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Titelseite Buch Lippiflorium von 1900


Das Lippiflorium des Magisters Justinus.
Ein westfälisches Heldengedicht, um 1250.

Gründungsepos der Stadt Lippstadt

• Web-Vorwort
• Buch-Vorwort des Übersetzers:
Einführung (Seite 5 - 20)
• Lippiflorium des Magisters Justinus:
Gedicht (nur deutsch)


Web-Vorwort von Jörg Rosenthal

Danke Justinus, wer auch immer du warst, dass du dein Lippi­florium vor fast 800 Jah­ren über Lipp­stadt und die Fami­lie zur Lippe ver­fasst hast. Die Chroni­ken ande­rer west­fäli­scher Städte, wie Dort­mund, Soest oder Münster, wurden erst 300 Jah­re später auf­ge­schrie­ben.

Magister Justinus war mögli­cher­weise Schul­rektor in Lipp­stadt. Aus Dank habe er ein ↗Lob­gedicht aus 1.026 Zei­len über die Fami­lie des Stadt­gründers von Lipp­stadt ge­schrie­ben. Die Verse hat er auf Latein ver­fasst, wie es bei Schrift­gebrauch damals üb­lich war (Latein­schule).

Das Gedicht ist reimlos, weil es in ↗Hexametern ver­fasst ist - einem antiken Vers­maß, das auf Rhyth­mus statt Reim basiert. Der Hexa­meter war das nobel­ste Vers­maß für Epen. Es funktio­niert mit grie­chi­schen und latei­ni­schen Silben­längen, aber in der deut­schen Nach­ahmung mit­tels Betonung funktio­niert es leider nicht gut.

Für diese Webseite habe ich nur die neu­hoch­deutsche Über­set­zung aus dem Jahr 1900 ge­nom­men, aus dem Buch von Herman Althof. Mit etwas Stolz kann ich sagen, dass meine Web­seite erst­mals einen durch­such­baren Com­pu­ter­text (nach OCR der Fraktur­schrift) der Über­set­zung im Inter­net be­reit­stellt.

Das Buch von 1900 enthält abwech­selnd Seiten mit dem latei­ni­schen Ori­ginal und der deut­schen Über­set­zung. Man kann es als ein­ge­scann­tes Buch von der ↗Lippi­schen Landes­biblio­thek als PDF runter­laden.

Texte auf dieser Webseite
↓ Einführung (Seite 5 - 20)
↓ Gedicht (nur deutsch)

Lippstadts Stadtgründer Bernhard II. hatte einen sehr abwechs­lungs­reichen Lebens­lauf (Kloster­stifter, Ritter, Stadt­gründer, wunder­geheilt, Mönch, Kreuz­ritter, Bischof), was Justinus eine wunder­bare Vor­lage bot, um histo­ri­sche Er­eig­nisse mit lite­ra­ri­schen Moti­ven z.B. „der edle Ritter“, und christ­li­cher Hagio­graphie (Texte über Heiligen­leben oder Wunder­taten) und dem Format des höfi­schen Epos (geho­be­nes Helden­gedicht) ver­bin­den zu können.

Der Titel „Lippiflorium“ ist eine latei­ni­sche Wort­zusam­men­setzung aus „Lip­pisch“ und „Blumen­garten“. Die Titel­wahl ist höchst symbo­lisch: Die Familie zur Lippe führte eine fünf­blätt­rige Rose (Lippi­sche Rose) im Wappen. Und ein „Flori­legium“ (Blüten­lese) war ein belieb­ter Titel für mittel­alter­liche Samm­lun­gen ausge­wähl­ter Texte und Lob­reden. Man kann das Lippi­florium viel­leicht meta­pho­risch als Blüten­lese deu­ten, mit den Helden­taten als Blumen im Gar­ten der Lippi­schen Familien­geschichte.

Der o.g. Untertitel „Helden­gedicht“ ist reiße­risch, aber das sind evtl. nicht die Worte von Justinus, son­dern es ist der Buch-Unter­titel des Über­setzers ↗Herman Althof von 1900. Wie man an dessen Vor­wort leicht er­kennen kann, bindet er es in den blühen­den National­stolz seiner Zeit ein. Und er ver­wen­det das Wort Held~ in sei­nem Vor­wort eben­so infla­tio­när wie in sei­ner Über­set­zung.

Im Gedicht findet sich auch die ↓Mantel­anekdote über die Teil­nahme von Bern­hard II. bei der Reichs­versamm­lung in Mainz (1184) und seiner Ver­ein­ba­rung mit dem Kaiser be­züg­lich der Grün­dung einer Stadt (Lipp­stadt). Zu dieser Sage, die als sepa­rate Ge­schichte von Bänkel­sängern auf Jahr­märkten vorge­tragen wor­den sein soll, habe ich eine eigene Unter­seite ein­ge­rich­tet, siehe Mantel­anekdote.

Das Lippiflorium war vermut­lich um 1250 oder 1260 er­schie­nen, also ca. 70 Jah­re nach Lipp­stadts Stadt­gründung und 30 bis 40 Jah­re nach­dem der Stadt­gründer Bern­hard II. zu­letzt in Lipp­stadt war. Justinus be­zeich­net sich selbst als Alters­genosse des Enkels, Bern­hard III. So muss man sich fragen, inwie­fern das Lob­gedicht noch als histo­risch-zeit­genös­sische Quelle taugt.

Kritik an der Herrschafts­familie ge­hörte sicher­lich nicht in eine schrift­li­che Auf­zeich­nung, mit der man sei­nen Dank aus­drücken wollte. Zudem hat die Dich­tung einen auf­fal­len­den Mangel an his­to­ri­schen Einzel­heiten. Justinus schreibt selbst „Wie es die Fama mich lehrt“, d.h. er hat es nach münd­li­chen Über­liefe­run­gen ver­fasst. Ein Kriti­ker schrieb, dass hier eine "arme Sage" (mit nur dürf­ti­gen histo­ri­schen Fak­ten) in "reicher Scenerie" gemalt wurde, also lite­ra­risch reich aus­ge­schmückt wurde.


op platt: „Dat Lippeflorer“

In Westfalen wurde nieder­deutsch (platt­deutsch) als Alltags­sprache ge­spro­chen. 230 Jahre nach dem Er­schei­nen des latei­ni­schen Lippi­floriums wurde deshalb eine nieder­deutsche Über­setzung in Auf­trag ge­geben (1487), auf Ver­an­las­sung der Augusti­ner­innen in Lipp­stadt (ehema­li­ges Nonnen­kloster neben der heuti­gen Stifts­ruine).
Die Übersetzung „Dat Lippeflorer“ wurde Bern­hard VII. zur Lippe ge­widmet, der die bau­fälli­gen Gebäude des Lipp­städter Stifts reno­vier­te und das Stift mit Ein­künf­ten ver­sorgte.


Foto von Handschrift
Foto anklickbar: Handschriften in der Lippischen Landesbibliothek Detmold

Dass Nonnen eine Übersetzung veran­lass­ten, könnte damit zu­sammen­hängen, dass Frauen keine Latein-Ausbil­dung be­kamen. Dahin­gegen war in Männer­klöstern eine fundier­te Latein­ausbil­dung Stan­dard, weil Mönche Predig­ten und theolo­gi­sche Texte ver­fassen muss­ten. Aber die meisten Nonnen er­hiel­ten nur Grund­kennt­nisse, um Psalmen richtig auf­sagen zu können. Es war für sie nicht not­wendig, den Inhalt zu ver­stehen.

Ein weiterer Grund für das Inter­esse an einer (nieder)deut­schen Über­set­zung könnte die auf­streben­de Bürger­schaft ge­wesen sein. Die west­fäli­schen Städte hat­ten im 13. Jahr­hundert die Hanse mit­be­grün­det. In den folgen­den Jahr­hunder­ten nahm die Alphabe­ti­sie­rung zu, denn Kauf­leute muss­ten nieder­deutsch lesen, schrei­ben und rech­nen können (Korres­pon­denz, Ver­träge, Rechnungs­bücher). Und für die städ­ti­sche Ober­schicht (Patri­ziat, Rats­mit­glieder) war es vorteil­haft, Texte zumin­dest lesen zu können.

Falls die Lippstädter damals Zu­gang zu der Über­setzung hat­ten, war das Lippi­florium sicher­lich ein wichti­ges Medium kollek­tiver Identi­täts­stiftung. Für West­falen mar­kiert die Über­set­zung die Früh­phase des bewuss­ten volks­sprach­li­chen Schrift­tums.
Und nur 36 Jahre später wurde Lipp­stadt die erste reforma­to­ri­sche Stadt West­falens (ab 1523/24), wo es auch darum ging, dass Laien reli­giöse Texte selber lesen und ver­stehen woll­ten.

Stellen Sie sich mal vor, wie Sie das Lesen für sich ent­decken - und es gibt sogar ei­nen Gründungs­epos über Ihre Heimat­stadt, den Sie lesen kön­nen. Das stärkt nicht nur die Selbst­wahr­neh­mung der Stadt­gesell­schaft, zudem konnte man nun die eigene Stadt sogar litera­risch nach außen re­präsen­tie­ren.


Webseite: Jörg Rosenthal, 2025.
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Herman Althof, 1900
(↓ zum Gedicht springen)

Seite 5

Zur Einführung.

Die Söhne der ↗roten Erde sind ein kerniges und tüchtiges Geschlecht,
welches das Eisen wacker zu handhaben weiß in ernster Arbeit
des Krieges und des Friedens, aber träumerisch und wenig mitteil-
sam gleich Utlands Helden, die lieber handeln als reden wollen.
Dürftig sind daher die Erzeugnisse der mittelalterlichen Geschichts-
schreibung Westfalens, dürftiger noch, was uns an literarischen Denk-
mälern der älteren Zeit erhalten ist.

Doch ist in Westfalen das älteste historische Heldenlied erklungen,
von dem uns die deutsche Geschichte berichtet: unter den Eichen des
Teutoburger Waldes, deren alte Wipfel einst auf die bleichenden
Gebeine der stolzen römischen Legionen herabschaueten, ertönte noch
zu Tacitus’ Zeiten jetzt längst vergessene Lieder, in denen dankbare
Enkel die Taten des kühnen Cheruskerfürsten, des Befreiers vom
Joche der verhaßten Fremdherrschaft, priesen. Und als die trotzigen
Sachsenmänner das Knie vor dem Kreuzeszeichen zu beugen gelernt
und die milde Christuslehre in den rauhen Herzen ihre Wurzeln ge-
schlagen hatte, da schilderte ein frommer Sänger an den Ufern der
Ruhr seinen lausfenden Stammesgenossen den Heilond der Welt, wie
er gleich einem deutschen Volksfürsten, umgeben von der Schar seiner
treuen Mannen, mit milder Hand die Gaben des ewigen Heiles
spendend, die Gaue des Sachsenlandes durchzieht; er dichtete den
Heiland, nach Dilmar’s Urteil das bei weitem trefflichste, vollend-
etste und erhabenste, was die christliche Poesie aller Völker und aller
Zeiten hervorgebracht, das einzige wirkliche christliche Epos.

Ein Menschenalter hindurch hatten die freiheitsliebenden Sachsen
mit dem großen Kaiser Karl gerungen, bis es dem Gewaltigen ge-
lang, auch sie dem Scepter zu unterwerfen, welches über alle ger-
manischen Stämme herrschte, die nach den wilden Stürmen der Völker-
wanderung nationale Eigenart bewahrt hatten. Aber als hundert

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Jahre dahingegangen, da war das Weltreich Karls d. Gr. zerfallen,
die deutschen Könige aus seinem Geschlechte ins Grab gesunken und
Deutschland von barbarischen Feinden rings bedroht, im Innern von
wilden Fehden durchtoht, ein Bild der Ohnmacht und Auflösung. Da
war es der sächsische Stamm, der einst so hartnäckig der Idee eines
einheitlichen Reiches widerstrebt hatte, welcher den gänzlichen Zerfall
desselben hinderte, und die thatkräftigen Könige aus dem Hause der
Ottonen verstanden es, die getrennten Stämme zu vereinen, die Erb-
feinde aufs Haupt zu schlagen, aufs neue die Kaiserkrone für Deutsch-
land zu gewinnen und dasselbe wiederum zur ersten Macht des Abend-
landes zu erheben.

Doch

„Der fromme Kaiser Heinrich war geboren, Des sächsischen Geschlechtes letzter Zweig, Das glorreich ein Jahrhundert lang geehrt,“

und die fränkischen und schwäbischen Kaiser walteten über Deutschlands Gaue. Aber das Sachsenland, als ob es den Verlust seiner führen- den Stellung nicht verschmerzen könne, war lange Zeiten hindurch der Hauptheer des Widerstandes gegen die Reichsgewalt. Und nicht nur in politischer Beziehung stand es bei Seite; es hat auch kaum einen Anteil gehabt an der herrlichen Blüthe der Poesie, welche vor allem die Hohenstaufenzeit zu der schönsten Periode unserer älteren Geschichte stempelt. Der nahegallen der ist vil sagt Gottfried von Straßburg im Tristan v. 4749, aber die modernen kunsstvollen und empfindsamen Weisen, welche die höfischen Dichter anstimmten, fanden wenig Anklang bei dem schlichten Sachsenvolke. Gering ist daher die Zahl der Minne- singer sächsischen Stammes, die sich alle bemühten, in hochdeutschem Tönen dem Geschmacke der neuen Zeit zu huldigen*. Daß der alte nationale Heldengesang, die Lieder von dem jugend- schönen Siegfried, dem löwenstarken Dietrich von Bern und den vielen

* Erwähnt sei von ihnen der Minnesänger Reinhold von der Lippe, der gegen Ende des 13. Jahrhunderts gelebt und einer der beiden Ministerialenfamilien dieses Namens angehört zu haben scheint, die über den Urkunden genannt werden; vgl. O. Preuß und A. Fallmann, Lippische Regesten, Nr. 88 und 744. Die Jenaer Liederhandschrift hat von ihm zwei dreistrophige Lieder von fröh- lichem, vielreimigem Bau überliefert, die einen religiösen Inhalt haben und bei D. v. Hagen, Minnesinger, 3. Bd. S. 505 ff. abgedruckt sind; vgl. auch 4. Bd. S. 75 ff.


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anderen gepriesenen Helden der Vorzeit, im Sachsenlande seine Pflege
fand, ist bei einem so kampfesfreudigen Stamme von vornherein an-
zunehmen und u. a. durch den Verfasser der aus der Mitte des drei-
zehnten Jahrhunderts stammenden nordischen Thidrekssaga bezeugt,
der alte deutsche Gedichte und Erzählungen deutscher Männer, nament-
lich aus Bremen und Münster, als seine Quelle nennt; aber solche
sächsische Lieder sind uns aus dieser alten Zeit leider nicht erhalten.
Für die moderne Epik aber mit ihren aus fremden Landen bezogenen
Stoffen und ihrem oft undeutschen und unwahren Gefühlsleben erwies
sich die rote Erde ebensowenig wie für die höfische Lyrik als ein ge-
eigneter Nährboden. Lieber als mit den fremdartig anmutenden
Gestalten aus dem Kreise der Gralsritter und den Genossen der Tafel-
runde des Königs Artus mag sich dort Sage und Lied mit den mann-
haften Helden des heimischen Landes, wie dem kühnen Heinrich dem
Löwen, beschäftigt haben.

Zwar ist uns aus dieser Zeit keine Dichtung erhalten, welche den
berühmten Welfen besingt, doch hat einer seiner treuesten Genossen
und Mitkämpfer, dessen Ruhm gleich dem seines Herzogs weit über
die Grenzen Westfalens hinaus geflogen ist, im dreizehnten Jahr-
hundert einen Sänger gefunden, der Edelherr Bernhard II. zur
Lippe.

