Zurück  •  Startseite Historisches Lippstadt  •  Impressum & Datenschutz

 ↓ Die Landwehr
 ↓ Landwehr im Mittelalter
 ↓ Militärische Landwehr ab 1813
 ↓ Landwehr-Vereine ab 1820


1.) Die Landwehr im Mittelalter

In Westfalen wurden Landwehren insbe­son­dere vom 14. bis zum 16. Jahr­hun­dert rund um die Städte er­rich­tet. Eine Land­wehr war meistens ein Wall mit Graben, der die Stadt im großen Ab­stand umgab. Dort patrouil­lier­ten Land­wehr­knechte und Zoll­knechte im Auf­trag des Landes­herrn, um sein Terri­torium zu schüt­zen und um Zoll-Umgehung (Schleich­handel) zu ver­hindern.

Foto Wall im Wald
Foto: Noch heute lassen sich Reste ehemaliger Wälle und Gräben erkennen, Ort: Kleve (NRW). © Albert Bömer, Rees-Mehr; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported.

Nur an Durchgängen konnte man legal passie­ren und musste dafür Wege­geld, Brücken­zoll und Waren­zoll be­zahlen. Damit die Wälle nicht wider­recht­lich über­wunden wurden (Schleich­wege), waren auf den Wällen dichte Hecken ge­pflanzt. Zumin­dest mit einer be­ladenen Hand­karre oder Pferde­karre sollte man dort keine Chance haben.


Zeichnung Hecke

Die undurchdringbare Hecke wurde als ↗Hag oder ↗Gebück be­zeich­net. „Hag“ (vgl. (ein)hegen, -Hagen) be­deu­tet Um­zäunung und findet sich noch heute in den Namen der dafür ver­wen­de­ten Pflan­zen, z.B. Hage­butte und Hage­dorn (Weiß­dorn). „Gebück“ kommt von biegen und meint das Ver­pflech­ten von Zwei­gen zu einer dich­ten Hecke, häufig als Hain­buchen-Hecke.


Entstehung der Landwehr

Ein Landesherr hat ursprüng­lich sich selbst und seinen Besitz ge­schützt, indem er eine Burg an einem strate­gi­schen Punkt er­rich­ten ließ. Das Wort Burg ist ver­wandt mit: bergen, ge­bor­gen. Im Falle eines An­griffs mussten sich die Unter­tanen recht­zeitig hinter die Burg­mauern flüch­ten.

Als Siedlungen zu Städten heran­wuchsen, reichte eine Burg nicht mehr aus. Deshalb wurden die Städte selbst mit Zäunen, Gräben, Wällen oder Mauern um­geben, vgl. Stadt­befesti­gung Lipp­stadts.
Der Landesherr konnte ggf. einen neuen Hof/Herren­sitz inner­halb der Stadt bauen - und war so durch die Stadt­befesti­gung ge­schützt. Im Prinzip wurde die ganze Stadt zu seiner Burg. Für die Vertei­di­gung sorgte die Stadt­bevölke­rung aus eige­nem Inte­resse bzw. war dazu ver­pflich­tet (frühe Wehr­pflicht).

Doch die Bauern rund um die Stadt blie­ben außen vor. Sie waren wichti­ge Liefe­ran­ten für die Stadt. Zum einen waren sie z.B. Dieben und Raub­rittern schutz­los aus­ge­liefert, zum anderen konn­ten die Bauern und reisen­den Händler die Zölle und Abgaben um­gehen, wenn sie nicht kontrol­liert wurden. Denn zeit­gleich war es die Blüte­zeit der Hanse. Somit war es für den Landes­herrn lohnens­wert, sein gesam­tes Terri­torium mit einem Wall (Erd­werk) zu um­geben und mittels Wächtern und Zoll­knechten zu über­wachen und zu be­wirt­schaf­ten.

