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Geschichte der WMI (später Hella)

Ehemalige Lampenfabrik, Hospitalstraße, 1895/99
Villa, Blumenstraße, 1899
Gründer Sally Windmüller (sitzend)
Erstes Auto in Lippstadt, 1900


 

Vom Heu-Handel zur Erfindung des Schein­werfers.
Erfolg und Fall des Sally Windmüller (1858-1930)

Ältere Lippstädter kennen die Firma Hella noch unter der Abkür­zung WMI (West­fälische Metall-Industrie), die 1899 in Lipp­stadt als Firma einge­tragen wurde. Doch schauen wir mal 50 Jahre weiter zurück ...

1852 betrieb ein junges Ehepaar Windmüller in der Blumen­straße eine Vieh­futter-Handlung. Herr Wind­müller stammte aus aus Beckum, seine Frau aus Werther bei Güters­loh. Die jüdischen Wind­müllers sind eine der ältesten bürger­lichen Familien West­falens, deren Name seit dem 13. Jahr­hundert über­liefert ist.
Das frisch verhei­ratete Paar in Lipp­stadt baute sich hier mit dem Futter­mittel­handel eine gemein­same Exis­tenz auf. Sie sind die Eltern des Sohns Sally, über den dieser Text erzählt.

Ein Vieh­futter-Handel war damals vermut­lich nichts beson­deres. Die Statis­tik für den Kreis Lipp­stadt von 1835 zeigt, dass es im Kreis doppelt soviel Vieh wie Ein­wohner gab, insbe­son­dere Schafe, Schweine und Kühe. Zudem gab es ca. 4.000 Pferde im Kreis, d.h. durch­schnitt­lich ein Pferd je 7 Ein­wohner. Mit Futter­mittel wird haupt­sächlich Heu ge­meint ge­wesen sein. Und ob­wohl Wind­müllers noch zusätz­lich Kohlen ver­kauften, lag ihr Ein­kommen unter dem Durch­schnitt der Kauf­leute.

Windmüllers bekamen 8 Kinder, die alle in Lipp­stadt ge­boren wurden, da­runter die erstgeborene Tochter Tina (*1853) und Sally als ältester Sohn (*1858).
Sally taucht jedoch nicht in der Schüler­liste der Ostendorf-Real­schule auf - vielleicht konnte sich die Familie das Schul­geld nicht leisten. Es gab aber noch eine Elementar­schule in der Synagoge.
Als Vater Windmüller 1877 in Lipp­stadt starb, hinter­ließ er seine Frau mit 7 noch un­mündigen Kindern. Sally war damals 18 Jahre alt und musste als ältester Sohn die Futter­mittel­handlung weiter­führen. Weil er aber noch nicht voll­jährig war (früher erst mit 21) liefen die Geschäfte unter dem Namen der Mutter „Hanna Wind­müller, Witwe“.

11 Jahre nach dem Tod des Vaters sind im Futter­mittel­geschäft vier Ange­stellte ver­zeichnet. Zu der Zeit heiraten nach und nach 6 Geschwister von Sally, die er aus­steuern und ab­finden muss. Er musste dazu drei Grund­stücke mit Geld beleihen, u.a. an der Hospital­straße. Unklar ist, ob sein Vater das Futter­mittel­geschäft vielleicht auch schon an der Hospital­straße be­trieben hatte.

1891 heiraten Sally Windmüller und Helene Sternberg aus gutem Hause in Lipp­stadt. Helene war hübsch und wohl­erzogen. Helenes Eltern hatten sich aus ärm­lichen Verhält­nissen hochge­arbeitet und hatten ihren beiden Töchtern den Besuch der Höheren Töchter­schule und eines vor­nehmen Pensionats er­möglicht.
Helene bekam mit ihrem Mann Sally drei Töchter, jedoch starb eine Tochter schon im ersten Jahr.

In Sallys Geschäft führte eine Beson­derheit zu einer unvorher­seh­bar positiven Ent­wicklung: Der Futter­mittel­handel be­saß mehrere Pferde­wagen, um das Heu der Bauern einzu­fahren und auch auszu­liefern. Sally be­schäftigte Schmiede und Schlosser, eigentlich um seine eigenen Wagen und Pferde­geschirre zu re­parieren. Doch mit dem Ver­kauf von Beschlägen und Kutschen­zubehör aus eigener Her­stellung konnte Sally bald besser Geld ver­dienen als mit dem Heu.

1895 bot sich eine zusätz­liche Gelegen­heit: In Neheim, wo es mehrere Laternen-Her­steller gab, war eine Fabrik Pleite ge­gangen und deren Produk­tions­maschinen standen zum Ver­kauf. Da griff Sally zu. Er ließ hier an der Hospital­straße auf dem Platz seiner bisherigen Heu-Scheune eine Fabrikhalle bauen, über­nahm die Maschinen aus Neheim, und holte auch 30 ein­gear­beitete Fach­kräfte aus Neheim nach Lipp­stadt. Die Errichtung der neuen Lampen­fabrik wird im September 1895 in der Lipp­städter Zeitung ver­öffentlicht. Sallys Firma lief weiter­hin auf den Namen seiner Mutter, aber alle Unter­lagen tragen Sallys Unter­schrift.