Es ist das wunderbare Leben eines außerordentlichen Mannes,
welches uns in der heimischen Dichtung und in dürftigen geschicht-
lichen Ueberlieferungen aus Sachsen, Thüringen, dem Rheinland, Elb-
land und Frankreich entgegentritt. Früh dem geistlichen Stande ge-
widmet, vertauschte er, nach des älteren Bruders Tode zur Herrschaft
berufen, Brevier und Priestergewand mit Schwert und Ritterkleid.
Eifrig erfüllt er die Obliegenheiten seines neuen Standes, Kampf und
Krieg sind seine Lust, gewalttätig und schonungslos, dem Geiste einer
rauhen Zeit entsprechend, schreitet er auf seiner Bahn dahin, und bald
ist der Name des Mannes geehrt und gefürchtet, der an Tapferkeit
ein Achill, an klugem Rate ein Odysseus erscheint. Wacker führt er
sein Schwert in Fehden gegen die Feinde seines Hauses und kämpft,
mit unermüdeter Treue dem großen Welfenfürsten anhängend, als
dieser trotzig gegen Kaiser und Reich seine Sache mit den Waffen
verteidigt, als dessen Feldhauptmann, bis der Löwe, überwunden und
gedemütigt, endlich vor seinem Kaiser den stolzen Nacken beugt.
Aber der Landesverwüster und Städtezerstörer weiß nicht nur zu

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vernichten; er versteht auch zu erhalten und aufzubauen, als weiser
Regent rastlos thätig in den Werken des Friedens und Glanz und
Besitz des Hauses vermehrend, das ihn als den Schöpfer seiner Macht
verehrt. Die Kriegsfurie hat seine Länder verwüstet, aber bald er-
stehen aufs neue die Hütten des Landvolkes, der von Roßgespuren
zerstampfte Acker trägt wieder goldene Ähren, und friedliche Herden
beleben die grünen Triften. Schutzlos war sein Land bisher der Wut
neidischer Feinde preisgegeben; drum will er „feste Mauern gründen,
jedem Schutz und Schirm zu sein“, in denen ein freies Bürgertum
lebt und webt, die stärkste Stütze der Herrschermacht, wie der weit-
schauende Blick des lippischen Städtegründers früh erkannte.

Ein gepriesener Held, ein verehrter Landesherr, ein glücklicher
Familienvater, steht Bernhard da, nach Kämpfen, Nöten und Mühen
von der Sonne des Glücks bestrahlt; da schlägt die Hand des Herrn
seinen Leib mit schwerer Krankheit, und die erstarrten Glieder ver-
sagen dem rastlos Strebenden den Dienst. Lange kämpft der starke
Geist gegen die Schwäche des Leibes; dann aber ist der stolze Sinn
gebrochen, demütig liegt er vor dem Allmächtigen im Staube, und
reumütig erkennt er sein schweres Leid als eine gerechte Strafe für
begangene Frevel. Gott soll ihm Genesung verleihen, damit er ein
neues Leben beginnen kann; fahren lassen will er Glanz und Ehre,
Geld und Gut, Land und Leute, Weib und Kind, um ganz dem Herrn
sich zu weihen. Von sich wirft er den Fürstenmantel, hüllt den Leib
in härtenes Gewand und begehrt Einlaß an der stillen Klosterpforte.
Doch Singen, Beten und Fasten vermögen nicht ein Leben auszufüllen,
das bislang in rastloser Arbeit seine Aufgabe erblickt hat, und schlimme
Thaten können nur durch gute Werke gesühnt werden. Und so ver-
läßt er, neu gestärkt, die enge Klause, um wiederum auszuziehen zu
Kampf und Streit, aber im Dienste einer höheren Idee: ein Krieger
Gottes, bricht er auf zum fernen Ostseestrande, um mit dem Lichte
christlicher Lehre die finsteren Seelen des Heidenvolkes zu erleuchten
und die Pflanzungen deutscher Kultur unter wilden Barbaren zu ver-
teidigen und auszubreiten. Er wird zum Abte des lindländischen Klosters
Dünamünde erkoren, und schließlich schmückt die Inful das Haupt des
jugendlichen Greises, der bald, begeistert das Kreuz predigend, die
niederdeutschen Gaue durchwandert, bald den Seinen voran zieht in
den Kampf mit den grimmigen Heidenschaaren, bald als Kirchenfürst
und Regent eine vielseitige segensreiche Thätigkeit entfaltet, bis im

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Jahre 1224 der Tod der großartigen Wirksamkeit des hochbetagten
Greises ein Ziel setzt*.

Es ist leicht begreiflich, daß das seltene Heldenleben dieses Mannes,
der nach ruhmvollen Siegen über seine Feinde den schönsten Sieg über
sich selbst errang, den die dankbare Kirche selig sprach, sich tief dem
Gedächtnisse der bewundernden Volksgenossen einprägte und zu künst-
lerischer Verherrlichung lockte. Ihm erstand ein Herold seiner Thaten
in der Stadt an der Lippe, die er selbst gegründet, an der herrlichen
Kirche, die er dort erbaut, Magister Justinus, der Bernhards Leben
in eleganten lateinischen Distichen verherrlichte und sein Werk Lippi-
floriger (P. 1018) oder Lippiflorium (vgl. Titel und Schluß)
benannte.

Über des Dichters Leben wissen wir sehr wenig; Geburts- und
Todesjahr sind unbekannt. Er selbst bezeichnet sich D. 939––40 als
einen Altersgenossen Bernhards III., der von 1230––64 regierte. Nach
einer Urkunde vom Jahre 1309 (vgl. Lippische Regesten, Nr. 583;
Text in Laubmanns Ausgabe S. 135f.) ist er gegen Ende des drei-
zehnten Jahrhunderts als rector scolarum zu Lippstadt gestorben.
Auch sein Gedicht selbst läßt uns über den Beruf des Verfassers nicht
in Zweifel; daß er ein Geistlicher war, versteht sich bei einem gelehr-
ten Dichter jener Zeit von selbst. Vielleicht hat er zugleich seinem
Amtsnachfolger, Magister Dolmar, und manchen Dichtern der Zeit
Frankreichs Schulen besucht und sich in der daselbst (besonders zu Paris)
eifrig geübten lateinischen Verskunst vervollkommet. Justinus nennt
sich in der Unterschrift seines Gedichtes magister, Schulmeister, bittet
D. 993 f. um wohlwollende Beurteilung von seiten seiner Amtsge-
nossen, socii, und empfiehlt seine Dichtung D. 1003 f. zur fleißigen
Lektüre seinen Schülern, filioli, denen er noch weitere, uns unbekannte
Werke zu hinterlassen verspricht. Somit hat er selbst seine Schrift für

* Darstellungen von Bernhards Leben haben in neuerer Zeit außer Schefers- Boickoft (s. unten) verfaßt: H. C. Zispiersky, Graf Bernhard von der Lippe, ein Lebensbild aus der ältesten Geschichte Livlands, Riga 1858, 16 S. Separatabdruck aus dem Rigaischen Almanach für 1858. – A. Fedelmann, Hermann II., Bischof von Münster (1174–1203), und Bernhard II., Edelherr zur Lippe (1140–1224), zwei Lebensbilder aus der älteren westfälischen Geschichte nach Quellen und Ur- kunden, Münster 1866, S. 89–153. – A. Fallmann in der Allgemeinen deutschen Biographie, 2. Bd., 1875, S. 422–24. – H. Rothert, Bilder von der roten Erde, Lippstadt 1876, S. 1–22. – A. Piovert im Fürstl. Lippischen Kalender 1885.


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den Schulgebrauch bestimmt, und in der That war sie vortrefflich
geeignet, sowohl dem Studium der lateinischen Sprache und Verskunst
zu dienen als auch patriotische Gesinnung bei der Jugend zu wecken
und zu fördern. Liebe zum angestammten Herrscherhause war es auch,
die dem Dichter die Feder führte; er hat sein Epos seinem Gönner
und Wohltäter, dem Bischof Simon von Paderborn (reg. v. 1247—77),
einem Enkel des großen Bernhard, sowie dem Bruder und den übrigen
Verwandten des Bischofs gewidmet (D. 979), wodurch wir auch
annähernd die Zeit der Entstehung des Buches bestimmen können.
Da nämlich Simons Vater, Hermann II., der am 25. Dezember 1229
im Kampfe gegen die Stedinger fiel, D. 931 als tot beklagt wird,
der Dichter dessen Nachfolger, den 1264 verstorbenen Bernhard III.,
als lebend erwähnt, des dritten der Brüder aber, des Bischofs Otto
von Münster (reg. v. 1247—59), nicht gedenkt, so läßt sich daraus
schließen, daß das Lippiflorium in den Jahren 1259 bis 1264 ver-
faßt ist*.

Das Lippiflorium hat für uns zunächst einen historischen Wert,
da es die älteste selbständige Quelle der lippischen Geschichte ist und
in glaubwürdiger Weise Thatsachen überliefert, die in den ande-
ren Geschichtswerken der Zeit nicht berichtet werden. Aber obwohl
uns der Dichter frisch und lebendig das Leben des westfälischen
Odysseus von der Wiege bis zum Grabe schildert und bis zum Ende
das Interesse an dem Gegenstande seiner Darstellung zu fesseln weiß,
zeigt die Dichtung doch einen auffallenden Mangel an historischen
Einzelheiten. Scheffers-Boickoft S. 3 ist der Ansicht, daß der Dichter
nur quantum fama docet** (D. 40) uns überliefere und sich begnügt

* Während Dübert in seiner lippischen Chronik S. 290 angibt, unser Epos sei „Anno 1263 verfertiget“ (Quelle?), sagt Müller in seiner unten citirten Ge- schichte von Lippstadt S. 97, es sei Simon im Jahre 1271 übergeben worden, ohne diese Ansicht zu begründen. Auch für C. D. Brünjens Annahme in seinen Origines Germaniae, 1768, III, 182, daß Justinus gedichtet habe „auch noch zur Zeit des Krieges, den Bernhard (III.) gegen seine Feinde geführt, die auf das Jahr 1256 treffen, da man auf die Befreyung Bernhardi Bruoders, Simonis, Bischofs von Paderborn, bedacht war und eine Vergleichung mit Chur-Köln getroffen wurde“ (vgl. unten Anm. 3 zu D. 961), bietet das Gedicht keinen Anhalt; vielmehr kann man annehmen, daß Justinus, falls sein Gönner damals noch kriegsgefangen oder eben erst befreit gewesen wäre, seinen Hoffnungen oder seiner Freude Ausdruck verliehen hätte. ** A. Pünnenberg macht in seinem Aufsatze über den Liginarius, Forschungen


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habe, „den Inhalt einer armen Sage auf dem Grunde einer reichen
Scenerie zu malen“, während Winkelmann S. 18 und 51 seiner Aus-
gabe des Lippifloriums, allerdings ohne ausreichenden Grund, an-
nimmt, Justinus habe bei seiner Arbeit die Chroniken Arnolds von
Lübeck, Heinrichs von Lettland und Alberts von Stade benutzt. Daß
er nicht lediglich das aufzeichnete, was sich ein Menschenalter nach dem
Tode Bernhards das Volk von diesem erzählte, ergibt sich aus Stellen
der Dichtung (D. 427 f. und 809 f.), wo auf schriftliche Urkunden Bezug
genommen wird, und es ist von vornherein wahrscheinlich, daß sich
der Dichter, bevor er an die Ausführung seines Werkes ging, auf
alle mögliche Weise mit der Geschichte seines Helden vertraut gemacht
hatte, wozu es ihm bei seinen Beziehungen zu den Gliedern der Re-
gentenfamilie nicht an Gelegenheit fehlen konnte. Wenn Justinus
D. 39 bemerkt, daß ihm die Thaten Bernhards nicht völlig bekannt
seien, so will das für unsere Frage nicht viel bedeuten; daß er mehr
wußte, als er berichtet, kann man aus D. 915 f. schließen, wo es heißt,
daß die vollständige Schilderung der Thaten Bernhards das unglaub-
lige Staunen des Lesers hervorrufen würde. Auch betont er in den
vorbegehenden Versen, daß es ihm nur um eine kurze Darstellung
zu thun gewesen sei.

Justinus wollte nicht eine verifizierte Geschichte bieten, wie z. B.
der Dichter des Ligurinus und Gottfried von Viterbo verfaßten, die
beide die Thaten Friedrich Barbarossas zum Gegenstande ihrer
Dichtungen wählten, sondern nur in großen Zügen das Bild seines
Helden zeichnen, an geeigneten Stellen durch ausgeführte lebenswahre
Schilderungen seine dichterische Begabung darthun und durch mora-
lische und religiöse Betrachtungen, die sich an die dargestellten Er-
eignisse anschließen, gleichzeitig den didaktischen Zwecken dienen, die
ihm bei seiner Arbeit vor Augen schwebten.

Daraus erklärt sich die Gleichgültigkeit unseres Dichters gegen
historische Einzelheiten, besonders Namen. So wird Kaiser Friedrich I.
nur als Caesar oder rex, Heinrich der Löwe nur als dux bezeichnet.

zur deutschen Geschichte, II. 83., 1871, S. 265, darauf aufmerksam, daß kaum im Mittelalter neben der mündlichen Überlieferung auch die schriftliche bedeutete; vgl. Boethius II, 7, 12, wo es von Fabricius, Brutus und Cato heißt: Signat superstes fama tenuis paucuiis Inane nomen litteris; ferner Ligurinus 4, 153; 6, 13; 8, 28; 10, 49; Guilielmus Armoricus, Philippeis I, 10; I, 55; Gualterus de Insula, Alexandreis 3, 520.


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Die Gattin Bernhards preist Justinus als Muster aller weiblichen
Tugenden, doch ihren Namen verschweigt er ebenso wie die ihrer
beiden für die Ehre der Kirche von Utrecht gefallenen Söhne. Auch
den Ort, an dem der für die lippische Geschichte denkwürdige Reichs-
tag abgehalten wurde, nennt er nicht, obwohl er den Verlauf des
letzteren ausführlich schildert. Solche und andere von uns vermißte
Namen waren dem Dichter wahrscheinlich bekannt, oder er hätte sie
doch unschwer erfahren können, falls ihm an der Erwähnung der-
selben gelegen gewesen wäre.

Wenn er auf solche Einzelheiten keinen Wert legt, so steht er
unter den Dichtern seiner Art nicht vereinzelt da. Auch Volkssage
und Volkslied pflegen dergleichen zu verschweigen, da zur Zeit ihrer
Entstehung die näheren Umstände in den durch die geschilderten Be-
gebenheiten berührten Kreisen als bekannt vorausgesetzt wurden.

So begnügt sich denn der Dichter damit, uns einzelne Bilder aus
Bernhards reichem und wechselvollem Leben vor Augen zu führen.
Er zeigt seine Kunst in der kulturgeschichtlich interessanten, lebendigen
Darstellung der Schwertleihe, die viele Ähnlichkeit mit derartigen
Schilderungen in deutschen Epen jener Zeit verrät und auf eine eigene
Anschauung des Dichters von solchen Festlichkeiten schließen läßt.
Wahrscheinlich war auch im Volke eine Erinnerung an jene frohe
Festzeit nach geblieben, wie dies u. a. auch in Bezug auf den glänzen-
den Reichstag und die Gründung der neuen Stadt am Lippeufer an-
zunehmen ist, von denen Justinus nicht minder anschaulich zu erzählen
weiß.

Weniger ausführlich, ja allzu dürftig ist das, was er von den
kriegerischen Thaten Bernhards berichtet, die doch den größten Teil
seiner Lebensarbeit gebildet und seinen Namen vor allem berühmt
gemacht haben. Offenbar fühlte sich der friedliche Magister bei der
Schilderung blutiger Kriegsabenteuer nicht behaglich, woraus seine
Klage über Raub und Plünderung des wilden Kriegsvollkes, der
Mannen seines Helden (D. 263 f.), sowie sein freimütiger Tadel der
Frevel Bernhards (D. 179, 503—6, 547, 573 f.) schließen läßt. Er
begnügt sich daher, nur im allgemeinen die ritterlichen Tugenden des
lippischen Helden zu preisen, sowie das Ansehen hervorzuheben, welches
er wegen dieser weit und breit genoß, und zeichnet uns nur ein
einziges genauer ausgeführtes Bild aus seiner kriegerischen Laufbahn,
nämlich die Vertreibung der in sein Gebiet eingefallenen Feinde und

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die dabei angewandte eigenartige Kriegslist. Auch die Verteidigung
von Lippstadt macht der Dichter mit wenigen Worten ab, obwohl
sich hier Gelegenheit zu einer von seinen Landsleuten gewiß gern ge-
lesenen ausführlicheren Schilderung bot, wie wir sie z. B. im Ligurinus
an verschiedenen Stellen finden.