Laut der Forschung waren einfache Land­wehren nicht zur Ver­tei­di­gung ge­eignet. Daraus kann man schlie­ßen, dass die Anlagen meist der Grenz­markie­rung und Zoll­erhebung dien­ten. Doch die Patrouillen­ritte konn­ten auch als Früh­warn­system vor An­griffen auf die Stadt dienen.


Lipperode

In Lipperode gibt es die Land­wehr­straße (↗Karte). Ich hatte gedacht, das wäre auch ein Hinweis auf die Lipp­städ­ter Land­wehr, denn im Spät­mittel­alter waren Lipperode und Lippstadt beide lippisch. Aber Lipperode hatte eine eigene Land­wehr. Denn Lipp­stadt war zur Hälfte an die Graf­schaft Mark ver­pfändet (später Preußen). Ich ver­mute, dass des­halb die Territo­rien durch eige­ne Land­wehren sepa­riert waren.

Lippstadt

Über die mittelalter­liche Land­wehr von Lipp­stadt ist mir bis­her leider wenig Konkre­tes be­kannt. Ich hatte ge­hofft, in dem großen Buch „Die Festung Lipp­stadt“ (Hage­mann, 1985) auch etwas über Land­wehr-Wälle lesen zu können, doch in dem Buch wurden nur die unmit­tel­ba­ren Festungs­werke Lipp­stadts be­han­delt. Und somit habe ich ledig­lich ein paar andere Hin­weise, dass es hier eine Land­wehr gab:

• ↗Bodendenkmal: Wallanlagen östlich von Cappel als Rest­stück der Lipp­städter Landwehr

• In einer Urkunde von 1560: „Vorstehe­rin und Konvent des Schwestern­hauses in Lipp­stadt an Graf Bern­hard [VIII.] zur Lippe: die Schwes­tern be­sitzen inner­halb der Land­wehr von Lipp­stadt auch zu beiden Seiten des Hauses Lipperode im Godes-garten den Lösens-Zehnten, der bis­lang auch von den zum Haus Lipperode ge­höri­gen Lände­reien unan­ge­foch­ten teils durch Ver­gleich er­hoben wurde.“

• In einem Rechtsstreit von 1575 hieß es, der Erwitter Gaugraf habe Lipp­stadts Land­wehr über­fallen, dabei zwei Lipp­städter Bürger ver­haftet und diese zu­nächst nach Erwitte, dann nach Arns­berg ge­bracht.

• Bei F. Kersting ist zu lesen: „Der Kranenkasper, welcher auch einen Ein­gang in die Land­wehr bil­dete, wo Abgaben z.B. für Salz er­hoben wurden, ist ...“ zu Anfang des 19. Jahr­hun­derts er­baut worden.

Jene Zeit markiert zugleich das Ende der Zoll­stationen, denn bis ca. 1810 wurden alle alten Stadt­zölle in West­falen durch die franzö­sische Ver­wal­tung abge­schafft.

Und die Landwehr war vielleicht schon nach dem Dreißig­jähri­gen Krieg (1618-1648) auf­gege­ben worden (siehe Belagerung Lipp­stadts).
Über Lippstadts Schwester­stadt Lemgo (beide von Bern­hard II. als Plan­stadt ge­grün­det) wurde ↗ge­schrieben: „Spätes­tens nach dem Ende des 30-jährigen Kriegs 1648 konnte die Stadt die Bau­werke nicht mehr aus­reichend finan­zie­ren und unter­halten. ... Viele Landwehr­grundstücke wurden an Bauern ver­kauft und damit die Wälle und Gräben der Ein­ebnung preis­gegeben.“

Nur in Wäldern, die nicht für Acker­bau ge­nutzt werden konn­ten, kann man heut­zutage noch Reste von mittel­alter­lichen Erd­werken finden.


