| Die Landwehr |
1.) Die Landwehr im Mittelalter
Nur an Durchgängen konnte man legal passieren und musste dafür Wegegeld, Brückenzoll und Warenzoll bezahlen. Damit die Wälle nicht widerrechtlich überwunden wurden (Schleichwege), waren auf den Wällen dichte Hecken gepflanzt. Zumindest mit einer beladenen Handkarre oder Pferdekarre sollte man dort keine Chance haben.
Die undurchdringbare Hecke wurde als ↗Hag oder ↗Gebück bezeichnet. „Hag“ (vgl. (ein)hegen, -Hagen) bedeutet Umzäunung und findet sich noch heute in den Namen der dafür verwendeten Pflanzen, z.B. Hagebutte und Hagedorn (Weißdorn). „Gebück“ kommt von biegen und meint das Verpflechten von Zweigen zu einer dichten Hecke, häufig als Hainbuchen-Hecke.
Entstehung der Landwehr
Als Siedlungen zu Städten heranwuchsen, reichte eine Burg nicht mehr aus.
Deshalb wurden die Städte selbst mit Zäunen, Gräben, Wällen oder Mauern umgeben,
vgl. Stadtbefestigung Lippstadts.
Der Landesherr konnte ggf. einen neuen Hof/Herrensitz innerhalb der Stadt bauen - und war so durch die Stadtbefestigung geschützt.
Im Prinzip wurde die ganze Stadt zu seiner Burg. Für die Verteidigung sorgte die Stadtbevölkerung aus eigenem Interesse
bzw. war dazu verpflichtet (frühe Wehrpflicht).
Doch die Bauern rund um die Stadt blieben außen vor. Sie waren wichtige Lieferanten für die Stadt. Zum einen waren sie z.B. Dieben und Raubrittern schutzlos ausgeliefert, zum anderen konnten die Bauern und reisenden Händler die Zölle und Abgaben umgehen, wenn sie nicht kontrolliert wurden. Denn zeitgleich war es die Blütezeit der Hanse. Somit war es für den Landesherrn lohnenswert, sein gesamtes Territorium mit einem Wall (Erdwerk) zu umgeben und mittels Wächtern und Zollknechten zu überwachen und zu bewirtschaften.
Laut der Forschung waren einfache Landwehren nicht zur Verteidigung geeignet. Daraus kann man schließen, dass die Anlagen meist der Grenzmarkierung und Zollerhebung dienten. Doch die Patrouillenritte konnten auch als Frühwarnsystem vor Angriffen auf die Stadt dienen.
Lipperode
Lippstadt
Über die mittelalterliche Landwehr von Lippstadt ist mir bisher leider wenig Konkretes bekannt. Ich hatte gehofft, in dem großen Buch „Die Festung Lippstadt“ (Hagemann, 1985) auch etwas über Landwehr-Wälle lesen zu können, doch in dem Buch wurden nur die unmittelbaren Festungswerke Lippstadts behandelt. Und somit habe ich lediglich ein paar andere Hinweise, dass es hier eine Landwehr gab:
• ↗Bodendenkmal: Wallanlagen östlich von Cappel als Reststück der Lippstädter Landwehr
• In einer Urkunde von 1560: „Vorsteherin und Konvent des Schwesternhauses in Lippstadt an Graf Bernhard [VIII.] zur Lippe: die Schwestern besitzen innerhalb der Landwehr von Lippstadt auch zu beiden Seiten des Hauses Lipperode im Godes-garten den Lösens-Zehnten, der bislang auch von den zum Haus Lipperode gehörigen Ländereien unangefochten teils durch Vergleich erhoben wurde.“
• In einem Rechtsstreit von 1575 hieß es, der Erwitter Gaugraf habe Lippstadts Landwehr überfallen, dabei zwei Lippstädter Bürger verhaftet und diese zunächst nach Erwitte, dann nach Arnsberg gebracht.
• Bei F. Kersting ist zu lesen: „Der Kranenkasper, welcher auch einen Eingang in die Landwehr bildete, wo Abgaben z.B. für Salz erhoben wurden, ist ...“ zu Anfang des 19. Jahrhunderts erbaut worden.
Jene Zeit markiert zugleich das Ende der Zollstationen, denn bis ca. 1810 wurden alle alten Stadtzölle in Westfalen durch die französische Verwaltung abgeschafft.
Und die Landwehr war vielleicht schon nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) aufgegeben worden
(siehe Belagerung Lippstadts).
Über Lippstadts Schwesterstadt Lemgo (beide von Bernhard II. als Planstadt gegründet)
wurde ↗geschrieben:
„Spätestens nach dem Ende des 30-jährigen Kriegs 1648 konnte die Stadt die Bauwerke nicht mehr ausreichend finanzieren und unterhalten.