Höher als der tapfere Rittersmann steht dem geistlichen Verfasser
der umsichtige Landesvater, der demütige Büßer, der fromme Mönch,
der begeisterte Kreuzprediger, der treusorgende Kirchenfürst; von
diesen Seiten will er seinen Helden vor allem in helles Licht stellen.
So kann das von dem Dichter besonders mit Versfügenteien ver-
zierte inbrünstige Gebet, welches er dem durch schmerzvolles Leiden
zur Einkehr in sich selbst Gebrachten in den Mund legt, als ein
Muster seiner Art bezeichnet werden; die schönen Worte, mit denen
er der Gattin seinen Entschluß, ein neues Leben zu beginnen, kund
thut, atmen den freien Geist, der die Eitelkeit der Welt überwunden
hat, und in den Ermahnungen Bernhards an den jungen Sohn und
Nachfolger werden uns die Regierungsgrundsätze eines milden und
weisen Herrschers entwickelt.

Viel hatte Bernhard, der Begründer bürgerlicher Freiheit, für
sein Volk gethan, welches er wie die Henne die Küchlein hegte und
pflegte (D. 491 f.); das sollte ihm von den Lippern nicht vergessen
werden. Aber auch seine Nachkommen sollten das hohe Vorbild vor
Augen haben und stets dessen eingedenk sein, daß die Liebe des freien
Mannes die stärkste Stütze des Thrones, gegenseitige Treue die festeste
Grundlage der Macht sei (D. 447 f.). Darum widmete Justinus sein
Leben Bernhards dessen Enkeln und legte ihnen dringend die Fürsorge
für dessen segensreiche Schöpfungen ans Herz (D. 431 f.).

Was zum Lobe jener lippischen Herren gesagt wird, ist zu all-
gemein gehalten und trägt, der Sitte mittelalterlicher Dichter ent-
sprechend, zu sehr einen panegyrischen Charakter, als daß sich daraus
bestimmte Züge für eine Charakteristik gewinnen ließen. Doch nicht
nur in solchen Lobreisungen, in denen sich alle möglichen vorzüg-
lichen Eigenschaften an einander reihen, sondern auch in manchen
weiteren Punkten stimmt Justinus mit zeitgenössischen Poeten überein,
deren Eigentümlichkeiten von Pannenborg in seiner oben genannten
lichtvollen Arbeit über den Ligurinus zusammengestellt sind. So findet
sich gleichwie in anderen lateinischen Gedichten jener Zeit bei Justinus
zu Anfang statt der Anrufung der heidnischen Muse eine Widmung

14

an eine fürstliche Person, den Ruhm des besungenen Helden will er
über den Erdkreis verbreiten (D. 985), aber von den vielen Thaten
desselben nur weniges besingen (D. 40) und sich kurz fassen (D. 913 f.).
Um ein solches Vorhaben würdig auszuführen, reichen jedoch des
Verfassers Fähigkeiten nicht aus; dazu würde es des Genies großer
Schriftsteller des Altertums bedürfen (D. 1 f.). Auch die metrische
Form beherrscht der Dichter zu wenig; bescheiden entschuldigt er seine
unvollkommenen Verse (D. 9 f.) und wünscht, daß neidische Spottlust
sie nicht verfeinern möge (D. 1001). Die Gabe, die der Dichter zu
bieten vermag, ist also nur gering (D. 981); Liebe (D. 11) und Er-
gebenheit (D. 990) mögen das, was ihr an künstlerischem Werte ab-
geht, ersetzen. Dennoch meint Justinus gleich anderen Dichtern, daß
sein Werk das Herrengeschlecht für immer berühmt machen (D. 986)
und daher den Neid Mißgünstiger erregen werde (D. 1001, 1020).
Ob Justinus, wenn er D. 1015 sagt, er hinterlasse seinen Schülern
noch andere poetische Werke, auf bereits Vollendetes anspielt oder
damit wie andere Poeten nur die Absicht ausspricht, weitere Gedichte
zu verfassen, läßt sich nicht entscheiden.

In formeller Hinsicht ist das Lippiflorium mit den hervorragendsten
zeitgenössischen Gedichten auf eine Stufe zu stellen, und mit Recht
sagte schon der jüngere Meibom Rerum Germanicarum tom. I,
p. 577: Est autem carmen illud Justini, si eo aevo et in West-
phalia scriptum esse cogites, satis elegans. Seine Gewandtheit in
der Behandlung des Verses verdankt der Verfasser seinem fleißigen
Studium der alten Dichter. „Horaz, Virgil, Ovid, Terenz, Juvenal,
Sidonius, Claudian, fortunat, Prudentius klingen u. a. neben der
Vulgata öfters an; auch der Einfluß Aristotelischer Studien ist nicht
zu verkennen“; vgl. Pannenborgs Recension der Laubmannschen Aus-
gabe S. 1534. Ebendaselbst ist auch darauf hingewiesen, daß Justinus
sich nicht nur an die klassischen Dichter gehalten, sondern auch mittel-
alterliche Werke über Poetik studiert hat, so die damals vielbenutzte,
um 1200 verfaßte Poetria Nova des Engländers Galfrid von Vin-
salf und den Laborintus (Labyrinthus) des Dichters Eberhard von
Bethune, eines Zeitgenossen des vorigen, beide herausgegeben von
P. Leyser, Historia poetarum medii aevi, Halle 1721, S. 861 f.
und 796 f.

Daher begnügt sich Justinus nicht damit, klassische Dichtien nach
dem Muster Ovids zu bilden; vielmehr wendet er häufig Schmuck

15

mittel der Darstellung an, wie sie in der späteren Zeit üblich waren.
Dahin gehören die zwar schon in den römischen Dichtungen vereinzelt
erscheinenden, doch bei den Mönchen des Mittelalters sehr beliebten
gereimten, sog. leonini­schen Hexameter* verschiedener Art, die unserm
Dichter nicht etwa infolge der Gewohnheit unbewußter Weise aus
der Feder geflossen, sondern von ihm offenbar absichtlich eingefügt
sind, z. B. D. 604—28, wo sich unter 25 Versen 18 leonini­sche finden;
vgl. auch D. 653—56. Andere von unserm Dichter geübte mittel-
alterliche Künsteleien sind das metrum praesumptivum, applicatum
und clausulatum, die versus retrogradi, der modus Sidonianus und
Senecae, ferner Allitterationen und Wiederholungen der nämlichen
Wörter, worüber die Erläuterungen das Nähere enthalten.

Prosodische Freiheiten, wie sie das Mittelalter sich erlaubte, finden
sich natürlich auch bei Justinus, besonders in Fremdwörtern; so
ecclesia D. 13 und sonst oft, canonicus 53, primipilus 201, rubigo
242, mulieris 323, artetica 548, charactère 785, neophytus 818,
epithe­tum 323 und 853, idolàtras 794 und 845, latria 866, haeresis
933. Allgemein üblich ist in jener Zeit auch die Kürzung des ō im
Ablativ des Gerundiums (z. B. se replicandō plicat 126, restituendō
mihi 674) und die Verlängerung von ā und ē im Auslaut, wenn
sie vor der Cäsur stehen (z. B. Instruìtur mensā, sùā 101, Solvìtur,
ad pròpria quisque 414 — Sic cujuscu­mque venìens 493, profìcere
vidèt 501), sowie die Vernachlässigung der Produktion auslautender
kurzer Doppellaute vor anlautendem sc, sp und st (z. B. collectiō scin-
ditur 139, resurgèrè spero 595, èsse studet 834). Sorgfältig ver-
meidet der Dichter den Hiatus gemäß der Weisung Galfrids P. N.
1918: legem vocalibus istam Ars dedit, ne sit creber concursus
eorum. Über D. 833 vgl. die Anmerkung. Elision findet sich nur
einmal, D. 849.

Handschriften des Lippifloriums sind, soweit bekannt, nur aus
jüngerer Zeit erhalten. Die beiden ältesten, aus dem 16. Jahr-

* Vgl. Eberh. Labor. 3, 113:

Sunt inventoris de nomine dicta Leonis Carmina, quae tali sunt modulanda modo: Pestis avaritiae utrumque nefas simoniae Regnat in ecclesia liberiore via. Permutant mores homines, cum dantur honores; Corde stat infìsalo pauper honore dato.


16

hundert stammenden Papierhandschriften in 4° sind Eigentum der
fürstlichen Landesbibliothek zu Detmold. Die ältere derselben, Cod.
Nr. 73, von Laubmann A genannt, ist im Anfange des Jahrhunderts
geschrieben und rührt nach einer handschriftlichen Bemerkung in
einem Exemplare von Bernh. Witti's Historia Westphaliae, 1778,
aus einer Kollektion des westfälischen Historiographen Hermann
Hamelmann (von 1555—68 Prediger in Lemgo, † 1595 als Super-
intendent in Oldenburg) her. Das jüngere Manuskript, Cod. Nr. 74,
von Laubmann mit B bezeichnet, augenscheinlich ein Abschrift von A,
ist im Jahre 1577 von Hermann Scherer geschrieben*, von dem sein
Zeitgenosse Hamelmann in seiner Schrift De viris in Westphalia
eruditione scriptisque illustribus S. 249 sagt: Hermannus Scererius,
alias Latomus, Lemgoviensis, est minister Evangelii Detmoldiae
sedulus et fidelis; vgl. Lippisches Magazin, 8. Jahrg., 1843, S. 210.

Beide Handschriften enthalten noch die plattdeutsche gereimte
Uebersetzung des Lippifloriums**, welche auf Bitten der Augustiner-
nonnen zu Lippstadt wahrscheinlich von einem Geistlichen verfaßt und
nach den Schlußversen am St. Victorstage (6. März) des Jahres
1487 vollendet ist. Veranlaßt wurde diese Umdichtung durch den
Wunsch der Klösterjungfrauen, sich dem Edelherrn Bernhard VII.
(reg. v. 1430—1511) dankbar zu erweisen, nachdem dieser ihr bau-
fälliges Stift ausgebaut und verschiedene wohltätige Einrichtungen

* Die Handschrift scheint eine Dedikation an einen lippischen Herrn zu sein. Auf der Rückseite des gedruckten Titels befindet sich das gemalte lippische Wappen, gegenüber auf der dritten, ebenfalls gedruckten Seite einige Distichen auf dasselbe von Jonas Latomus Schererus. Auf dem mit verblühten Goldpressungen ver- sehenen Ledereinbande sind als Verzierungen fünfblätterige Rosen angebracht nebst der auffallenden Inschrift: H. G. V. E. H. Z. L. 1577. Der in diesem Jahre regierende Graf war nämlich Simon VI. (v. 1563—1613), und ein Familienglied, Namens H....., lebte 1577 nicht; Simons Oheim Hermann Simon starb am 13. Juni 1576. ** Ich gedenke, Dat Lippeflorer, aus dem im Anhange dieses Buches Proben abgedruckt sind, demnächst an anderem Orte zu veröffentlichen. Eine hochdeutsche prosaïsche freie Uebersetzung des Epos, jedoch lückenhaft (es fehlen D. 96—140, 589—628, 913—1026) und voll von Fehlern, verfaßte J. A. A. Müller; vgl. dessen Spezial-Geschichte von Lippstadt, eine nunmehr geschlossene periodische Schrift unter der Rubrik „Alte Nachrichten von Lippstadt und deren Gegenden“ z. Z. Lippstadt, 1788, 4°, S. 97—123. Eine metrische Nachbildung, die ebenfalls zahlreiche Unge- nauigkeiten und Fehler aufweist, nebst einer Einleitung veröffentlichte M. L. Petri im Lippischen Magazin für vaterländische Cultur und Gemeinnutz, 7. Jahrgang, 1842, 2t., 47—50, S. 807 f. Petri benutzte den Meibom'schen Text v. D. 1620.


17

getroffen hatte; vgl. den Schluß des plattdeutschen Lippifloriums und
Möller S. 97.

Ferner findet sich in den Handschriften A und B ein 3197 Verse
umfassendes plattdeutsches Gedicht über die Soester Fehde (1444—49),
verfaßt von einem Zeitgenossen, welches in Emminghaus' Memora-
bilia Susatensia, Jena 1748, und nach den Detmolder Manuskripten
von M. E. Petri im Lippischen Magazin, 8. Jahrgang, 1843, S. 200 f.
herausgegeben ist.

Zwei weitere Handschriften unserer Dichtung, C und E, werden
im fürstlichen Landesarchive, eine dritte D auf der öffentlichen Biblio-
thek zu Detmold aufbewahrt.

C befindet sich in einem Sammelbande, Kleinfólio, welcher ent-
hält: 1. (Gerhard Kleinsorgens) Genealogia generosorum comitum
de Lippia (bis c. 1575); 2. Jonas Latomus Schererius, Genealogia,
d. i. Stammbuch der E. H. zur Lippe. D. J. 1572; 3. Transscripta
ex antiquo missali (des Klosters Blomberg). D. J. 1407—1584;
4. (Backhaus'?) Genealogia . . . . comitum de Lippia (bis 1578);
5. Lippiflorium Magistri Justini ex veteri exemplari descriptum.
Anno 1585. Das Manuskript ist eine Abschrift von A, stimmt aber
bisweilen in Lesarten mit B überein. Die plattdeutsche Uebersetzung
fehlt; dagegen ist vorhanden 6. Historia = das Gedicht über die
Soester Fehde.

Die foliohandschriften D und E aus dem Anfange des 18. Jahr-
hunderts bieten den lateinischen Text mit nebenstehender plattdeutscher
Uebersetzung, aber nicht „die Soester Fehde“. Auf dem Titelblatte
von E steht „Lippi—Florium M. Justini Poet. et Histor. der Stadt
Lippe. Ao. 1263“ (vgl. wegen der Datierung oben S. 10 Anm.).
Die beiden Manuskripte sind von dem nämlichen Schreiber ange-
fertigte Abschriften von B, weisen aber einzelne Lesarten von A auf.

Eine jetzt verschollene, A und B verwandte Handschrift (P) be-
nutzte der Verfasser des 1627 zu Rinteln gedruckten Chronicon comi-
tatus Lippiae, Johann Diderit, Pastor in Blomberg, der zahlreiche
Verse sowohl des lateinischen Lippifloriums wie auch der alten Ueber-
setzung seiner Darstellung einverleibt hat. Da der Chronist in seiner
Schilderung der Soester Fehde das oben erwähnte Gedicht mit an-
führt, scheint jene Handschrift dasselbe nicht enthalten zu haben.

Eine andere, von den bisher genannten mani­gfach abweichende,
weniger genaue Handschrift (M), deren Verbleib mir unbekannt ist,

18

ist, liegt dem ersten Drucke unserer Dichtung zu Grunde, welcher von
einem geborenen Lemgoer, dem verdienten Historiker und Helmstädter
Professor Heinrich Meibom sen.*, besorgt ist und sich in dessen Aus-
gabe des Chronicon comitum Schawenburgensium, Frankfurt 1620,
4°, S. 127–154 findet. Dieser Text wurde abgedruckt von dem Enkel
Heinrich Meibom jun., ebenfalls Professor in Helmstädt, in dessen
Rerum Germanicarum tom. I, Helmstädt 1688, fol. S. 573–596.