Rund um Lippstadt

In Westernkotten gibt es die Straße „Zur Land­wehr“ und einen ausge­wiese­nen ↗Wander­weg: „Histori­scher Landwehr-Rund­gang, ca. 3 km: 1506 wurde eine Land­wehr um Western­kotten er­rich­tet. Ein Teil davon ist heute noch er­hal­ten. Wandeln Sie bei diesem Themen-Rund­gang auf den Spuren der histo­ri­schen Wall­anlage.“

In Geseke gibt es sogar mehrere Land­wehr-Straßen­namen: „Kleine Western Land­wehr“, „Große Western Land­wehr“, „An der alten Land­wehr“, „Neue Land­wehr“ sowie die „Land­wehr­straße“ in Langen­eicke.

Die Altertumskommission für Westfalen ist aktuell dabei, Daten über ↗Landwehren (Karte) zusammen­zutragen. In der Um­gebung von Lipp­stadt gibt es bisher nur Ver­öffent­li­chun­gen über die ↗Land­wehr von Geseke und aus­führ­li­cher über die ↗Land­wehr von Beckum.


2.) Militärische Landwehr ab 1813
und Wehrpflicht

Wie wurde Westfalen preußisch?

Um 1800 war das Heilige Römische Reich (Deut­scher Nation) ein Flicken­teppich aus rund 300 Herr­schaf­ten, z.B. die kleine Graf­schaft Lippe. Nachdem Napoleon Bona­parte 1801 über Öster­reich ges­iegt hatte, war er die domi­nante Macht in Europa. Um Ein­fluss in deut­schen Ländern zu ge­winnen, drängte er darauf, das Römische Reich auf­zu­räumen.

Bei der Neuordnung sollten kleinere Herr­schaf­ten ihren größe­ren Nach­barn zuge­schlagen werden. Das gefiel den großen Fürsten (z.B. Bayern, Baden, Württem­berg, Preußen) sehr gut, die des­halb den römisch-deut­schen Kaiser Franz II. dazu dräng­ten, die so­ge­nannte ↗Mediati­sierung zu be­schließen.

Die geistlichen und die kleinen Herr­scher waren natür­lich da­gegen, ebenso der römisch-deut­sche Kaiser. Doch wenn der Kaiser sich ge­weigert hätte, war zu be­fürch­ten, dass Napoleon die Neu­ordnung einfach ohne ihn durch­gesetzt hätte. Durch die Zu­stim­mung hoffte der Kaiser, das Reich er­hal­ten zu können. Der Be­schluss nennt sich ↗Reichs­deputations­haupt­schluss (1803) und wurde unge­wollt zum letz­ten großen Gesetz des Heili­gen Römi­schen Reichs.

Durch die Mediatisierung 1803/1806 wurden 100 kleine Herr­schaf­ten (Reichs­städte, Klöster, Bistü­mer) auf­ge­löst. Z.B. bekam Preußen die Hoch­stifte Münster und Pader­born und die Reichs­stadt Dort­mund. Preußens Gebiet wuchs um ca. 25% (nach Verlust Polens).
In Westfalen blieben die Fürsten­tümer Lippe und Waldeck (heute in Hessen) souverän, denn sie waren keine Kirchen­staaten, waren unbe­deutend und ver­hiel­ten sich poli­tisch neutral. Die Stadt Lippstadt - als weiterer Sonder­fall - war bereits seit 1376 ver­pfändet und stand seit 1614 unter ge­mein­samer Herr­schaft von Lippe und Preußen.

Eigentlich könnte man denken, dass nach der Neu­ordnung des Flicken­teppichs mehr Ruhe ins Reich ge­kommen wäre. Statt­dessen ver­größerte sich das Chaos. Denn die nun noch mächti­ge­ren Groß­fürsten handel­ten selbst­ständig, schlossen eigene Bünd­nisse und ignorier­ten zu­nehmend den Kaiser und Reichs­tag.

Napoleon gründete im Juli 1806 den Rhein­bund, ein Bündnis deut­scher Staaten unter franzö­si­schem Schutz. Die meisten Fürsten (z.B. Bayern, Württem­berg, Baden, Hessen) treten bei, aber Preußen nicht. Der König von Preußen fühlte sich durch Napole­ons Macht­zuwachs be­droht und schloss sich im Sommer 1806 einer Koali­tion gegen Frank­reich an - mit Eng­land, Russ­land, Sachsen und Schweden.

