keine grünen Blätter tragen. Diese "falsche" Reihenfolge von Blüten und Blättern ist ein besonderes Merkmal der Magnolien (und z.B. der Zierkirsche). Ebenso sind die auffällig großen Blüten der Magnolie ein besonderes Merkmal. Und das von Natur aus - fast ohne Züchtung.
Magnolien gehören zu den ältesten Blütenpflanzen überhaupt. Fossilien zeigen, dass Magnoliengewächse bereits in der Kreidezeit existierten, vor ca. 120 Millionen Jahren. Vorher gab es noch keine Blühpflanzen. In der Vorzeit gab es z.B. Farne und Nadelbäume, deren Vermehrung ohne Blüten auskommt. Farne produzieren keine Pollen und Samen, sondern Sporen, die mithilfe von (Tau)Wasser befruchtet werden. Nadelbäume bilden Pollenzapfen und Samenzapfen, die mithilfe des Windes bestäubt werden. Nachteil: der Wind treibt die Pollen irgendwo hin, wo die meisten verloren gehen.
Die Zapfenschuppen entwickelten sich aus spezialisierten Blättern. Auch Blüten sind eine Spezialisierung von Blättern. Sowohl Zapfen als auch Blüten haben eine spiralige Anordnung. Der Vorteil einer offenen Blüte ist, dass Insekten hineinkrabbeln können und unwissentlich zur Bestäubung beitragen. Doch in der Kreidezeit gab es noch keine Bienen - weil es ja bis dahin auch noch keine Blüten gegeben hatte.
Aber fliegende Käfer gab es in der Kreidezeit schon. Und als Landeplatz für Käfer mussten die Blüten der Magnolie recht robust sein.
Das erklärt, warum diese prähistorischen Blühgehölze solch große Blüten haben.
Damals gab es noch keinen Nektar, um Insekten für ihren Besuch zu belohnen. Stattdessen entwickelte sich erst mal Duft zur Anlockung - und sogar eine Blüten-Heizung.
Ein spezielles Protein verbraucht mehr Zucker als nötig und erwärmt dadurch die Blüte. Das lockt Insekten an, die zwischen den großen Blütenblättern eine beheizte Wohnung vorfinden.
Was hat das mit „historisches Lippstadt“ zu tun?
1855 stellte der Schulleiter Julius Ostendorf den 26-jährigen Hermann Müller als Lehrer für Naturwissenschaften ein.
Anfangs interessierte sich Müller für Mineralogie, später für Moose und Insekten.
Er untersuchte die Fauna in Höhlen und fand augenlose Käfer.
Das passte zur neuen Evolutionstheorie von Charles Darwin. Müller erkannte früh, welchen außerordentlichen Fortschritt die Evolutionstheorie für die Biologie bedeutete.
Hermann Müller bemerkte, dass es wahrscheinlich wechselseitige Anpassungen zwischen Pflanzen und Tieren gegeben hatte. Er untersuchte dies bezüglich Blüten und Insekten. Darüber tauschte er sich in einem Briefwechsel mit Charles Darwin aus.
Müller beschrieb in seinem Werk „Die Befruchtung der Blumen durch Insekten und die gegenseitigen Anpassungen beider“ (1873), z.B. dass es Blüten gibt, an deren Nektar nur Insekten mit langem Rüssel gelangen, z.B. die Hummel. Der Vorteil für die Pflanze ist, dass der Nektar nicht flüchtig geklaut werden kann, ohne anhaftende Pollen mitzunehmen. Die Bestäubung durch die große Hummel funktioniert zuverlässiger. Und z.B. bei der Hummel bedurfte es einer Anpassung des Rüssels, um zuverlässig an den Nektar zu gelangen.
Charles Darwin schrieb: „Der Wert von Müllers Buch kann kaum überschätzt werden ... er ist ein äußerst fähiger Beurteiler“. Kurz vor Müllers Tod erfuhr seine wissenschaftliche Arbeit ihre Anerkennung durch die Verleihung des Professorentitels (1883). Hermann "Müller - Lippstadt" gilt als Entdecker der Co-Evolution.
Nochmal zurück zu den Magnolien: Die ursprünglichen Blütenpflanzen der Kreidezeit lockten zufällige, unspezialisierte Insekten an, vor allem Käfer.
Solange es erst wenige Blütenpflanzen gab, wäre es für Insekten unvorteilhaft gewesen, sich darauf zu spezialisieren.
In der Kreidezeit gab es Raubwespen, die andere Insekten fressen.
Als es mehr Blüten gab, die zudem auch Nektar bereitstellten, wurde eine Spezialisierung immer vorteilhafter.
Und so entwickelten sich aus den Wespen die Bienen, die nicht mehr andere Insekten überfallen, sondern sich von Pollen und Nektar ernähren.
Und die Blüten passten sich an, indem mehr Nektar bereitgestellt wurde. Das ist eine Koevolution in der Art, ähnlich wie Hermann Müller es in Lippstadt in seinem Buch beschrieb.