Müller endlich citiert S. 99 D. 13–20, S. 151 D. 343–346,
S. 135 D. 955–956, S. 140 D. 475–76 des Lippifloriums. D. 14
hat er gleich A B C D E petraque firma statt firmaque petra M,
D. 17 rebellis mit A B C D E statt rebellis M; D. 344 schreibt er
concomitante mit C² statt incomitante A B C¹ D E und vi comi-
tante M; D. 955 crevit mit M E², während sich in A B C D E¹ P
cernis findet. Die in M fehlenden Verse 685–686 und 771–772
waren Müller bekannt.

* Wie hoch der Herausgeber die Dichtung schätzte, zeigt seine von dem Enkel Rer. Germ. tom. I, p. 577 veröffentlichte

Elegia in laudem Justini et urbis Lippiae. Secula quae veterum misere incestavit avorum  Barbaries, nostrum quem lutulentia fugit? Illa artes linguasque procax faedavit inique,  Omnia ut horrerent squallida, sorde, situ. Scripta fidem faciunt nata infelicibus annis,  Aetatis testes et documenta suae. Et tamen illi aevo potuit proferre poetam  Lippia, vicino urbs nomen ab amne trahens. Justinum dico, Batavi qui sceptra Gvillelmi  Et Frisio illatam vidit ab hoste necem. Extat adhuc artis plenum ingeniique poema,  Quod vates docta condidit ille manu. Materiam quaeris? Patriae primordia dicit,  Quosque habuit, meritis laudibus ornat heros. Salve urbs, eximii genetric praeclara poetae,  Ultima pars famae non erit illa tuae. Mille Bohemorum muris repulisse cohortes  Praesulis atque Vbii parvi habuisse manus, Lippiacis servasse fidem et sua jura dynastis,  Unde tibi aeternum nomen in historia, Ut magnum fuerit: sidus genuisse, quod aetas  Miretur merito postera, majus erit. etc.


19

Zu bemerken ist, daß in D D. 344 über incomitante die Worte vi
concomitante von anderer Hand geschrieben sind und die von Müller
citierten Proben der plattdeutschen Uebersetzung mit D an verschiedenen
Stellen übereinstimmen, wo diese Handschrift von A B abweicht. Das
in D nicht enthaltene Gedicht über die Soester Fehde kannte Müller
wahrscheinlich aus Emminghaus’ Memorabilien; vgl. S. 192 bei
Möller.

Auf dem Meibomschen Texte fußt Ed. Winkelmanns Ausgabe:
Des Magisters Justinus Lippiflorium nebst Erörterungen und Regesten
zur Geschichte Bernhards II. von der Lippe, des Abts von Düna-
münde und Bischofs der Selonem. Sonderabdruck aus den Mit-
teilungen aus der livländischen Geschichte, Bd. XI, Heft 2 und 3.
Riga 1868, 82 S.

Die erste brauchbare Ausgabe mit litterarhistorischer Einleitung,
kritisch-ergetischen Erörterungen und dem handschriftlichen Apparat
hat G. Laubmann geliefert unter Zugrundelegung der Hs. A. Sie ist
im Jahre 1872 in Detmold erschienen in Verbindung mit P. Scheffer-
Boichorsts vorzüglicher Biographie „Herr Bernhard zur Lippe“ (zu-
sammen 210 S.), die früher bereits in der Zeitschrift für vaterländische
Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Bd. XXIX, 1869, S. 107—
235, und dann als Sonderabdruck, Münster 1871, herausgegeben war.
Eine ausführliche Besprechung dieses Buches von A. Pannenborg findet
sich in den Göttingischen gelehrten Anzeigen, 1872, S. 1328—1346.

Da die Laubmannsche Ausgabe im Buchhandel vergriffen und
sehr selten geworden ist, erschien es mir wünschenswert, neben der
deutschen Uebersetzung den Laubmannschen Text abzudrucken* mit
einigen Abweichungen, über welche die Erläuterungen das Weitere
enthalten. Die Handschriften und früheren Ausgaben sind von mir
nochmals verglichen worden.

Bei meiner Uebersetzung habe ich nach Möglichkeit Anschluß an
das Original erstrebt, doch war bei der eigenartigen Darstellung
Justins eine wörtliche Wiedergabe nicht überall zu erreichen. Bezüg-
lich der Metrik erlaube ich mir noch die Bemerkung, daß ich mich
nicht bemüht habe, in meinen Sechsfüßlern den bei den neueren
deutschen Dichtern im allgemeinen verpönten Hiatus zu vermeiden.
Meines Erachtens sind die betreffenden Regeln der antiken Verslehre

* Die Konjekturen sind kursiv gesetzt.


20

für uns nicht maßgebend, denn bei den altdeutschen Dichtern gilt das
Zusammentreffen aus- und anlautender Vokale an sich durchaus nicht
als fehlerhaft. Wo sich bei ihnen in solchen Fällen Elisionen und
Zusammenziehungen finden, handelt es sich meist darum, zweisilbige
Senkungen zu vermeiden, deren Beibehaltung im Hexameter oft gerade
wünschenswert ist. Jedenfalls aber führt das ängstliche Ausweichen
vor dem Hiatus, z. B. bei Voß und Goethe, nicht selten zu unleid-
lichen sprachlichen Verstümmelungen, die wir vermeiden, wenn wir,
wenigstens in erzählenden Gedichten, frei von selbstquälerischem Zwange
auf den natürlichen Wegen unserer Muttersprache wandeln.

23

Das Lippiflorium des Magisters Justinus.

Wenn Aristoteles’ Geist, der erhab’ne, mir stände zur Seite,
 Wäre eines Virgil lieblicher Dichtermund mein,
Hätte mich Tullius selbst mit beredter Zunge begnadet,
 Wär’ von der Musen Quell reich mir die Lippe betaut:
5 Verse schriebe ich dann, die in tausend Farben erglänzten,
 Und in erhabenem Stil schritten die Metren einher,
Wie es für dich sich geziemte, o Simon, würdiger Bischof,
 Vater, des Namens wert, den der Apostel geführt.
Doch ich schmiede nur Verse, die solches Herren nicht würdig;
10 Aber wie schlecht sie auch sind, tönen sie dir doch zum Preis.
 Wäge den herzlichen Willen und nicht die Bildung der Verse,
Meiner Muse gewähr’ deinen erhabenen Schutz!
 Simon Petrus hat einst die Mutterkirche erhoben:
Deiner Kirche bist du Haupt und verläßlicher Fels.
15 Dir geziemet sich wohl Gemeinschaft des Namens mit Petrus:
 Petrus war ein Fels, ragst doch auch du wie ein Fels.
Du bist ein Fels, der nimmer zerbricht, widerstehend dem Stahle,
 Und dein tapferes Herz achtet nicht feindliches Drohn.
Schutz­herr bist du den Deinen, bist sanft den Sanften, den Feinden
20  Feind; wie Honig so süß fließt dir die Rede vom Mund.
 Erbarm, freundlich und mild den Großen sowie den Geringen,
Mehrst du durch Güter und Ruhm treulich den Glanz des Geschlechts.
 Edel und freimutsvoll begegnest du Herren wie Knechten,
Achtest keinen gering, jedem gewährst du sein Recht.
25 Selber scherzend betreibst du mit Scherzenden fröhliche Kurzweil,
 Ernstes mit Greisen, so wie jedes zur Zeit sich gebührt.
Weise bist du mit Weisen und treibst unschuldige Thorheit
 Auch mit Thoren und weißt also zu wechseln den Brauch.
Trotzige weißt du zu locken mit lieblich tönender Rede,
30  Mischest mit Galle den Seim, wenn es dir ziemich erscheint.

25

Deine Worte sind süß, sobald du zu rühren bestrebt bist;
 Willst du erschrecken durch Drohn, sprichst du ein bitteres Wort.
Vielfach schmückt dich die Tugend, verkündend den edelen Ursprung,
 Und von edelem Stamm bist du ein edeler Sproß.
35 Bernhard sei vor allem genannt, dein würdiger Ahne,
 Gründer des trefflichen Stamms, Krone des Edelsgeschlechts,
Er, in welchem vor andern die göttliche Gnade erstrahlte:
 Wie durch Verdienste er glänzt, schildert die Sprache uns nicht.
Weniges seiner Thaten, die mir nicht völlig bekannt sind,
40  Wie es die Fama mich lehrt, sei mir zu schreiben vergönnt.

Er, der edele Knabe, verdankte Eltern das Leben,
 Welche ein adlig Geschlecht zierte und eigener Wert.
Glänzender war ihr Adel als ihrer Güter Besitztum,
 Aber von eignem Gut lebten sie standesgemäß.
45 Jung noch an Jahren wird der Knabe den Studien gewidmet,
 Daß der schwanende Sinn nicht des Geheßes entbeh’r,
Daß in grammatischer Kunst nicht allein er Lehren empfange,
 Sondern auf sittliche Zucht wäre mit Eifer bedacht.
Mit den Jahren gewinnt an löblichen Sitten der Knabe;
50  In der zarten Gestalt zeigt sich gereifter Verstand.
Wegen des trefflichen Rufs und seines erlauchten Geschlechtes
 Nimmt man in Hildesheim bald in die Kirche ihn auf,
Wo er als Domherr lebt und bald von allen geliebt wird;
 Höhere Würden führerwärts warteten seiner noch dort.
55 Aber das Schicksal wollte es nicht. Der göttliche Wille
 Ändert alles, er lenkt’s, leitet’s und führt’s zum Ziel.
Denn der ältere Bruder, der einzige Erbe des Vaters,
 Zahlte den schuld’gen Tribut sündigen Fleisches und stirbt.
Daß den Gütern der Erbe nicht mangele, ruft der Vater
60  Aus dem geistlichen Stand forsach den Sohn jetzt zurück.
Lai­engewand trägt er und übt sich fortan in den Waffen,
 Und im Dienste des Herrn trägt er der Dienenden Joch.
Dienen will er so gern, nicht scheut er sich, Müh zu ertragen,
 Ist zu gehorchen bereit, sehnt sich nicht träge nach Ruh,
65  Er, den Mangel an Gut doch nicht zum Dienste getrieben,
 Nein, der ererbte Wert, Ehre und Beifall des Volks.

27

Herrschen will er dereinst, drum dient er, dient, um in Zukunft
 Größer zu sein; jetzt klein, strebt er nach höherem Ziel.
Und so lange er dient, ergibt er sich gänzlich den Waffen,
70  Lernt als Knappe den Krieg kennen in jeder Gestalt.
Ihn, den nimmer verzagten, den milden, gewinnenden Jüngling,
 Lobt und ehret und liebt Ritter und Klerus und Volk.
Als er in solcher Weise nun einige Jahre verlebt hat,
 Wird mit dem Ritterschwert endlich die Seite geziert.

75 Festtag feiert man jetzt; mit dem Volk erscheinen die Edlen,
 Und in mancherlei Art findet ein Ritterspiel statt.
Schilde stoßen mit Schilden, mit Helmen Helme zusammen,
 Zahllos fliegen zugleich Splitter von Lanzen ringsum.
Pfeifen erschallen, die Pauke erdröhnt, es tönen die Flöten;
80  Sieh’, die lustige Schar fahrender Männer ist da.
Hoch zu Roß und prangend im Schmude der strahlenden Waffen,
 Fliegt jetzt der Jüngling daher; schneller enteilet sein Pfeil.
Goldig erglänzt an der Seite der Schild, in der Rechten die Lanze,
 Rauten aus leuchtendem Erz zieren den Helm auf dem Haupt.
85 Zügelnd lenkt er das Roß, voll Eifer die Lanzen zu brechen;
 Wer ihn als Gegner gewünscht, brennet nicht mehr vor Begier.
Müde sind alle bereits von häufigen Stößen und staunen,
 Daß es dem rüstigen Mann nimmer an Kräften gebricht.
Als zu Ende das Spiel, da eilen nach Hause die Ritter,
90  Rings von dem Beifallsruf fahrender Leute begrüßt.
Man befreit von den Waffen den Leib, und geschwärzt von dem Eisen,
 Triefend von staubigem Schweiß, zeigt sich das nackte Gesicht.
Und sie säubern von Schmuck und von Schweiß die Glieder und ruhen,
 Sind bei stärkendem Wein sich zu erholen bedacht.
95 Bald enteilen sie all, zu des Jünglings Wohnung geladen,
 Und die Kommenden faßt kaum das geräumige Haus.
Rings auf Teppichen läßt sich nieder die feine Gesellschaft,
 Ritter und geistlicher Herr, jeder dem Range gemäß.
Doch die geringere Schar erlieft sich die Erde zum Sitze;
100  Wer sich den Platz noch errang, harret mit Freuden dort aus.
Jetzt deckt man den Tisch; es spendet die Fülle der Gaben
 Mit verschwendernder Hand Ceres und Bacchus zumal.

29

Speisen reicht der Dienenden Schar mit höflichem Anstand;
 Schüsseln verschiedenster Art locken wohl tausend den Gast.
105 Safran gibt es und Pfeffer, auch Ingwer erblickt man und Galgant;
 Künstlich macht das Gewürz köstlicher jedes Gericht.
Mittels solcherlei Würzen erhöht die Freuden der Tafel
 Farbe, Geruch und Geschmack, emsiger Köche Verdienst.
Solches bietet man dar, drei Sinne damit zu ergötzen:
110  Augen und Nase und Gaum kosten die nämliche Lust.
Unsere Nase lest der Geruch, die Farbe das Auge
 Und der Geschmack den Gaum, wie der Natur es entspricht.
Daß die Farbe die Augen erfreu’, sind goldne Gefäße
 Rings mit Weinen gefüllt; klarer war nimmer ein Naß.
115 Hier fehlt keinerlei Speis’ und Trank: in üppiger Fülle
 Prangt, was die Erde gebiert, Wasser und Luft nur erzeugt.
Nach dem Mahl übt wieder der fahrenden Menge die Künste;
 Jeglicher zeigt, was er kann, ist zu gefallen bedacht.
Dieser singt und erfreut das Ohr mit lieblicher Stimme,
120  Während jener im Lied Thaten der Helden erhebt.
Dieser berührt mit den Fingern die künstlich geordneten Saiten,
 Jener versteht die Kunst lieblicher Leiermusik.
Mancherlei Töne entströmen aus tausend Löchern der Flöte,
 Mit gewaltigem Lärm werden die Pauken gerührt.
125 Dieser tanzt und müht die Glieder durch wechselnde Wendung,
 Beugt sich nach vorn und zurück, rücklings und vorwärts zugleich.
Gehen lehrt er die Hände und streckt in die Höhe die Füße,
 Richtet zur Erde das Haupt: eine Chimära fürwahr!
Dieser zeigt wie durch magische Kunst verschied’ne Gestalten,
130  Und mit beweglicher Hand täuscht er die Augen des Volks.
Jener bietet ein Pferd, ein Hündchen der Menge zur Schau dar,
 Die er nach menschlicher Art sich zu gebärden gelehrt.
Dieser wirft in die Luft in gewaltigem Kreise das Becken,
 fängt im Fallen es auf, schleudert es wieder zurück.
135 Solche vergnügliche Spiele und andere werden getrieben
 An dem festlichen Tag; schneller drum eilt er dahin.
Wer zum Adel gehört, die Ritter und Knappen, verteilen
 Gaben mit spendender Hand unter der fahrenden Schar.
Drauf zerstreut sich das Volk, und auf verschiedener Straße
140  Kehret ein jeglicher froh in die Behausung zurück.