Der römisch-deutsche Kaiser Franz II. er­kannte nun: Das Reich exis­tiert fak­tisch nicht mehr. Am 6. August 1806 legte er die Reichs­krone nieder. Damit endete das Heilige Römi­sche Reich (Deut­scher Nation) nach fast 1.000 Jah­ren.

Im Oktober 1806 erklärt Preußen Frankreich den Krieg. Doch Preußens Ver­bündete waren noch nicht bereit. Nur 5 Tage später, in den Schlach­ten bei Jena und Auer­stedt, wurden beide preußi­schen Armeen am glei­chen Tag ver­nich­tend ge­schla­gen. Napoleon be­setzte darauf­hin Nord- und West­deutsch­land.

Napoleon gründete im Sommer 1807 das König­reich West­phalen, regiert von sei­nem jüngs­ten Bruder Jérôme Bona­parte. Kassel wird Haupt­stadt. Das König­reich West­phalen war ein Satelli­ten­staat Frank­reichs, ge­dacht als Muster­staat mit moder­nen, napoleo­ni­schen Re­formen: Einfüh­rung des Code civil (bürger­liches Gesetz­buch), Aufhe­bung der Leib­eigen­schaft, Gleich­heit vor dem Gesetz. Durch die Gewerbe­freiheit wurden die alten Zünfte auf­ge­hoben (1810), z.B. das Lippstädter Metzgeramt.

Nachdem es die mittelalter­lichen Land­wehren schon über 150 Jahre nicht mehr gab, wurde in Preußen 1813 eine neue Form von ↗Land­wehr ge­gründet - dies­mal mit einem rein militä­ri­schen Zweck.

Als Napoleons Armee 1812 in Russland ver­nich­tet wurde, witter­te Preußen die Chance, sich von der franzö­si­schen Herr­schaft zu be­freien.
Dazu wurde 1813 die allge­meine Wehr­pflicht einge­führt, für alle Männer bis 40 Jah­re. Und die mili­tä­rische Land­wehr wurde ge­grün­det - als bürger­liche Miliz, um neben der regulä­ren Armee zu kämpfen.

Zeichnung

Preußen und Russland verbünde­ten sich gegen Frank­reich. Der preußi­sche König rief im März 1813 sein Volk erst­mals persön­lich zum Krieg auf: ↗„An mein Volk“.
Im Sommer trat auch Öster­reich dem Bünd­nis bei. Im Herbst stan­den zu­sam­men etwa 600.000 Solda­ten gegen Napole­ons Armee be­reit, unter­stützt von der Land­wehr. In der Völker­schlacht bei Leipzig siegte die Koali­tion im Okto­ber 1813 über Napole­on. Anfang 1814 mar­schier­ten die Koali­tions­truppen dann in Frank­reich ein und nahmen im April Paris ein.

Die Landwehr markierte nicht nur den Über­gang vom Söldner­heer zum Volks­heer, sie wurde zum Symbol des patrio­ti­schen Volks­willens zur Selbst­verteidi­gung und Teil der neuen nationa­len Identi­tät. Nach dem Sieg waren viele Männer (ein­fache Leute und das Bürger­tum) stolz darauf, ein Land­wehr­mann ge­wesen zu sein. Deshalb wurde die Land­wehr nicht aufge­löst, sondern gesetz­lich ver­ankert.

In der Heeresverfassung von 1814 wurde fest­gelegt: „Jeder Preuße ist gebore­ner Vertei­di­ger des Vater­landes.“ Damit wurde die allge­meine Wehr­pflicht dauer­haft einge­führt. Ab 1817 wurde die Muste­rung der Wehr­pflich­ti­gen und die Organi­sa­tion der Land­wehr von den neu gegrün­de­ten Land­kreisen durch­ge­führt, z.B. dem Kreis Lippstadt (1817-1974).