... Viele Landwehrgrundstücke wurden an Bauern verkauft und damit die Wälle und Gräben der Einebnung preisgegeben.“
Nur in Wäldern, die nicht für Ackerbau genutzt werden konnten, kann man heutzutage noch Reste von mittelalterlichen Erdwerken finden.
Rund um Lippstadt
In Westernkotten gibt es die Straße „Zur Landwehr“ und einen ausgewiesenen ↗Wanderweg: „Historischer Landwehr-Rundgang, ca. 3 km: 1506 wurde eine Landwehr um Westernkotten errichtet. Ein Teil davon ist heute noch erhalten. Wandeln Sie bei diesem Themen-Rundgang auf den Spuren der historischen Wallanlage.“
In Geseke gibt es sogar mehrere Landwehr-Straßennamen: „Kleine Western Landwehr“, „Große Western Landwehr“, „An der alten Landwehr“, „Neue Landwehr“ sowie die „Landwehrstraße“ in Langeneicke.
Die Altertumskommission für Westfalen ist aktuell dabei, Daten über ↗Landwehren (Karte) zusammenzutragen. In der Umgebung von Lippstadt gibt es bisher nur Veröffentlichungen über die ↗Landwehr von Geseke und ausführlicher über die ↗Landwehr von Beckum.
2.) Militärische Landwehr ab 1813
und Wehrpflicht
Wie wurde Westfalen preußisch?
Um 1800 war das Heilige Römische Reich (Deutscher Nation) ein Flickenteppich aus rund 300 Herrschaften, z.B. die kleine Grafschaft Lippe. Nachdem Napoleon Bonaparte 1801 über Österreich gesiegt hatte, war er die dominante Macht in Europa. Um Einfluss in deutschen Ländern zu gewinnen, drängte er darauf, das Römische Reich aufzuräumen.
Bei der Neuordnung sollten kleinere Herrschaften ihren größeren Nachbarn zugeschlagen werden. Das gefiel den großen Fürsten (z.B. Bayern, Baden, Württemberg, Preußen) sehr gut, die deshalb den römisch-deutschen Kaiser Franz II. dazu drängten, die sogenannte ↗Mediatisierung zu beschließen.
Die geistlichen und die kleinen Herrscher waren natürlich dagegen, ebenso der römisch-deutsche Kaiser. Doch wenn der Kaiser sich geweigert hätte, war zu befürchten, dass Napoleon die Neuordnung einfach ohne ihn durchgesetzt hätte. Durch die Zustimmung hoffte der Kaiser, das Reich erhalten zu können. Der Beschluss nennt sich ↗Reichsdeputationshauptschluss (1803) und wurde ungewollt zum letzten großen Gesetz des Heiligen Römischen Reichs.
Durch die Mediatisierung 1803/1806 wurden 100 kleine Herrschaften (Reichsstädte, Klöster, Bistümer) aufgelöst.
Z.B. bekam Preußen die Hochstifte Münster und Paderborn und die Reichsstadt Dortmund. Preußens Gebiet wuchs um ca. 25% (nach Verlust Polens).
In Westfalen blieben die Fürstentümer Lippe und Waldeck (heute in Hessen) souverän, denn sie waren keine Kirchenstaaten, waren unbedeutend
und verhielten sich politisch neutral.
Die Stadt Lippstadt - als weiterer Sonderfall - war bereits seit 1376 verpfändet und stand seit 1614 unter gemeinsamer Herrschaft von Lippe und Preußen.
Eigentlich könnte man denken, dass nach der Neuordnung des Flickenteppichs mehr Ruhe ins Reich gekommen wäre. Stattdessen vergrößerte sich das Chaos. Denn die nun noch mächtigeren Großfürsten handelten selbstständig, schlossen eigene Bündnisse und ignorierten zunehmend den Kaiser und Reichstag.
Napoleon gründete im Juli 1806 den Rheinbund, ein Bündnis deutscher Staaten unter französischem Schutz. Die meisten Fürsten (z.B. Bayern, Württemberg, Baden, Hessen) treten bei, aber Preußen nicht. Der König von Preußen fühlte sich durch Napoleons Machtzuwachs bedroht und schloss sich im Sommer 1806 einer Koalition gegen Frankreich an - mit England, Russland, Sachsen und Schweden.
Der römisch-deutsche Kaiser Franz II. erkannte nun: Das Reich existiert faktisch nicht mehr. Am 6. August 1806 legte er die Reichskrone nieder. Damit endete das Heilige Römische Reich (Deutscher Nation) nach fast 1.000 Jahren.