31

Nunmehr strebt nach Verdienst der Jüngling; den Namen des Ritters
 Ziert er durch wackeres Sinn, nimmer entehrt er den Stand.
Besser wird noch der Gute, verspricht der Beste zu werden,
 Schändliches weist er zurück, immer auf Edles bedacht.
145 Wacker war er bereits, doch wackerer will er noch werden,
 Strebt, durch wackeres Thun sich zu erringen die Kron’,
Ist ein Blitz in der Schlacht, nie greift er vergeblich zum Schwerte,
 Dessen Klinge so oft trieft von vergossenem Blut.
Nie überwindet Gewalt den Mut; mit Kraft widersteht er
150  Kräftigem Feinde und siegt, strebt zu vernichten den Trotz.
Drum verbreitet der Ruhm des Helden sich rings in den Landen;
 Edler und mächtiger Fürst ruft ihn und wünscht ihn herbei,
Wählt ihn gern zum Gefährten im Krieg; ihm spenden sie Gaben,
 Kleider und Rosse und Geld, Häuser und Wiesen und Land.
155 So vermindert er nicht die Güter des Vaters; er mehrt sie,
 Sorgt mit weisem Bedacht auch für den eign’nen Besitz.
Nichts verschleudert er, giebt nach Gebühr, auch mehrt er sich sorglich,
 Was und wann er geschenkt; jegliches thut er mit Maß.
Mild will gern er sich zeigen, nicht karg, auch nicht als Verschwender,
160  Denn die Tugend sie wählt zwischen den beiden den Pfad.

O wie dreht sich das Rad der Welt doch in ewigem Wechsel;
 Niemals hat noch das Glück stetige Treue gezeigt!
Keinem ist es so hold, daß nie ihn treffe ein Unheil;
 Kaum ist irgend ein Tag, welchen nicht Wolken getrübt.
165 Traue du nicht dem ruhigen Meer: es schwillet gar oftmals
 Von dem leichtesten Wind schnell die bewegliche Flut.
Lächelt das Glück dich an, so fürchte Betrübnis im Lächeln,
 Galle im süßen Geränk, bittern Schierling im Seim.
Viele täuschet das Glück, die am Klange der Würfel sich freuen;
170  Was sie gewonnen im Spiel, nimmt es mit raubender Hand.
Arm kann werden der Reiche und krank gar leicht der Gesunde;
 Kräftig bald, bald schwach: so ist, o Mensch, dein Geschick.
Immer steigt es und sinkt, dem wechselnden Monde vergleichbar;
 Heute glänzt er noch voll, morgen entbehrt er des Lichts.
175 Hoffahrt meide daher in glücklichen Tagen, im Unglück
 Laß nicht sinken den Mut; halte in allem du Maß! —

33

Menschengeschick erfährt auch unser Ritter; im Stolze
 Schwillt bei der Fülle des Glücks allgewaltig der Mut.
So verläßt er die Bahnen des Rechts, die Pfade der Tugend,
180 Wenn er sich hochmutsvoll über die Gleichen erhebt.
Das ist menschliches Los: Vermögen, Ehre und Weisheit
 Blähen uns auf; fast nie halten sie fern sich den Stolz.
Einen mächtigen Herrn beneiden die sämtlichen Nachbarn,
 Wenn sie gesehen, wie sehr er in die Höhe sich schwang.
185 Gieriger Neid, das Gift der Seele, Vernichter des Friedens,
 Welcher die Freundschaft trennt, welcher das Gute zerstört,
Lacht bei der Not des Nächsten und weint beim Glücke und härmt sich,
 Tief im Herzen betrübt, hat er zu schaden nicht Macht.
Bernhards Stolz erbittert die Herrn, sie ergreifen die Waffen,
190 Stellen ihm nach; der Held aber verachtet die Flucht.
Bald erscheint der Bewaffneten Schar; mit Sengen und Rauben
 Streift sie im Lande umher, plündert des Helden Gebiet.
Solch gewaltiger Macht widersteht er nicht lange; er weicht
 Vor dem Feind und verläßt flüchtig das heimische Land.
195 Sachsen suchet er auf, von der Schar der Mannen begleitet,
 Die er an Mut und an Treu hatte als würdig ernannt.
Freundlich empfängt ihn im Lande der Herzog, der von des Helden
 Wackerem Sinne bereits sichere Kunde gewann.
Jeglicher lobt und liebt ihn am Hofe, der freundlich in Worten,
200 Fein in höfischer Zucht, kühn in Gefahr sich erweist.
Ihn erwählt sich der Fürst zum Führer im Kriege, ihn heißt er,
 Seine Fehden hinfort leiten mit tapferer Hand.
Eifrig erzeigt sich der Ritter im anvertrauten Geschäfte,
 Führet die Kriege des Herrn stets nach verständigem Plan.
205 Wär’ er der letzte im Kampf, es däuchte ihn ewige Schande;
 Darum strebt er danach, immer der erste zu sein.
Nimmer scheut er Getümmel der Schlacht und möchte erdulden
 Tausend Wunden im Streit lieber als einmal entfliehn.
Wenn er die Feinde verfolgt, überfällt er sie bald mit der Kriegsmacht,
210 Bald auch greift er zu List, munter bei Tag und bei Nacht.
Bald überrascht er den Feind im eigenen Lager und kehret,
 Reich mit Beute beschwert, wieder als Sieger zurück.
Sieht er die Seinigen laß, so tadelt er heftig die einen,
 Bittet, verheißet und droht, wenn er die andern entflammt.

35

Heiteren Blickes beschenkt er die Seinen, und ihnen gewährt er,
  Was er an Beute gewann, wenn er den Gegner besiegt.
 Häufig erringt er die Palme des Siegs, überwindet die Feinde
  Oft mit Waffengewalt, oft mit bedächtigem Sinn.
 Denn, wenn tapferer Mut sich nicht vermählet der Klugheit,
220 Hat er im Leben gar oft nicht den gewünschten Erfolg.
 Unvorsichtiger Mut bringt Schaden; er führt in Gefahren
  Leicht dein Werk und dich selbst, schafft dir gar manchen Verlust.
 Aber es lobt der Fürst den Ritter, der eines Ulixes
  Klugheit und eines Achill tapfre Gesinnung vereint.
225 Liebe erweist ihm der Fürst, gelobt, in allen Gefahren
  Ihm als Beschützer und Freund helfend zur Seite zu stehn.
 Bald versammelt gerüst die Schar der bewaffneten Mannen
  — Unser Ritter — es wird Hülf e vom Herzog gewährt —
 Zieht zu der Heimat fort, begleitet von tapferer Kriegsschar,
230 Reichlich mit Rossen und Kost, Waffen und Pfeilen versehen.
 Kunde gelangt zu den Ohren der Feinde; die rüsten sich eifrig,
  Kommen in Eile herbei, nehmen die Waffen zur Hand,
 Strömen den Orten zu, wo der nahende Feind zu erwarten;
  Sich zu schützen bedacht, lagert sich dorten das Heer.
235 Als der edele Held sich weiter der Gegend genähert,
  Wo sich die feindliche Schar birgt in befestigtem Platz,
 Zögert er weiter zu ziehn aus Furcht vor gewaltiger Ohnmacht;
  List, die er öfters geübt, wendet mit Nutzen er an.
 Eilig herbeizukommen befiehlt er den Bauern des Landes;
240  Wer dem Befehl nicht gehorcht, fürchtet als Strafe den Tod.
 Jeglicher bringe zur Stelle die Pflugschar, Haken und Spaten,
  Alles vom Roß befreit; also ergeht das Gebot.
 Furcht erfüllt das Geschlecht; das Landvolk naht sich in Scharen;
  Alles bringt es herbei, wie es geboten der Herr,
245 Und das erhobene Eisen erglänzt im Strahle der Sonne,
  Daß es an ebenso viel gleißende Helme gemahnt.
 Als das feindliche Heer den Späher gesendet, zu forschen
  Nach der Stärke des Feinds, kehrt er in Eile zurück,
 Meldend, nimmer noch hab’ er erblickt so gewaltiges Kriegsvoll,
250  Das von der Waffen Glanz habe geleuchtet wie dies;
 Keinerlei Macht, so fügt er hinzu, sei dieser gewachsen.
 Gläubig vernimmt es das Volk, Schrecken ergreift es und Graus.

37

Eilig flüchtend verläßt es den Ort; es bestrebt sich ein jeder,
  Auf der schleunigen Flucht erster von allen zu sein.
255 Doch es verfolgt sie der Feind und bedrängt die Flücht’gen und zieht d’rauf
  Selber hinein in den Platz, den man so schmählich geräumt.
 Mehrere Tage hindurch erquickt sich die Menge der Sieger
  Dort an Speise und Trank, wie sie verließen der Feind.
 Bald zieht fort von dem Orte das Heer, kehrt wieder zurück dann,
260  Weit mit Raub und mit Brand haust es in Feindes Gebiet.
 Nicht gebricht es dem Sieger an Mut; er wächst mit der Zeit noch,
  Denn nach Beute ringsum sucht er mit gieriger Hand.
 Räuber verlangen nach Raub wie der Vögel Geschwader nach Leichen;
  Sich zu ernähren vom Raub, dünket sie billig und recht.
265 Alles plündernd, ergießt sich die gierige Schar in die Runde,
  Keinen verschont sie dabei, eifrig zu schaden bedacht.
 Räuber, die schändliche Pest, die schreckliche Geißel der Armen,
  Lieben den Streit und die List, Frieden ist ihnen verhaßt.
 Räuber verschlingen das Gut des Nächsten, sie leben vom Eignen
270  Selten; sie schwelgen im Krieg, dürsten in friedlicher Zeit.
 Räuber verlockt zum Raub die Fülle gewonnener Beute,
  Auch dem Führer im Krieg giebt sie bedeutende Macht.
 Endlich kehret das Heer der Sieger, mit Beute beladen,
  Wieder nach Sachsen zurück, jeder zum eigenen Herd.
275 Dorten empfängt den Ritter mit freundlicher Miene der Herzog,
  Spendet ihm Lob und bekennt, daß er ein tapferer Held.
 Früher war er beliebt, nun wird er beliebter; des Herzogs
  Ganzer Hof ist bemüht, mehr noch zu ehren den Herrn.
 Und ihn fürchtet der Feind, empfiehlt der Freund, der Bedürft’ge
280  Ehrt ihn, denn er ist stark, treu dem Vertrage und gut.
 Daß er also an Macht überwiegt, verdriesset die Feinde;
  Zorn schwellt ihnen die Brust, Rache erfüllet sie ganz.
 Doch was sollen sie thun? Wen können sie wütend befehden?
  Liegt doch verlassen und leer lange des Gegners Gebiet.
285 Keine Bewohner sind dort, der Acker entbehret des Pfluges,
  Irgend graset das Vieh, Wohnungen findet man nicht.
 Wollte der Feind bethören den Feind mit listigem Anschlag,
  Ist der Gegner nicht da; weilt er doch weit in der Fern’.
 Mißliche Lage ist das. Ein jeder empfindet Betrübnis
290  Über der Güter Verlust, fürchtet des Schadens noch mehr.

39

Weiser dünkt es den weiseren Teil, daß Fried’ und Versöhnung
  Ende verderblichen Streit, banne die rasende Wut.
 Boten sendet man aus; die Herren und Mächt’gen des Landes
  Lädt zur Besprechung man ein an den bezeichneten Ort.
295 Dort erscheinen alsbald von allen Seiten die Männer,
  Welche Gesinnung und Stand über die andern erhebt.
 Friede wird endlich daselbst von beiden Parteien bestätigt,
  Und der geleistete Schwur sichert geschloßnen Vertrag.
 Als nun der Friede verbürgt, da kehrt der edele Ritter
300  Samt dem treuen Gefolg’ wieder zur Heimat zurück,
 Nimmt das entfremdete Gut in Besitz, überweist es den Bauern,
  Das verkommene Land neu zu bebauen bedacht.
 Alle die Nachbarn helfen dabei; der Reiche, der Arme
  Sucht ihm nützlich zu sein, war er auch früher ein Feind.
305 Rings verbreitet sich schnell sein Ruf, und preisliche Tugend
  Macht von Tag zu Tag mehr noch den Ritter berühmt. —
 Nunmehr ist er gewillt, sein edles Geschlecht zu erhalten,
  Sich die Verlobte zu frein, Gatte und Vater zu sein.
 Aus dem rheinischen Land die Tochter des Grafen von Are,
310  Würdig des edelen Stamms, führt er als Gattin sich heim.
 Würdig ist des Erzeugers die Tochter und ihrer der Vater:
  Tugend und edeler Sinn zeigen an beiden sich gleich.
 Ihrem Verlobten gefällt die Braut, ihn liebt die Erkor’ne,
  Und an Liebe und Treu gleichen die beiden sich ganz.
315 Liebe verdient die treue Genossin, die edel an Sitten,
  Ohne Flecken und Mal, frei von betrüglicher List.
 Schönheit, Tugend und Stand, die drei sind herrliche Mitgift;
  Diese zeichnen sie aus, machen sie teuer und wert.
 Helena gleicht sie an schöner Gestalt, doch nimmer an Sitte;
320  Zeichnet sie Schönheit aus, bleibt sie doch züchtigen Sinns.
 Tugend gereicht ihr zum Schmuck, die edelste Zierde der Hausfrau,
  Auf dem schönen Gesicht thronet die weibliche Scham.
 Lügen straft sie das Wort, das von den Frauen man aussagt,
  Denn in dem herrlichen Leib wohnt der keuscheste Sinn.
325 Weiblich ist ihr Geschlecht, nicht weibisch ist sie geartet,
  Denn bei schwacher Natur zeigt sie doch männlichen Geist.
 Züchtig, geduldig und sanft erscheint sie bei jedem Beginnen,
  Gütige Worte allein spricht sie mit freundlichem Mund,

41

Meidet die Schmach und hasset den Schimpf und liebt den Vermählten,
330  Stiftet Frieden und schirmt Recht und verehret den Herrn —
 Ehrt den Herrn und schirmt das Recht und stiftet den Frieden,
  Liebt den Vermählten, den Schimpf haßt sie und meidet die Schmach.
 Eifrig übt sie die Pflicht der Frömmigkeit, freut sich, den Dürft’gen
  Immer zur Seite zu stehn, milde mit helfender Hand.
335  Kranke besucht sie, erlöst die Gefangenen, kleidet die Nackten,
  Macht zum Freunde den Feind, speiset der Hungrigen Schar.
 Hochmut bleibt ihr fern, und billig magst du dich wundern,
  Daß ein herrliches Weib frei von dem häßlichen Mal.
 Kaum vermöchte man ihr an edeler Zucht zu vergleichen
340  Marcia, Catos Weib, tönet auch ewig ihr Lob.
 Glücklich’e Eh’, wenn dem würdigen Mann die würdige Gattin
  Wurde vermählt! Hier ist hymen beglückender Gott.

 Jetzt ist der Kaiser gewillt, die Reichsversammlung zu halten;
  Wieder nach Deutschlands Gau’n zieht er mit tapferer Schar,
345  Macht die Befehle bekannt, entsendet die Boten, und harte
  Strafe vertündet er dem, der dem Gebote nicht folgt.
 Allen Großen des Reichs befiehlt er zusammen zu kommen,
  Und der Gesandte benennt jedem den Namen des Orts.
 Auf des Königs Befehl versammeln sich sämtliche Herren
350  Und die Fürsten des Reichs; keiner verhindert die Zahl.
 Unser Held auch erscheint mit glänzendem Rittergefolge,
  Ausgezeichnet durch Schmuck, Rosse und schimmernd Gewand.
 Aber die Schar des kommenden Volks ist also gewaltig,
  Daß sie die Enge der Stadt nimmer zu fassen vermag.
355  Darum wird ihm auf offenem Feld ein freundlicher Rastort
  Angewiesen; bequem liegt er auf blumiger Au.
 Hier errichten die Großen des Reichs dann ihre Gezeltc,
  Jeder das seine für sich, prangend in Farben und Schmuck.
 Dort verweilen die Edeln, geschützt vor Sonne und Luftzug,
360  Aber das übrige Volk lagert auf offenem Feld.
 Festlich schmausen sie dort und sparen in keinerlei Aufwand;
  Jedlicher möchtc da gern zeigen die üppigste Pracht.
 Jetzt befiehlt der König die Großen des Reichs zur Versammlung,
  Daß er nach ihrem Rat bess’re die Lage des Reichs.