Allerdings hatte die Landwehr in dieser Form nicht lange Be­stand, denn sie war bürger­lich-liberal und bürger­lich-patrio­tisch (natio­nal) - und war somit ein Risiko für das preußi­sche König­reich. Und die Militär­führung be­vor­zugte wieder ein profes­sionel­les Heer. Deshalb wurde die Land­wehr schon ab den 1820ern immer stär­ker dem regulä­ren Heer unter­ge­ord­net. Sie be­stand formal wei­ter, war aber nur noch eine Reserve für den Fall der Mobil­machung.

Nach den ersten beiden sieg­reichen Eini­gungs­kriegen (1864 gegen Däne­mark, 1866 gegen Öster­reich) wurde 1868 gesetz­lich bestä­tigt: „Die Wehr­pflicht zum Land­sturm dauert vom 18ten bis zum 40sten Lebens­jahre. Die Heeres­stärke ist für die nächs­ten 10 Jah­re auf 800.000 Mann stehen­des Heer und 200.000 Mann Land­wehr fest­ge­setzt.“
Kreis Lippstadt: 1868 tra­ten die Land­wehr-Batail­lone der Kreise Lipp­stadt und Büren zum Land­wehr-Batail­lon Soest über.


3.) Landwehr-Vereine ab 1820

Nach 1815 wollten viele ehemalige Landwehr­männer den Gemein­schafts­geist und Patrio­tis­mus be­wah­ren. So gründe­ten sich in Preußen, Schle­sien, Branden­burg und West­falen die ersten Land­wehr­vereine, die zu den ersten deut­schen priva­ten Vereinen ge­hörten.
Ziele waren: Erinnerung an die Gefalle­nen, Erstel­lung von Denk­mälern, Pflege der Kamerad­schaft, Erhal­tung des patrio­ti­schen Geists von 1813, Organisa­tion von Feiern und Fest­tagen, z.B. dem Jahres­tag zur sieg­reichen Völker­schlacht bei Leipzig.

Die frühen Vereine bezeichne­ten sich als unpoli­tisch, denn es be­stand ein Verbot „jeder Bera­tung poli­ti­scher Ange­legen­hei­ten in Verei­nen“ - aber die Vereine waren natio­nal ge­sinnt. Mit dem Wunsch nach einem verein­ten deut­schen Vater­land richte­ten sie sich gegen die Klein­staate­rei (5 deut­sche König­reiche und 30 weite­re deut­sche Staaten mit ihren Monar­chen). Somit stell­ten die Vereine indirekt die dama­lige poli­ti­sche Ord­nung in Frage.

Und nachdem die Landwehr ihre Eigen­ständig­keit verlor (Unter­stellung der Militär­führung), empfan­den viele Bürger das als Verrat an den Idealen von 1813. Die Landwehr­vereine erinner­ten an die Zeit, als „das Volk selbst“ die Frei­heit er­kämpfte. Manche forder­ten poli­ti­sche Mit­bestim­mung. An Demo­kra­tie war damals noch nicht zu denken, aber in den Verei­nen lern­ten die Bürger erst­mals Selbst­organi­sa­tion und Mit­bestim­mung ken­nen. Oder wie Histori­ker sagen: „Das Vereins­wesen war die Schule der Demo­kra­tie im 19. Jahr­hun­dert.“

In den 1860er Jahren, unter Bismarck, ent­stan­den neue vater­ländi­sche Vereini­gun­gen, die stärker monar­chisch und militär­freund­lich waren.


Kriegervereine ab 1866

Nach den siegreichen Einigungs­kriegen (1864 gegen Däne­mark, 1866 gegen Öster­reich, 1871 gegen Frank­reich) kehrten hundert­tausende Soldaten heim, die im Namen der deut­schen Ein­heit und unter preußi­scher Füh­rung ge­kämpft hat­ten. Die Vetera­nen woll­ten ihre Kamerad­schaft auf­recht­erhal­ten, gefal­lene Kameraden ehren, und den patrio­ti­schen Geist be­wahren, den sie im Krieg er­lebt hatten.