Hergestellt werden Kerzen- und Öl-Laternen für Kutschen und Fahr­räder. Zwar war neun Jahre zuvor das Auto erfunden worden, aber weil Autos anfangs uner­schwing­lich teuer waren, gab es in Lipp­stadt bis 1900 noch keine Autos. So blieb es hier erst mal bei der Pro­duktion von Laternen für Kutschen.

Jedes Jahr wuchs die Anzahl der Be­schäf­tigten in Wind­müllers Lampen­bude um durch­schnittlich 20 Mit­arbeiter an. 1899 be­schäftigt die Fabrik schon 122 Arbeiter. Um weiteres Wachstum finan­zieren zu können, holte Wind­müller Investoren in seine Firma und wandelte die Firma dazu in eine Aktien­gesell­schaft um - eine damals noch recht neue Unter­nehmens­form. So ent­stand 1899 die West­fälische Metall-Industrie Aktien­gesellschaft (WMI AG) mit Sitz an der Hospital­straße. Neben aus­wärtigen Inves­toren ge­hörten auch Lipp­städter zu den Anlegern: Brennerei­besitzer Kisker, Woll­fabrikant Abel, und Privat­bank-Inhaber Rosenbaum.

Das Ehepaar Sally und Helene Wind­müller ließ sich nun ein eigenes, vor­nehmes Haus bauen, neben Sallys Eltern­haus an der Blumen­straße Ecke Cappel­straße. Und um 1900 wurde Wind­müller zum ersten Auto­besitzer Lipp­stadts. Er nutzte das Auto auch als Vorführ­wagen für seine Lampen. Er fuhr damit sogar zur Welt­ausstellung in Paris, wo gerade der Eiffel­turm fertig­gestellt worden war.

Ebenfalls um 1900 warb Windmüller 40 Musik­instrumenten­bauer an, von einer Fach­schule in Thüringen, um Ball­hupen mit ver­schiedenen Klängen zu ent­werfen. Sie wurden an­fangs im Gast­hof Hesse ein­quar­tiert. Einer von ihnen hieß Hans Zuber. Sein Enkel wird ein Ge­schäft für Musik­instru­mente an der Brüder­straße haben.

1904 führte Renault hydrau­lische Stoß­dämpfer ein und OSRAM ent­wickelte 1905 einen Glüh­faden aus Wolfram, der den Er­schüt­terungen am Auto stand­hielt. Diese Ent­wick­lungen führten dazu, dass Wachs- und Öl-Laternen durch elek­trische Batterie-Lampen abge­löst werden konnten. 1908 brachte die WMI eben­falls elek­trische Lampen heraus, aber zum Verkaufs­schlager wurde statt­dessen eine be­währte Acetylen-Gas-Lampe, die eine Neu­heit ent­hielt ...

Das Besondere war die doppelte Leucht­weite. Dies wurde wegen der zu­nehmenden Fahrzeug­geschwindig­keit er­forder­lich. Auch bis­herige Laternen ent­hielten schon einen Reflektor, aber neu war die Kombi­nation mit einer optischen Glas­linse, die den Schein zusätz­lich bündelte und fokusierte. Somit war 1908 in Lipp­stadt der Auto­schein"werfer" er­funden worden.
Der Produkt­name für die derart ver­besserte Gas-Laterne der WMI lautete „System Hella“. Die wahrschein­lichste Er­klärung für den Namen ist der Vor­name von Sallys Frau Helene, Kurz­form Hella, mit gleich­zeitiger Assozi­ation mit dem Wort „heller“.

Durch den Verkaufserfolg des Schein­werfers „Hella“ wurde bald eine größere Pro­duktion nötig, und so baute die WMI 1911 eine neue Fabrik an der Lüning­straße, zwischen Rixbecker und Esbecker Straße. Noch im gleichen Jahr ließen sich die Wind­müllers eine neue Villa an der Esbecker Straße bauen. Sally war zu dem Zeit­punkt bereits 53 Jahre alt.

Ab 1914 konnte die WMI eine komplett elek­trische Auto­beleuchtung an­bieten: mit einem Dynamo, einem Akku und einer Schalt­tafel, um die Schein­werfer, Rück­lichter, Seiten­lampen, Nummern­schild­beleuch­tung und eine Decken­lampe ein­schalten zu können. Außerdem wurde sogar schon Abbiege­licht ange­boten. Aber wegen des hohen Preises der elek­trischen Anlage wurden bis nach dem Ersten Welt­krieg weiter­hin haupt­sächlich Gas-Schein­werfer ver­kauft.

Im Ersten Weltkrieg wurde die Produktion der WMI über­raschend schnell auf Hand­waffen und Munition umge­stellt. Der Umsatz der Firma hat sich dadurch sogar ver­vierfacht und der Gewinn ver­doppelt. 1916 erhielt Wind­müller das Lippische Verdienst­kreuz für die heimische Wirt­schaft und kriegs­wichtige Rüstung. Und der Aufsichts­rat der WMI über­trug Wind­müller sogar die Allein­vertretung. Dies war der geschäft­liche Höhe­punkt des Sally Wind­müller - und nun folgt sein Fall ...