43

365  Eilig erscheint das gesamte Volk vor den Augen des Herrschers,
   Eifrig ist jeder bemüht, erster am Platze zu sein.
  Hier sind Kleider zu schaun, in mancherlei Farben erglänzend,
   Welche des Meisters Geschick zeigen in löblicher Pracht.
  Grüne mit roten und gelbe mit blauen und schwarze mit weißen
370   Sieht man vereint, und es glänzt Purpur und Gold und Gestein.
  Alle Nahenden grüßt vom erhabenen Throne der König,
   Heißt sie zu wählen den Platz, wie es für jeden sich ziemt.
  Nächst dem Könige lassen die hohen Prälaten sich nieder,
   Drauf die weltlichen Herrn, jeder dem Range gemäß.
375  Da es an Sitzen gebricht, wählt mancher den Platz auf der Erde,
   Mancher stehet und lauscht eifrig den Worten des Herrn.
  Als nun alle bereits vor dem Antlitz des Herrschers versammelt,
   Kommt als letzter noch er, den ich besinge im Lied.
  Herrlich nahet er sich, vom Gefolge der Ritter begleitet,
380   All’ in dem nämlichen Kleid, all’ in dem nämlichen Schmuck,
  Saitenspieler und Bläser voran; die Flöte erschallet,
   Kräftig entlocket die Hand rasselnden Pauken den Ton.
  Staunend weichet das Volk und berichtet dem forschenden Könige,
   Wer die Kommenden sind; freundlich begrüßt er sie drauf.
385  Dankend grüßen sie wieder, und auf das Geheiß, sich zu setzen,
   Legen die Mäntel sie ab — selber so macht es der Herr —
  Werfen zur Erde sie hin gemäß dem Befehl des Gebieters,
   Lassen sich nieder darauf, wählen sie also zum Sitz.
  Jetzt verhandelt man hier die verschied’nen Geschäfte des Reiches;
390   Klagen von mancherlei Art kommen dem König zu Ohr.
  Als der Tag sich neiget, entläßt die Versammlung der Kaiser,
   Und zur Ruhe zu gehn, schickt sich ein jeglicher an.
  Unser Ritter erhebt sich mit seinen Begleitern; sie lassen
   Auf der Erde das Kleid; so auch befahl es der Herr.
395  Solches erschaut das Volk und ruft sie zurück und ermahnt sie:
   „Hebet die Mäntel doch auf!“ Aber der Ritter versetzt:
  „Sitte ist’s nicht in unserm Land, daß ehrliche Männer
   Tragen die Sitze davon, die sie zum Ruhen bemüht.“
  Lachen erhebt sich im Volke ringsum, und helfer der König
400   Hält nicht das Lächeln zurück, denn es gefällt ihm der Scherz.
  Hurtig ergreift das fahrende Volk die köstlichen Kleider;
   Reich durch solches Geschenk, eilt es von dannen beglückt.

45

Aber am anderen Tag nach Gebet und beendeter Mahlzeit
  Kehrt mit den Edlen das Volk wieder zum König zurück.
405 Auch der Ritter erscheint und seine Begleiter, mit andern
  Kleidern festlich geschmückt als am vergangenen Tag.
  Heute sind sie noch höher an Wert, und mit klingendem Spiele
  Zieht der Musiker Schar ihnen voran wie zuvor.
  Da begrüßt sie der Kaiser mit ehrenden Worten und will nicht,
410  Daß sie wie niederes Volk nehmen die Erde zum Sitz,
  Und wiewohl sie sich sträuben, befiehlt er, sie heute zu führen
  Hin zu dem bessern Platz unter die Großen des Reichs.
  Als nun längere Zeit der festliche Reichstag gedauert,
  Löst man ihn auf, und es strebt jeder zur Heimat zurück.
415 Reichlich spendet der König Geschenke an alle die Männer,
  Welche die Gabe verdient, denen zu schenken sich ziemt.
  Auch der Ritter erscheint gerufen; mit heiterem Antlitz
  Blidet der Herrscher ihn an, gibt ihm Geschenke und spricht:
  „Wenig geb’ ich dir zwar, doch mehr noch gebe ich später.“
420 Aber der Ritter versetzt: „Was du mir gibst, ist genug.
  Dir zu dienen, bin stets ich bereit, gepriesener König;
  Wenn es mir mangelt an Gut, opfre ich freudig das Blut.
  Land zwar hab’ ich genug, doch fehlen mir schützende Mauern;
  Preisgegeben dem Feind, leid’ ich Gewalt und Verlust.
425 Darum bitt’ ich, gestatte du mir, auf eigenem Grunde
  Mir ein Städtchen zu baun, das mich zu schützen vermag.“
  Dieses gewährt ihm der Kaiser, und schriftlich wird es bekräftigt,
  Daß des Herrschers Befehl keiner vereitle hernach.
  Urlaub heißt der Held, kehrt heim und danket den Seinen,
430  Spendet Geschenke, gelobt, ihnen zur Seite zu stehn.

  Preißlicher Stamm aus lippischem Blut, o mögest du immer
  Dessen gedenken, woher Ehre und Name dir kommt!
  Von dem Städtchen entstammt er, das kluge Sorge der Ahnen
  Einst gegründet, mit That, Liebe und Treue gepflegt.
435  Hier erwarb dir die Ehre, die Macht und die Stärke, mit ihrer
  Hülfe besiegt du den Feind, stehst triumphierend du da.
  Hier entsproßte die Wurzel des hohen Stammes, der nunmehr
  Wachsend über das Land breitet sein weites Geäst.

47

Darum sei du besorgt, daß nicht ertranke die Wurzel;
440 Kranke Wurzel vermag nimmer zu nähren den Baum.
  Sei die Wurzel zu stärken bedacht: die kräftige Wurzel
  Läßt an den Ästen des Baums Früchte in Fülle erstehn.
  Hier ist der Ort, an dem der ergiebige, nährende Boden
  Deines erheb’nen Geschlechts herrliche Sprossen gezeugt.
445 Alles Volk verehret dich hier und dienet dir gerne,
  Ließt dich in schuldiger Pflicht voller Ergebung und Treu.
  Schütze den Ort, so wirst du beschützt; ihn leite, dann herrscht du;
  Förd’re, so fördert man dich; liebe, so liebet man dich;
  Deß ihn, so wirst du gedeckt; erhöhe, so wirst du voll Kraft sein;
450 Sich’re, so sicherst du dich; dränge, so wirst du bedrängt.
  Sei auch immer gedenk, durch welcherlei Mühen und Aufwand
  Seiner Bewohner bislang also gediehen der Ort.
  Wenn er ferner gedeiht, so erwächst dir Fülle der Ehren,
  Wachsen Güter und Macht, schadet dir nimmer der Feind.
455 Blüht, von dir geleitet, das Volk, so herrsche, und jenes
  Diene, und beiden gemein sei die beständige Treu!

  Nunmehr kehr’ ich zurück, nachdem ich vom Wege gewichen,
  Und der Geschichte Verlauf wend’ ich von neuem mich zu.
  Heimwärts wieder gekehrt, beruft der Ritter die Magen,
460 Fragt sie um Rat und entdekt, was er im Stillen geplant.
  Diesen gefällt der Beschluß; sie raten, er möge vollführen,
  Was er im Sinne gehegt, da es ersprießlich erscheint.
  Für den befestigten Ort sucht drum man die taugliche Stätte,
  Günstig gelegen, bequem für der Bewohner Geschäft.
465 Passend erscheint ein Platz am Ufer der Lippe, der reichlich
  Bäche hegt und Gefild, Forsten und Triften und Vieh.
  Gräber eilen herbei, man mißt in die Länge und Breite
  Jetzt die Fläche, und tief schneidet ein Graben das Land.
  Erdreich schüttet man auf, bald hebt sich der Damm in die Höhe,
470 Und ein mächtiger Wall schlingt sich alsbald um den Ort.
  Anfangs sichert ein hölzernes Werk die Stätte, allmählich
  Soll ein steinerner Bau besseren Schutz ihr verleihn.
  So wird also das Städtchen gegründet; es heißt nach dem Flusse,
  Und das Herrengeschlecht nennt sich für immer danach.

49

475 Leute strömen herbei, gelockt von der Fülle der Freiheit;
  Mauern werden getürmt, Kirchen und Häuser erbaut.
  Aber es stiftet alsbald der fromme Begründer des Ortes,
  Gottes Ruhm zu erhöhn, alles zu ordnen bedacht,
  Christus dem Herrn zur Ehr’ und der heiligen Mutter ein Kloster,
480 Daß sie gepriesen darin würden auf einige Zeit.
  Jungfraun ruft er herbei, die Christus ergeben in Keuschheit
  Und durch Augustins heilige Regel vereint.
  Auch ein geistliches Recht verleiht er den Nonnen; der Pfarrer
  An der Kirche des Stifts richtet sich weise danach.
485 Leiten soll er die Kirche, und ihre gesamten Gefälle
  Kommen dem Kloster zu gut, tragen zum Unterhalt bei.
  Dies wird also befestigt mit erzbischöflichem Beisall,
  Wird auch immer bestehen, bleiben in Geltung hinfort.
  Hierher strömt nun das Volk aus allen Teilen des Landes;
490 Spenden, Gewerbe und Kunst lassen erblühen den Ort.
  Wie mit den Flügeln das Huhn die Küchlein decket und heget,
  Ließt die Bürger der Herr, schützet sie vor feindlicher Macht.
  Welchergestalt auch immer der Stand des Fremden gewesen:
  Freiheit schmecket er hier, schüttelt vom Nacken das Joch.
495 Neidisch rotten sich drum die Herren des Landes zusammen,
  Greifen zu kriegrischer Wehr, Schaden zu üben gewillt,
  Und umlagern den Ort. Doch wehrt der belagerte Bürger
  Wacker dem Gegner und wirft Steine und spitzes Geschoß.
  So verteidigt er sich auf mancherlei Art vor dem Feinde,
500 Und der Gebietter der Stadt eilet zur Hilfe herbei.
  Da entschwindet dem Feinde die Hoffnung; eilig entweicht er,
  Aber der lippische Herr setzet voll Eifer ihm nach,
  Heeret das feindliche Land mit Sengen und Rauben und schweift
  Allerorten und kann nimmer verbergen die Wut.
505 Kirchen beraubt er sogar und brandschändet heilige Stätten,
  Gottvergessen verschont selber die Witwen er nicht.
  Einzig steht man das harte Volk und den harten Gebietter:
  Doppelte Treue gewinnt, ihr unterlieget der Feind.

  Unterdessen gebieret die treue Gemahlin des Ritters
510 Mehrere Söhne dem Herrn, Sprossen aus glücklichem Keim.

51

Drei von diesen gelangen zu hohen geistlichen Würden,
  Denn im Laufe der Zeit schmückt sie das Bischofsgewand.
  Aber es muß der vierte zugleich mit dem Bruder, dem Bischof,
  Frühe den bitteren Tod kosten, vom Schwerte gefällt.
515 Beide erleiden den Tod zu Ehren der Kirche von Utrecht,
  Beide fallen im Kampf, fallen mit Ehren bedeckt.
  Doch der fünfte der Söhne, der Erbe der Tugend des Vaters
  Und sein starker Genos, Hermann mit Namen genannt,
  Ist den Ahnen zu gleichen bestrebt und nicht zu entarten;
520 Abhold schwelgerischer Lust, schmückt er die Jugend durch Zucht.
  Wacker im Krieg und an klugem Rate der erste von allen
  Ist er; in rüstigem Leib wohnt ein verständiger Sinn.
  Freude des Vaters ist drum der Sproß, der freut sich des Vaters,
  Beider freut sich das Volk und der Regierenden Herrn.
525 Stützt den Vater der Sohn, so stützt der Erzeuger den Sprößling,
  Beide das Volk, und dies ist für die Herren ein Hort.
  So verbindet sie alle die wechselseitige Treue,
  Und es erzittert der Feind, welcher auf Schaden bedacht.
  So vermehrt sich die Zahl der Bürger, des Herren Besitzum,
530 Städte und Burgen und Volk, Mauern und Forsten und Land.

  In wie mancher Gestalt offenbart sich die göttliche Weisheit,
  Die kein sterblicher Mensch je zu ergründen vermag!
  Wen sie will, den läßt sie gerecht erscheinen; die Bösen
  Noch zu retten, versteht fein sie zu finden den Weg.
535 Siechtum schickt sie dem einen, dem andern Verlust des Vermögens,
  Diesen feßt, von der Höh’ jähling zur Tiefe gestürzt.
  Jener verliert die Kinder, die lieben, Verwandte und Freunde,
  Klagt, daß ein herbes Geschick, was ihm so teuer, entrafft.
  So zwingt Kummer und Not, die mit bitteren Leiden uns plagen,
540 Lobzusingen dem Herrn öfters das schwache Geschöpf.
  Große Güte des Höchsten! Es drängt ihn, dem sich zu nahen,
  Der aus eignem Entschluß nimmer sich zu ihm gewandt.
  Dies hat Gott auch gezeigt an unserem Ritter — denn seinen
  Läßt er verderben, er ist alle zu retten gewillt —
545 Ihn entreißet des Herrn unendliche Güte dem Rachen
  Leviathans, denn er hat ihm zum Gesäß sich erwählt.

53

Während er schwelgt in Fehden und Raub, bedrückt ihn ein schweres,
  Unvermutetes Los, martert ihn schmerzliche Gicht.
  Ihm erschlaffen die Muskeln, die Beine erzittern in Krämpfen
  Bis zu den Füßen; es fehlt ihnen belebendes Maß.
550 Seine Füße versagen, und nicht mehr können die Schenkel,
  Durch das Leiden gelähmt, tragen des Leibes Gewicht.
  Bald vermag er nicht mehr zu schreiten, den Platz zu verlassen,
  Wenn ein anderer nicht stützend zur Seite ihm geht:
  Doch wo die Beine versagen, da helfen noch künstliche Mittel,
555 Und wohin er begehrt, wird durch die Kunst er geführt.
  Denn aus Weidengeflecht wird eine Bahre geschaffen,
  Die von dannen ihn führt, sitzend und liegend, nach Wunsch.
  Zween Rossen vertraut man den Korb; es schreitet das eine
  Dorn, und im nämlichen Schritt folgt ihm das andere nach.
560 Nach Gefallen besucht er in solcher Sänfte die Orte
  Und begleitet wie sonst seine Genossen zum Streit.
  Was die Schwäche der Glieder versagt, ersetzt ihm die Stimme;
  Laut mit begeisterndem Ruf feuert die Kämpfer er an.

  Aber nicht lange Zeit ist seit dem Ereignis verflossen,
565 Da überlegt er im Geist, wie’s mit ihm selber bestellt.
  Er bedenkt, was er war, was er ist, und was künftig er sein wird,
  Und es erscheint in der Welt nichts ihm gesichert und fest.
  O wie schwindet die Ehre so schnell! Es mangeln die Kräfte,
  Jegliche Zierde verwelkt, eilig zerstört sie der Tod.
570 Also spricht er zu sich: „Einst glückte mir alles im Leben,
  Was ich erstrebte, und stark war ich an Körper und Geist.
  Schnell bewegte ich mich, stand hoch bei allen in Ehren;
  Nunmehr liege ich lahm, bin der Bewegung beraubt.
  Da ich den Höchsten zu reizen gewagt, die Kirche beschädet,
575 Trifft mich, wie ich verdient, jetzt der göttliche Zorn.
  Meiner Glieder Gebrauch benahm mir würdige Strafe,
  Denn die Glieder des Herrn war ich zu schänden bereit.
  Mir beweist er es klar, wie weit die göttliche Macht reicht,
  Denn auf seinen Befehl wurde ich ähnlich dem Wurm.
580 Kriechen muß ich am Boden und kann, dem Wurme vergleichbar,
  Nicht aus eigener Kraft richten die Glieder empor.