Foto
Krieger- & Landwehrverein Lippstadt 1868

So entstanden ab ca. 1866 überall im Reich tausen­de lokale Krieger­vereine in Städ­ten und Dörfern. Das Wort Krieger war damals noch üblich, parallel zum neue­ren Begriff Soldat, jedoch waren Solda­ten ur­sprüng­lich be­zahlte Söldner, die als ehr­los gal­ten, während Krieger die Helden des Vater­lands waren.

Im Gegen­satz zu den älte­ren Land­wehr­vereinen waren Krieger­vereine stärker auf das Kaiser­reich und die Monar­chie aus­ge­rich­tet. Sie waren konser­vativ-national und nicht opposi­tio­nell. Die vielen Krieger­vereine schlos­sen sich zu regiona­len Ver­bänden zusam­men - und die Ver­bände zum Deut­schen Krieger­bund, ab 1900 zum ↗Kyff­häuser-Bund. In der Blüte­zeit bis 1914 hatte fast jeder Ort im Kaiser­reich einen Krieger­verein.

Foto
Krieger- & Landwehrverein Lippstadt, 1902

Im Ersten Weltkrieg unterstütz­ten die Vereine die Front­solda­ten durch Pakete und Spenden. Nach dem Zu­sammen­bruch des Kaiser­reichs 1918 ver­loren die Krieger­vereine ihren monarchi­schen Bezugs­punkt und fie­len in eine tiefe Identitäts­krise. Viele Mit­glieder fühl­ten sich durch den Versailler Ver­trag ent­ehrt.

In der Weimarer Republik wurde der Kyffhäuser­bund zur größten Massen­organisa­tion Deutsch­lands. Die politi­sche Hal­tung war konser­vativ-national bis nationa­lis­tisch ge­prägt. Viele Mit­glieder standen der Republik skep­tisch bis feind­lich gegen­über. Es gab Posi­tio­nen gegen den Versailler Ver­trag, für eine Wieder­bewaff­nung Deutsch­lands, für natio­nale Ehre. Trotzdem blie­ben die Krieger­vereine meist unbe­waff­net und auf Kamerad­schaft konzen­triert.

Nach der Machtübernahme Hitlers wurden die Krieger­vereine gleich­geschal­tet: Der Kyffhäuser­bund wurde 1934 in den National­sozialis­ti­schen Reichs­krieger­bund über­führt. Eigen­ständige Vereine muss­ten sich auf­lösen. Der frühere Kamerad­schafts­geist wurde er­setzt durch national­sozialis­ti­sche Propa­ganda und mili­tä­ri­sche „Er­zie­hung zum deut­schen Soldaten­geist“.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Alliier­ten die Kontrolle über­nahmen, wurden alle Organi­satio­nen ver­bo­ten, die einen militaris­ti­schen Geist haben. Dadurch wurden sogar viele Schützen­vereine ver­bo­ten. 1949 wurden Schützenvereine in der BRD wieder zu­gelas­sen, wenn sie aus­drück­lich sport­lich oder kultu­rell orien­tiert waren. Aber in der DDR blie­ben Schützen­vereine ver­boten.

In der 1955 gegründeten Bundeswehr (mit Wehr­pflicht von 1956 bis 2011) gibt es heute zwei Struk­tu­ren, die noch ent­fernt an die Landwehr-Idee von 1813 er­innern. Zum einen die Reserve (Reservis­ten) als Ver­stär­kung der Streit­kräfte im Vertei­di­gungs­fall, zum anderen das neue Terri­torial­kommando seit 2022 für Heimat­schutz und Katas­trophen­schutz. Beide Struktu­ren sind auch ein Binde­glied zwi­schen Bundes­wehr und Zivil­bevöl­ke­rung.


Text: Jörg Rosenthal, 2025.
Bitte Korrekturen, Kritik, Vorschläge u.ä. per E-Mail einsenden.

Zurück  •  nach oben  •  Startseite Historisches Lippstadt  •  Zum Newsletter anmelden