Im Oktober 1806 erklärt Preußen Frankreich den Krieg. Doch Preußens Verbündete waren noch nicht bereit. Nur 5 Tage später, in den Schlachten bei Jena und Auerstedt, wurden beide preußischen Armeen am gleichen Tag vernichtend geschlagen. Napoleon besetzte daraufhin Nord- und Westdeutschland.
Napoleon gründete im Sommer 1807 das Königreich Westphalen, regiert von seinem jüngsten Bruder Jérôme Bonaparte. Kassel wird Hauptstadt. Das Königreich Westphalen war ein Satellitenstaat Frankreichs, gedacht als Musterstaat mit modernen, napoleonischen Reformen: Einführung des Code civil (bürgerliches Gesetzbuch), Aufhebung der Leibeigenschaft, Gleichheit vor dem Gesetz. Durch die Gewerbefreiheit wurden die alten Zünfte aufgehoben (1810), z.B. das Lippstädter Metzgeramt.
Nachdem es die mittelalterlichen Landwehren schon über 150 Jahre nicht mehr gab, wurde in Preußen 1813 eine neue Form von ↗Landwehr gegründet - diesmal mit einem rein militärischen Zweck.
Als Napoleons Armee 1812 in Russland vernichtet wurde, witterte Preußen die Chance, sich von der französischen Herrschaft zu befreien.
Dazu wurde 1813 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, für alle Männer bis 40 Jahre.
Und die militärische Landwehr wurde gegründet - als bürgerliche Miliz, um neben der regulären Armee zu kämpfen.
Preußen und Russland verbündeten sich gegen Frankreich. Der preußische König rief im März 1813 sein Volk erstmals persönlich zum Krieg auf:
↗„An mein Volk“.
Im Sommer trat auch Österreich dem Bündnis bei. Im Herbst standen zusammen etwa 600.000 Soldaten gegen Napoleons Armee bereit,
unterstützt von der Landwehr.
In der Völkerschlacht bei Leipzig siegte die Koalition im Oktober 1813 über Napoleon.
Anfang 1814 marschierten die Koalitionstruppen dann in Frankreich ein und nahmen im April Paris ein.
Die Landwehr markierte nicht nur den Übergang vom Söldnerheer zum Volksheer, sie wurde zum Symbol des patriotischen Volkswillens zur Selbstverteidigung und Teil der neuen nationalen Identität. Nach dem Sieg waren viele Männer (einfache Leute und das Bürgertum) stolz darauf, ein Landwehrmann gewesen zu sein. Deshalb wurde die Landwehr nicht aufgelöst, sondern gesetzlich verankert.
In der Heeresverfassung von 1814 wurde festgelegt: „Jeder Preuße ist geborener Verteidiger des Vaterlandes.“ Damit wurde die allgemeine Wehrpflicht dauerhaft eingeführt. Ab 1817 wurde die Musterung der Wehrpflichtigen und die Organisation der Landwehr von den neu gegründeten Landkreisen durchgeführt, z.B. dem Kreis Lippstadt (1817-1974).
Allerdings hatte die Landwehr in dieser Form nicht lange Bestand, denn sie war bürgerlich-liberal und bürgerlich-patriotisch (national) - und war somit ein Risiko für das preußische Königreich. Und die Militärführung bevorzugte wieder ein professionelles Heer. Deshalb wurde die Landwehr schon ab den 1820ern immer stärker dem regulären Heer untergeordnet. Sie bestand formal weiter, war aber nur noch eine Reserve für den Fall der Mobilmachung.
Nach den ersten beiden siegreichen Einigungskriegen (1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich)
wurde 1868 gesetzlich bestätigt: „Die Wehrpflicht zum Landsturm dauert vom 18ten bis zum 40sten Lebensjahre.
Die Heeresstärke ist für die nächsten 10 Jahre auf 800.000 Mann stehendes Heer und 200.000 Mann Landwehr festgesetzt.“
Kreis Lippstadt: 1868 traten die Landwehr-Bataillone der Kreise Lippstadt und Büren zum Landwehr-Bataillon Soest über.
3.) Landwehr-Vereine ab 1820
Nach 1815 wollten viele ehemalige Landwehrmänner den Gemeinschaftsgeist und Patriotismus bewahren.
So gründeten sich in Preußen, Schlesien, Brandenburg und Westfalen die ersten Landwehrvereine,
die zu den ersten deutschen privaten Vereinen gehörten.
Ziele waren: Erinnerung an die Gefallenen, Erstellung von Denkmälern, Pflege der Kameradschaft, Erhaltung des patriotischen Geists von 1813,
Organisation von Feiern und Festtagen, z.B. dem Jahrestag zur siegreichen Völkerschlacht bei Leipzig.