55

Jetzt rufet die Erde, die treueste Mutter, die Erde,
  Daß ich in ihren Schoß kehre in Bälde zurück.
585 Nunmehr strebe zur Mutter ich hin; es fordert die Erde,
  Was sie gegeben, sie heischt jetzt des Fleisches Tribut.
  Wehe, die Seele, die einst der Lust des Fleisches gefolgt ist,
  Findet sie schal und entbehrt schmerzlich die Liebe des Herrn.
  Eva verlockt den Mann, verführt vom Rate des Bösen;
590 Beide geraten in Schuld, sind dem Verderben geweiht.
  Was soll nun ich beginnen? Ich häufte so große Vergehen,
  Daß ich Verzeihung dafür kaum zu erhoffen vermag.
  Aber die Güte des Herrn ist größer als jegliche Sünde,
  Und so bleibt auch mir einige Hoffnung zurück.
595 Bin ich in Sünden gestorben, so hoff’ ich vom Tod zu erstehen:
  Mein zerrissenes Herz kann mich beleben aufs neu.
  Lazarus faulte im Grab, und dennoch erstand er vom Tode:
  So aus der Sünden Gefängnis kehr’ ich zum Leben zurück.
  Heb mich von neuem empor, gepriesener Jesus, du Leben,
600 Hoffnung Zerknirschter, du Licht, Rettung und richtiger Weg,
  Der du geduldet für mich und den bitteren Tod hast erlitten,
  Also die Todesschuld gänzlich zu tilgen bedacht,
  Blicke auf mich, erhöre mein Flehn, sei gnädig der Bitte,
  Daß ich am vierten Tag werde erweckt aus der Gruft!
605 Du auch, fromme Maria, du heilige Mutter und Jungfrau,
  Eile zur Hilfe herbei! Bittend erreiche den Sohn!
  Dich erwählte der Herr, in dir vollführte er Wunder:
  Mutter bist du und Magd, beides in einem zugleich.
  Einzig in dir erscheinen die Gegenteile verbunden,
610 Wie man es nimmer zuvor, nimmer auch später geschaut.
  Blühendes Reis, du leuchtend Gestein, du duftender Weidenbrauch,
  Herrlicher Königsthron, Anker und Hoffnung im Leid,
  Hafen im Schiffbruch, Quelle des Lichts, der Tugenden Balsam,
  Du, der Gerechtigkeit Bild, strahlende Leuchte des Wegs,
615 Du, so fromm und so mild, verschmähst nicht des flehenden Bitten,
  Und den erzürnten Gott kannst du versöhnen mit mir.
  Zweifach kannst du ihn rühren: als Tochter nahst du dem Vater,
  Nahst als Mutter dem Sohn — beides hat sicheren Erfolg.
  Kann den Vater das Kind, die Mutter den Sohn auch versöhnen:
620 Schlägt die Bitte nicht fehl, haben sich beide vereint.

57

Hilf mir du, der Barmherzigkeit Quell, der Flüchtigen Freistatt,
  Ziel am Ende der Bahn, Ruhe im stürmischen Meer;
  Fördere, was ich begeh’, verleih ein zetrüftiertes Gemüte,
  Daß ich der Sünden Schuld recht zu beklagen vermag.
625 Hab’ ich gesündigt, so will ich bereuen, und Buße gelob’ ich,
  Und mein früheres Thun weinend beklag’ ich es jetzt.
  Gieb der Verzeihung Raum, weil dir ich mich ganz unterworfen:
  Jungfrau, schaue auf mich, deinen ergebenen Knecht!“

  Also redet mit Seufzen und reichlichen Thränen der Ritter;
630 Ganz von Liebe zu Gott ist er im Herzen entbrannt.
  Leben will er fortan im geistlichen Stande, ein anderer
  Mensch begehrt er zu sein fürder an Sitten und Tracht.
  Weil dem Höchsten das Opfer gefällt, so weiß er die Freuden
  Dieser Welt zu verschmähn, gänzlich dem Herrn sich zu weihn.
635 Was er ersehnt, tritt ein; beim Höchsten findet die Bitte
  Gnade: der Glieder Gebrauch wird ihm von neuem zu teil.
  Leben erhalten die Schenkel, die welken Muskeln durchströmet
  Wieder das Blut, und wie einst lernen die Füße das Gehn.
  Freudig danft er dem Herrn und bestrebt sich mit eifrigem Herzen,
640 Einzulösen das Wort, das er dem Höchsten gelobt.

  Doch nun will er nicht mehr des Herzens Geheimnis der Gattin
  Länger verhehlen, und so sucht er zu lenken ihr Herz:
 „O du meine Geliebte, die meinem Herzen die nächste,
  Wissen mußt du mit Fug meinen geheimen Entschluß.
645 Eine Liebe hat ja, es hat in verschiedenen Körpern
  Eine Seele und Treu’ innig uns beide vereint.
  Würden die Körper getrennt, so sind wir doch nimmer geschieden;
  Unverletzt besteht unser Seelen Verband.
  Aber der Körper Verein hat bald ein Ende, denn trennen
650 Kann uns beide der Tod; ehe wir dessen gedacht.
  Wirken wir drum in der Zeit, daß uns ein künftiges Leben
  Halte verbunden, die wir gleich an Gesinnung und Treu.
  Dieses Leben ist kurz, gleich Rauch und Schatten vergeht es,
  Schwankend ist es und hat keinen gewissen Bestand.

59

655 Wir vergehen wie Kraut, das früh am Morgen noch grünet,
  Aber am Abend bereits wieder verwelkt und verblüßt,
  Gleichen der Blume, die blühet im Tau, doch balde verschmachtet;
  Kraftlos sinkt sie zur Erd’, flieht, und die Farbe verbleicht.
  Ewig besteht und nie entschwindet das künftige Leben;
660 Dort herrscht ewiger Fried’, nimmer gestört durch Streit,
  Reichtum ohne Verlust; dort ist beständig zu finden
  Ruhe, die Schmerzen nicht kennt, immer ein leuchtender Tag.
  Nie kann Hunger und Durst, nie Kälte und lästige Hitze,
  Nie ein erschlaffend Gebreß stören die selige Ruh.
665 Streben wollen wir jetzt nach jenem Leben, mit Weisheit
  Kommen dem Tode zuvor, der uns am Ende bedrängt;
  Laß uns führen hinfort ein besseres Leben, den Samen
  Auszustreuen, der einst ewige Ernte verspricht.
  Weihen wir an dem Altar die kurze Spanne des Lebens:
670 „Ewiges Leben ist dann Lohn für die wenige Zeit.
  Siehst du, wie groß des Höchsten Gewalt, der einst mich gefüret hat,
  Aber er blickte mich an mit gnädigem Auge und schenkte
  Mir die Kräfte aufs neu, war ich auch dessen nicht wert.
675 Sicher gehen wir nur, wenn willig der Welt wir entsagen,
  Nie wir verlassen dereinst, wenn es der Tod uns gebeut.“
  Solche Worte bewegen die züchtige Gattin, und Seufzer
  Quellen aus tiefer Brust, Weinen benetzt das Gesicht.
  Beizustimmen vermag sie ihm nicht, denn mit herzlicher Treue
680 Und aufrichtigem Sinn liebt sie den teueren Herrn.
  Aber sie wagt, durch Bitten besiegt, das fromme Gelübde
  Nicht zu vereiteln und stimmt traurigen Herzens ihm zu.
  Also nimmt sie das Wort: „Du allerliebster der Männer,
  Nichts ist mir in der Welt teurer und wert so wie du.
685 Wie es das Herz mir ergreift, von dir verlassen zu werden,
  Das vermöchte wohl kaum dir zu bekennen der Mund.
  Doch da im Christi willen die Welt wir sollen verachten,
  Seine Liebe zu uns alles an Wert übertrifft,
  Mag’ ich es länger nicht mehr, dein frommes Gelübde zu hindern,
690 Abzumahnen von dem, was du im Herzen geplant.“

61

690 Dann beruft er den Sohn zugleich mit den andern Verwandten,
  Und als alle vereint, redet er also sie an:
  „O ihr alle, durch Blut und Liebe mir innig verbunden,
  Oftmals habe ich schon eure Treue erprobt.
695 Billigt, was ich gelobt; das wechselnde irdische Leben
  Reizt mich fürder nicht mehr, denn das zukünftige lockt.
  Nicht mehr reizt mich ein Stand, der mir nichts Sicheres bietet,
  Sondern ein anderer lockt, welcher zum Heile uns führt.
  Jenen bin ich gewillt mit dem besseren Stand zu vertauschen:
700 Statt der Genüsse der Welt wähl’ ich das Leben des Mönchs.
  Hier mein Sohn, den ich jetzt als meinen Erben bestelle,
  Wandle auf sicherer Bahn, treu von euch Magen gestützt.
  Was er auch thut, er soll es, von euch geleitet, vollführen;
  Steht ihm beratend zur Seit’, da er an Jahren noch jung.
705 Du auch, teuerrer Sohn, vernimmt mit willigem Herzen,
  Was ich dir jetzt vertrau’, denke beständig daran.
  Halte die Mutter in Ehren, und mögest du immer bereit sein,
  Wenn sie zum Guten dir rät, auch zu befolgen den Rat.
  Was sie zum Leben bedarf, das spende von deinem Besitzthum,
710 Sorge mit Eifer für sie, kindlicher Liebe gedenk’.
  Bist du in mißlicher Lage, so bitte Verwandte und Freunde,
  Deren Treue erprobt, ratend zur Seite zu stehn.
  Meide Verdächtige ja und prüfe, wie jene geartet,
  Denen du, was du geplant, anzuvertrauen gedenkst.
715 Nichts thu’ ohne Bedacht, nimm nichts zu eilig in Angriff;
  Sorglich erwäge zuvor, was du auch immer betreibst.
  Laß dich niemals täuschen von Ohrenbläsern und Schmeichlern;
  Was sie sagen, darauf kann man ja nimmer vertrau’n.
  Achte die Oberen hoch, und treu sei ihnen ergeben,
720 Wie es die Treue verlangt, welche du ihnen gelobt.
  Fördre die Unterthanen mit Liebe, sei milde und hilfsreich,
  Nimm vor feindlicher Macht eifrig die Deinen in Schutz.
  Mitleid zeige der Not, verachte nicht niedere Leute,
  Sei dem Armen ein Schuß, wende dich nie von ihm ab.
725 Stärke die Städte im Land, denn bist du bedacht, sie zu schützen,
  Dann bist selber du stark; sie sind die Quelle der Macht.
  Sei ein Vater des Volks; es möge gedeihen und blühen,
  Möge, gefördert von dir, leben in sicherer Hut.“

63

730 Strafe verschiebe so lang, bis recht du im Herzen erwogen,
  Was sich gezieme zu thun, dienlich und förderlich sei.“
  Da verhüllte der Sohn bei des Vaters Rede sein Antlitz;
  Schluchzend vermochte er kaum also zu nehmen das Wort:
  „Lieber Vater, ich bin dir treu, denn viele Beweise
735 Deiner Liebe und Treu wurden mir sichtbar zu teil.
  Billig giebst du mir heut die Lehren, Beweise der Treue,
  Und solange ich bin, folge ich willig und gern.
  Einst will ich sie den Kindern vererben zu steter Beachtung;
  O behielten sie doch alles getreulich im Sinn!“

740 Nun bereitet der Greis sich fromm zum würdigen Opfer:
  Fahren läßt er die Welt, Gattin und Kinder und Volk.
  Alles ordnet er wohl; dann sucht er die passende Stätte,
  Um dem Höchsten hinfort selbst sich als Diener zu weihn,
  Wählt ein Kloster sich aus, Marienfelde geheißen,
745 Wo das Leben im Herrn allen als Muster erscheint,
  Wechselt dort das Gewand; nach Körper, Gesinnung und Leben,
  Nicht nach der Kleidung allein wird er ein anderer Mensch;
  Schert sich den Bart bis zum Ohr, es fallen die lockigen Haare,
  Auf dem entblößten Haupt zeigt sich die breite Tonsur.
750 Weite Kleider umhüllen den Leib, den Kopf die Kapuze,
  Und es bedeckt die Haut drückendes härnes Zeug.
  Gänzlich opfert er so sich dem Herrn; des Fleisches Gelüste,
  Wenn es dem Geist widerstrebt, zähmt er durch rauhes Gewand;
  Liest die Schriften aufs neu und betreibt, was er lang nicht beachtet,
755 Wieder mit eifrigem Sinn, holt es mit Emfßigkeit nach;
  Büßt und achtet das Recht, verabscheut jegliches Unrecht,
  Ehrbar, sanft und gerecht immer mit Herz und mit Hand,
  Fastet, wachet und singt; kniet betend nieder, und alles,
  Was nur die Regel erheischt, übt er gewissenhaft aus.
760 Wie er vor Zeiten gelebt, beweint er, befeußt das Vergangne,
  Was er einst übel gethan, wieder zu sühnen bedacht.

  Ganz erglühend in Liebe zum Herrn, erleidet der Heilige
  Jedes Ungemach gern, achtest es allzugering.

65

Größeres will er erdulden, weil stets noch tiefer die Tugend
  Dringt in das innerste Herz, nimmer zu ruhen vermag.
765 Weil er den Höchsten liebt, so erfreut ihn jegliche Mühsal,
  Schmeckt die Galle ihm süß, mundet ihm Schierling wie Seim.
  Also ist es sein Wunsch, in der Fremde das Leben zu führen;
  Fort aus der Heimat zu ziehn, dünkt ihn ersprießlich zu sein.
  Urlaub heißt er vom Abt; er zieht durch die Fluten des Meeres
770 Hin in ein fernes Gebiet, welches die Woge begrenzt.
  Passend heißt man das Land Livonien; rohe Bewohner
  Reizen zu blutigem Streit häufig das christliche Volk.
  Wild ist das Land und trügerisch dort, nur wenige Menschen
  Wohnstätt’; fremdes Geschlecht festigte rings das Gelände.
775 Mönche errichteten dort ein Kloster, des nämlichen Ordens
  Brüder, dem sich bereits hatte der Heil’ge geweiht.
  Trefflich ist es gebaut, mit Gütern reichlich versehen
  Dieses heilige Haus, passend zum Dienste des Herrn.
  Dünamünde so heißt’s; es führt von dem Flusse den Namen,
780 Dessen Welle den Ort, da es errichtet, bespült.
  Dort tritt Bernhard ein, und es freut sich die würdige Mönchsschar,
  Daß der heilige Mann einer der Ihrigen ist,
  Achtet ihn lieb und wert, und wenige Zeit ist verflossen,
  Als er selber zum Abt wird von den Brüdern erwählt.
785 Wie es die Regel gebeut, wird nun er zum Priester geweihet,
  Daß er in würdiger Art könne als Vater bestehn,
  Der sich solcher­gestalt vor den andern Brüdern hervorthut,
  Daß er nicht größer erscheint, sondern geringer als sie.
  Eifrig ist er besorgt für seine Kirche; er möchte
790 Allen im Lande so gern werden ein sicherer Schutz.
  Schwache stärkt er im Glauben, entflammt die Trägen, damit sie
  Nicht erlahmen im Werk, lehret mit Wort und mit That.
  Aber ein treulos Volk bedränget die Christen; der heil’ge
  Leidet mit ihnen und klagt über der Heiden Gewalt.
795 Nützen will er dem Land und der Kirche, drum eilt er von dannen,
  Zum apostolischen Stiz wendet er jetzt den Schritt,
  Wirft sich dorten zu Füßen dem obersten Priester und bittet,
  Daß der Vater in Huld sei der Bedrängten ge­denkt;
  Schildert in Demut dann, wie dort es im Lande bestellt ist,
800 Bitten den Vater um Rat, bittet um Hülfe in Not.