1920 kamen Gerüchte auf, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuge­gangen wäre. Nach dem Krieg herrschte Material­knappheit und die WMI wollte die Lager­be­stände der Artillerie-Werkstatt (heute Standort Rothe Erde) dem Staat ab­kaufen. Dazu sollte der Verkaufs­preis über das Reichs­verwertungs­amt, Zweig­stelle Hagen, be­messen werden. Windmüller hatte es ge­schafft dort seine Leute in ein Konsortium einzu­schleusen, das die Preise fest­legte. Dadurch wurden Preise ge­drückt, Ware als minder­wertig de­klariert und falsche Mengen­angaben ge­macht.

Im Gerichtsprozess von 1921 in Pader­born wurden mit Wind­müller 9 Leute ange­klagt. Ganz Lipp­stadt war er­schüttert, die Zeitungen be­richteten aus­führlich über jeden Prozess­tag. Sally Windmüller wurde zu einem Jahr und 8 Monaten Gefängnis verur­teilt, sowie zu 111.000 Mark Geld­buße und dem Einzug von Gewinn in Höhe von 699.000 Mark. Damit war Wind­müllers Existenz zer­stört, er musste seine Häuser und seine WMI-Anteile ver­kaufen. Der Aufsichts­rat ent­band ihn von allen Positionen.

Nach der Haft floh Windmüller mit Frau und Tochter Louise in die Anonymität der Groß­stadt Berlin. Sally war bereits 64 Jahre alt. Die WMI bot ihm noch eine Stelle als Ver­treter für Ost­deutschland an, aber aus Alters­gründen und aus Verär­gerung gab er die Stelle bald wieder auf. Sally Wind­müller starb 1930 im Alter von 72 Jahren in einer Miet­wohnung in Berlin-Wilmersdorf.

Ehefrau Helene („Hella“) zog zurück nach Lipp­stadt zu ihren Geschwis­tern, und ließ Sallys Sarg auf den Lipp­städter Fried­hof über­führen. Ihre Tochter holte sie vor dem Beginn des Zweiten Welt­kriegs nach Portugal, wo Helene 1954 starb. Ihre Geschwis­ter Oskar und Paula Sternberg wurden 1942 von Lipp­stadt nach Auschwitz depor­tiert und umge­bracht. Dasselbe Schicksal er­litten Paulas Kinder Gertrud und Erich.

Nach Sally Windmüllers Aus­scheiden aus der WMI fehlte der Firma in einer wirt­schaftlich schweren Zeit eine unter­nehme­rische Führung. Die Aktien lagen weit ge­streut in vielen Händen. In dieser Situa­tion kommt die Familie Hueck aus Lüden­scheid ins Spiel, die dort seit Genera­tionen ein Messing-Walz­werk be­sitzt, Lüden­scheids größter Arbeit­geber ist, und damals selbst schon Lieferant für die WMI war. 1923 kaufte sich Familie Hueck in die Aktien­mehr­heit der WMI ein, d.h. sie wurde quasi der neue Be­sitzer der WMI.

An dieser Stelle wäre es zu umfang­reich die weiteren Jahr­zehnte an tech­nischer, perso­neller und geschäft­licher Ent­wicklung zu be­schreiben. Erst 1986 wurde der Produkt­name Hella als Firmen­bezeich­nung über­nommen. Die Firma Hella genießt einen guten Ruf als Lieferant und wurde 2011 von Porsche als bester Zu­lieferer ausge­zeich­net. Sie ge­hört zu den 100 größten deutschen Indus­trie­unter­nehmen und zu den 40 größten Auto­mobil­zulieferern welt­weit, hat über 30.000 Mit­arbeiter in 35 Ländern.

Abschließend nochmal zur Familie Hueck und zur aktuellen Situa­tion: Hella wird auch nach dem Börsen­gang von 2014 noch weiter als Familien­unter­nehmen be­zeich­net, denn die Gesell­schafter­familie Hueck stellt mit rund 72% der Hella-Aktien weiter­hin die größte Anteils­eigner­gruppe dar (Stand 2015). Die Gesell­schafter haben sich ver­pflichtet bis 2024 insge­samt mindes­tens 60% der An­teile zu halten. Das Ver­mögen der 59-köpfigen Aktionärs­familie, mitsamt theo­retischem Wert der Hella und der Lüden­scheider Firma, wurde 2014 auf 1,7 Mil­liarden Euro ge­schätzt. Das ge­schätzte theo­retische Ver­mögen war allein zwischen 2010 und 2014 konti­nuierlich von 1 Mil­liarde auf 1,7 Mil­liarden Euro ange­wachsen. Interessant, was inner­halb von 150 Jahren aus einem kleinen Futter­mittel­handel alles ent­stehen kann.
Zusammenfassung: Jörg Rosenthal.
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Quellen:
• Lippstädter Spuren 2/1988, „Die WMI AG“, Ernst Buddeberg, Heimat­bund Lipp­stadt
• Wikipedia: Hueck
• Hella-Geschäftsbericht 2015
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