Die frühen Vereine bezeichneten sich als unpolitisch, denn es bestand ein Verbot „jeder Beratung politischer Angelegenheiten in Vereinen“ - aber die Vereine waren national gesinnt. Mit dem Wunsch nach einem vereinten deutschen Vaterland richteten sie sich gegen die Kleinstaaterei (5 deutsche Königreiche und 30 weitere deutsche Staaten mit ihren Monarchen). Somit stellten die Vereine indirekt die damalige politische Ordnung in Frage.
Und nachdem die Landwehr ihre Eigenständigkeit verlor (Unterstellung der Militärführung), empfanden viele Bürger das als Verrat an den Idealen von 1813. Die Landwehrvereine erinnerten an die Zeit, als „das Volk selbst“ die Freiheit erkämpfte. Manche forderten politische Mitbestimmung. An Demokratie war damals noch nicht zu denken, aber in den Vereinen lernten die Bürger erstmals Selbstorganisation und Mitbestimmung kennen. Oder wie Historiker sagen: „Das Vereinswesen war die Schule der Demokratie im 19. Jahrhundert.“
In den 1860er Jahren, unter Bismarck, entstanden neue vaterländische Vereinigungen, die stärker monarchisch und militärfreundlich waren.
Kriegervereine ab 1866
Nach den siegreichen Einigungskriegen (1864 gegen Dänemark, 1866 gegen Österreich, 1871 gegen Frankreich) kehrten hunderttausende Soldaten heim, die im Namen der deutschen Einheit und unter preußischer Führung gekämpft hatten. Die Veteranen wollten ihre Kameradschaft aufrechterhalten, gefallene Kameraden ehren, und den patriotischen Geist bewahren, den sie im Krieg erlebt hatten.
So entstanden ab ca. 1866 überall im Reich tausende lokale Kriegervereine in Städten und Dörfern. Das Wort Krieger war damals noch üblich, parallel zum neueren Begriff Soldat, jedoch waren Soldaten ursprünglich bezahlte Söldner, die als ehrlos galten, während Krieger die Helden des Vaterlands waren.
Im Gegensatz zu den älteren Landwehrvereinen waren Kriegervereine stärker auf das Kaiserreich und die Monarchie ausgerichtet. Sie waren konservativ-national und nicht oppositionell. Die vielen Kriegervereine schlossen sich zu regionalen Verbänden zusammen - und die Verbände zum Deutschen Kriegerbund, ab 1900 zum ↗Kyffhäuser-Bund. In der Blütezeit bis 1914 hatte fast jeder Ort im Kaiserreich einen Kriegerverein.
Im Ersten Weltkrieg unterstützten die Vereine die Frontsoldaten durch Pakete und Spenden. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs 1918 verloren die Kriegervereine ihren monarchischen Bezugspunkt und fielen in eine tiefe Identitätskrise. Viele Mitglieder fühlten sich durch den Versailler Vertrag entehrt.
In der Weimarer Republik wurde der Kyffhäuserbund zur größten Massenorganisation Deutschlands. Die politische Haltung war konservativ-national bis nationalistisch geprägt. Viele Mitglieder standen der Republik skeptisch bis feindlich gegenüber. Es gab Positionen gegen den Versailler Vertrag, für eine Wiederbewaffnung Deutschlands, für nationale Ehre. Trotzdem blieben die Kriegervereine meist unbewaffnet und auf Kameradschaft konzentriert.
Nach der Machtübernahme Hitlers wurden die Kriegervereine gleichgeschaltet: Der Kyffhäuserbund wurde 1934 in den Nationalsozialistischen Reichskriegerbund überführt. Eigenständige Vereine mussten sich auflösen. Der frühere Kameradschaftsgeist wurde ersetzt durch nationalsozialistische Propaganda und militärische „Erziehung zum deutschen Soldatengeist“.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Alliierten die Kontrolle übernahmen, wurden alle Organisationen verboten, die einen militaristischen Geist haben. Dadurch wurden sogar viele Schützenvereine verboten. 1949 wurden Schützenvereine in der BRD wieder zugelassen, wenn sie ausdrücklich sportlich oder kulturell orientiert waren. Aber in der DDR blieben Schützenvereine verboten.
In der 1955 gegründeten Bundeswehr (mit Wehrpflicht von 1956 bis 2011) gibt es heute zwei Strukturen, die noch entfernt an die Landwehr-Idee von 1813 erinnern. Zum einen die Reserve (Reservisten) als Verstärkung der Streitkräfte im Verteidigungsfall, zum anderen das neue Territorialkommando seit 2022 für Heimatschutz und Katastrophenschutz. Beide Strukturen sind auch ein Bindeglied zwischen Bundeswehr und Zivilbevölkerung.