67

Als der Vater vernimmt des Fremden Würde und Herkunft,
 Und wie herrlich das Land strahle im Glauben an Gott,
 Wandelt ihn Mitleid an mit der jungen Kirche des Landes,
 Und er lobet den Mann, der so vollendet als Christi;
805 Ruft die Männer herbei, die immer dem päpstlichen Hofe
 Stehen als „Helfer zur Seit‘“, alles zu leiten mit Maß.
 Diesen trägt er es vor und fragt sie; die würdigen Väter
 Forschen gar klug, was hier dienlich und förderlich sei.
 Man entwirft ein Dekret und beschließt: der obersten Kirche
810 Tochterkirche sie soll spüren, daß Hülfe ihr wird.
 Bernhard wird der Befehl vom höchsten Vater, die frommen
 Alle im deutschen Land jetzt mit dem Kreuz zu versehen.
 Wer die Sünden bekennt und alle von Herzen bereuet,
 Sei von der Strafe befreit, wenn er dem Kreuze sich weiht,
815 Güter und Leib zu opfern bereit ist wider die Feinde
 Unsrer Kirche und so sichert des Glaubens Bestand. —
 Ferner gewährt der Papst dem heiligen Mann die Erlaubnis,
 Bischof zu werden im Land, welches er mutig betreut.
 Alles wird voll beschlossen und päpstliche Siegel bekräftet.
820 Dann kehrt fröhlich der Held wieder zur Heimat zurück.
 Jubel herrscht in dem Land ob des Vaters Erscheinen; es freut sich
 Sein der Geweihten Schar, Kleriker jauchzet und Freund.
 Aber es grauset den Feind, besorgat sind die argen Barbaren,
 Traurig das heidnische Volk, jeglicher Gegner in Furcht.
825 Jubelnd empfängt man den Vater; das Volk strömt eilends zusammen,
 Was geschrieben der Papst hört es und merkt es erfreut.
 Beifall finden die Schriften; die Menge preiset den Helden,
 Findet es billig und recht, daß er zum Bischof ernannt.
 Bischöfe kommen alsbald, von Volk und Klerus gerufen,
830 Um mit heiliger Hand ihn zu dem Amte zu weihn.
 Wunderbar, traun: sein leiblicher Sohn ist unter denselben,
 Und so spendet der Sproß selber dem Vater die Weih’.
 Aber der heil’ge Prälat, nun wahrhaft Bischof geworden,
 Ist voll Eifer bemüht, Hirte der Kirche zu sein,
835 Predigt das Wort, ermahnt die Guten und rügt die Vergeh’n,
 Sorgt im Lande für Recht, dränget die Bösen zurück.
 Deutschlands Gaue durchzieht er, bezeichnet das Volk mit dem Kreuze,
 Bittet mit herzlichem Wort, Hülfte zu leisten dem Land.

69

Wer mit dem Kreuze geschmückt, dem zeigt er Vergebung der Sünde,
840 Wenn er dem Glauben zulieb streitet mit Leib und mit Gut;
 Heisch’t Gewänder und Geld, Vieh, Korn, auch Waffen und Rosse,
 Sendet es alles ins Land, dienlich dem Zwecke zu sein,
 Sammelt die Gläubigen dann, die des Kreuzes Zeichen genommen,
 Und mit tapferer Hand schwingt er die Waffen wie einst.
845 Drauf geht’s fort zu den Heiden; er ordnet die Reihen, zum Angriff
 Rückt er gegen den Feind, mahnend zum schrecklichen Kampf.
 Schreitet voran der gepanzerten Schar, verschmähend den Harnisch;
 Dennoch wird ihm der Leib nicht von Geschossen versehrt.
 Jetzt wütet der Kampf mit zweifelhaftem Erfolge,
850 Rings tönt Waffengeklirr, rinnet in Strömen das Blut.
 Bald ist das heidnische Volk, bald sind die Christen im Vorteil;
 Endlich räumet das Feld flüchtig das heidnische Heer.
 Aber es folgt der heilige Mann mit den christlichen Streitern
 Und verwüster das Land; Plünderung wütet und Brand.
855 Städte erbaut er und festen als Bollwerk gegen die Heiden;
 Waffern und reißiges Volk schützen sie wohl vor dem Feind.
 Kirchen erbaut er im Land und weiht sie, befiehlt die Priester,
 Heiligen Dienst zu versehn, wie es dem Höchsten gefällt.
 Zieht mit Schmeicheln und Drohn die Heiden vom Dienste der Götzen,
860 Mit dem heiligen Naß wäscht er von Sünden sie rein,
 Nähret mit Milch und nicht mit Brot die eben Bekehrten,
 Denen in späterer Zeit kräftige Speise geziemt.
 Sorglich ist er bemüht für die Schafe, der treffliche Hirte,
 Und sein Leben sogar setzt für die Herde er ein.
865 Also vermehrt sich allseits die Ehre Christi; die Götzen
 Weichen dem heiligen Dienst, christlicher Glaube gedeiht.
 Freilich bedrängt der heidnische Stamm die Christen noch öfters,
 Doch mit vereinigter Macht wehrt sich das gläubige Volk.
 Viele vergossen ihr Blut und wurden gefällt von dem Schwerte,
870 Denen die Märtyrerkrön’ strahlet in ewigem Licht.

 Stets ist der Heil’ge mit Eifer bemüht um des Landes Gedeihen
 Und mit Körper und Geist emsig zu wirken bestrebt,
 Läßt nicht rasten den Leib von allgewaltiger Mühsal,
 Denn die Sorge sie treibt immer aufs neue den Geist.

71

875 Er durchzieht das Gebiet und macht durch die Gaue die Runde,
 Städte sucht er und Land, Weiler und Festungen auf;
 Predigt inzwischen das Kreuz den Edelen wie den Geringen,
 Ruft und mahnet sie all, flehet um Hilfe sie an.
 Auch besucht er indes das Städtchen am Ufer der Lippe,
880 Von den Verwandten begehrt und den Bewohnern des Orts,
 Weiheť die Kirche daselbst der Mutter Gottes zu Ehren,
 Sie, die noch heutigen Tags sich bei dem Markte erhebt.
 Älter ist sie als alle, die unsre Mauern umschließen,
 Auch an der Gläubigen Zahl geht sie den andern voran.
885 Endlich spendet ihm Gott, der gnädige König und Vater,
 Nach so reichlicher Müh’, herrlichen, ewigen Lohn.
 Wenn er auch öfters den Feind in blutigen Kämpfen bestanden,
 Findet er dennoch den Tod nicht von der Wunde verletzt;
 Und wie sehr er auch oft die Märtyrerkrone ersehnt hat,
890 Zahlt er des Fleisches Tribut nicht mit vergossenem Blut,
 Sondern er scheidet zuletzt von hinnen als heiliger Hirt
 Dort in dem Bischofssitz, dem er zum Leiter bestellt.
 Jetzt heißen den Leib die Dünamündischen Mönche,
 Ihn zu bestatten im Grab, weil er ihr Bruder dereinst.
895 Drob erhebt sich ein Streit: die fördern, und jene verneinen;
 Aber die Kirche gewinnt, wo er am ersten geweilt.
 Also empfängt den Leib der würdige Abt Dünamünde,
 Führt ihn, geborgen im Schiff, fort auf den Fluten des Meers.
 Doch es erhebt sich ein Sturm, das Schiff sinkt unter, und also
900 Findet der heilige Abt jäh in den Wogen den Tod.
 Bald entdeckt man den Leib; ihn trugen die Wellen zum Strande,
 Und der Geweihten Schar weint, daß der Vater verblieb.
 Aber am ersten Morgen ist nicht der Bischof gefunden;
 Früh am folgenden Tag treibt an die Küste der Leib.
905 Feierlich naht sich der Zug der frommen Mönche des Klosters,
 Beider heiligen Leib tragen sie weinend davon.
 Wunderbar fügte es sich: die beiden, verbunden durch Freundschaft,
 Beide Väter zuvor, beide an Frömmigkeit gleich,
 Sind im Tod nicht getrennt; gemeinsam werden die Körper
910 Jetzt der Erde vertraut, feierlich läßt man sie bei.
 Erde bewahrt die Leiber, die himmlische Halle die Seelen:
 Staub ist worden zu Staub, himmelan schwingt sich der Geist.

73

Also hab’ ich in Kürze dein Leben, o Bernhard, besungen;
Wenige Worte jedoch bringen es nimmer zu Stand.
915 Wollte man alles beschreiben, der Autor würde verworren;
 Müde unendlicher Mär’, spürte der Hörer Verdruß.

Du auch, Hermann, reichlich geschmückt mit der Tugend der Ahnen,
 Blume des Landes, des Stamms Leiter und Ehre zugleich,
 Wahrt der Väter Besitz; du strebst, ein besorglicher Erbe,
920 Immer zu gleichen dem Ahn, nicht zu entarten bedacht;
 Bist den Großen erwünscht und bist willkommen den Edlen;
 Hoch sind alle erfreut, sitzst du mit ihnen zu Rat;
 Bist bei allen beliebt durch deine gewinnende Rede,
 Durch vortreffliche Zucht, gern unterstützende Hand.
925 Lieber als Krieg ist dir ein Sieg durch vernünftige Worte;
 Streitende söhnest du aus, freust dich des friedlichen Bunds.
 Doch triumphiert die feindliche Macht, so tröst du den Feinde,
 Und mit tapferer Hand greifst zu den Waffen du dann.
 Sicher durchwandert das Volk, von dir geleitet, die Länder,
930 Denn aus Liebe zu dir schonet es jeglicher gern.
 Ach, dich entrafft zu frühe der Tod, du Säule des Landes,
 Der du den Deinen ein Hort warst und ein sicherer Schutz,
 Denn der Stedinger Stamm, des wahren Glaubens Verächter,
 falscher Lehre getreu, bringt dir den bitteren Tod.
935 Kinder blühen dir viel; ein friedenbringender Erbe
 folget dir nach; wie der Ahn ist er mit Namen genannt.

Bernhard, sei mir gegrüßt, gepriesener Ritter! Es tönt mir
 Süß dein Name, o laß weniges melden von dir.
 Was du an Thaten vollführt, ist wohl mir bekannt, denn ich bin ja
940 Altersgenosse von dir, darin alleine dir gleich.
 Billig führst du die Blume im Schild, denn du bist wie die Blume,
 Edel an Zucht, von rüstigem Leib und gewaltiger Stärke,
 Blüht du in thätiger Kraft, die von den Ahnen ererbt.
945 Gnädig bist du Bedrängten, ein gütiger, friedlicher Herrscher,
 Muster der Tugend und Feind jeder betrüglichen List.

75

Kämpfe mußt du in Menge bestehen nach dem Tode des Vaters,
 Abzuwehren den Feind, der das Gebiet dir bedroht.
 Tapfer ergreifst du die Waffen; es leuchtet emsige Thatkraft
950 Allüberall, und es lebt kräftig ein mutiger Sinn.
 Krieger umringen dich viel; du teilst reiche Geschenke
 Immer mit milder Hand unter die Deinigen aus.
 Du überwindest den Feind, wirst nicht überwunden; o daß doch
 Nimmer du würdest besiegt, immer die Palme dir sei!
955 Unter dir ist vermehrt der Lipper Besitz, und gewachsen
 Ist er an festen und Land, Schlössern und Gütern und Macht.
 Weiter mög’ er noch wachsen und nie entbehren des Wachstums;
 Lange mögest du noch leben auf Erden hinfort!
 Lange lebe beglückt mit deinem ganzen Geschlechte,
960 Und das ewige Heil werde euch allen beschert!

Wieder besing’ ich im Lied dich, Simon, würdiger Bischof:
 Eingang meines Gedichts sollst du und Ende auch sein.
 Treffend nennet man dich das Haupt des edlen Geschlechtes,
 heißet dich so nach Gebühr: Thaten entsprechen dem Wort.
965 Hochzuwuchernder Fürst, durch den die Sippe der Lipper
 Grünet und blühet, mit Fug wirst du die Blume genannt:
 Bist die Blume der Priester, die Blume des Adels; der Blume
 Duft verbreitest du rings, geistiger Größe Symbol.
 Du läßt nimmer verblühn die Blume des alten Geschlechtes,
970 Willst, daß aus blühendem Stamm ströme ein süßer Geruch,
 Daß ein Gegensinn nicht entweihe die Ehre der Blume,
 Sondern beständig das Wort möge entsprechen dem Ding.
 Sorge trägst du dafür, daß die Blume im Bilde nicht lüge,
 Daß auch blühende That ziere die Blume im Schild.
975 Möchte die Blume doch blühn, nie kommen das Ende der Blüte;
 Rings verbreite sich stets lieblicher Blumengeruch!
 Trefflicher, würdiger Vater, du sorgst, daß die Blume nicht welke;
 Lange mögest du noch leben, der Sorge gedenk!
 Du mein Bischof, o nimm mit dem Bruder und andern Verwandten
980 Gnädigen Sinns das Geschenk, dies mein Gedicht, in Empfang.
 Zwar ist die Gabe gering, doch wert begünstigt zu werden:
 Wenn sie verdienstlich ist, ist’s ja doch verdienstlich die Gunst.

77

Wollte ich Größeres geben, so würde mich hindern die Armut;
 Reiche Geschenke allein ziemt es sich Fürsten zu weihn.
955 Eines vermag ich: im Lied verkünde ich euern Namen
 Über den Erdkreis; so wird euch beständiger Ruhm.
 O gewährtet mir Schutz und steht mir fördernd zur Seite,
 Gnädig möget ihr mich würdigen euerer Gunst!
 Immer hab’ ich bisher mich euerm Dienste gewidmet,
990 Werde, solange ich bin, stets zu Befehle euch sein.
 Führet noch lange Zeiten hindurch ein glückliches Leben;
 Trennt sich vom Körper der Geist, gehe zum Himmel er ein!

Euch begrüße ich nun mit wenigen Versen, Genossen,
 Deren Liebe und Treu leuchtend sich mir offenbart.
995 Euch umfasse ich alle mit echter Liebe und wünsche,
 Daß ihr Segen und Glück zeitlich und ewig genießt;
 Besseres kann ich nicht wünschen. Versagt, ich bitte, den Beifall
 Nicht den Versen des Lieds, wenn sie ermangelt der Kunst.
 Nicht aus Liebe zum Ruhm entschloß ich mich, Verse zu bauen,
1000 Sondern damit nicht der Geist werde durch Muße erschlafft.
 Finden sich Fehler in ihnen, so möge sie neidische Spottlust
 Nicht verleinern darum; Liebe entschuld’ge Versehen. —
 Meine Söhne, von Milch des Vaterwortes genähret,
 Unrecht ists zu verschmähn, was von dem Vater verfaßt.
1005 Leset ihr prüfend das Werk, so sollet dem Werke auch Achtung,
 Hättet ihr wirklich das Recht, dürftig zu nennen den Vers.
 Dürftig zu nennen den Vers, wenngleich ihr das Recht dazu hättet:
 Achtung sollet dem Werk, leset ihr prüfend das Werk.
 Haltet die Verse ihr wert und lieb, dann handelt ihr schicklich;
1010 Liebe zum Vater erreicht alles, was Treue befiehlt.
 Alles, was Treue befiehlt, die Liebe zum Vater erreicht es;
 Schicklich handelt ihr dann, haltet die Verse ihr wert.
 Mehr der Gedichte vermag’ ich euch noch zu eifrigem Lesen;
 Wollet, ich bitt’ euch darum, meiner gedenkt dabei,
1015 Daß, wer nach mir lebt auf der Welt, zum mindesten spreche:
 „Seine Seele erfreu’ ewige himmlische Ruh“. —
 In der Blume des Lieds erblüht hier die lippische Blume:
 Lippifloriger drum hab’ ich das Büchlein genannt.

79

Nimmst du es freundlich auf, so werde der göttliche Segen
1020 Dir zum Lohne dafür; mag sich verzehren der Neid.
 Jeder, der künftig spricht: „In Frieden ruhe Justinus’
  Seele, des Mannes, der einst dichtete diesen Gesang“ —
 Der wird treu erfunden, denn erst nach dem Tode bewährt sich
  Ungekünstelte Lieb’, zeigt sich die richtige Treu. —
1025 Nun ist beendet der Sang; drum sei dem Vater und Sohne,
  Sei dem heiligen Geist ewiglich Ehre und Preis! Amen.

Ende des Lippifloriums.