Zurück  •  Startseite Historisches Lippstadt  •  Impressum & Datenschutz

Landkarte über den Kreis Soest
Kreiskarte (von TUBS, CC BY-SA 3.0, Link)

Auf der offiziellen Website des ↗Kreises Soest finden Sie die Kreis­angelegen­heiten wie z.B. Führer­schein und Kfz-Zulassung, Berufs­schulen, Abfall­wirtschaft, Umwelt­schutz, Gesund­heits­amt und weitere Aufgaben des Kreises.

Historisch: Der Kreis Soest
und der Altkreis Lippstadt

Nachdem Napoleon 1815 endgültig be­siegt worden war, erhielt Preußen auf dem Wiener Kongress große Teile West­falens zu­gesprochen. Die neu gewonne­nen Gebiete muss­ten an­schließend verwaltungs­mäßig neu ge­ord­net werden.
Als untere staatliche Verwaltungs­ebene ent­standen Kreise (Land­kreise) - und so traten im April 1817 die Land­räte der neu ge­schaffe­nen Kreise, z.B. des Kreises Soest und des Kreises Lipp­stadt, ihren Dienst an.

Beide Kreise lagen im Regierungs­bezirk Arnsberg, neben­einander, und doch waren sie von Anfang an recht ver­schieden geprägt. Der Kreis Soest von 1817-1974 um­fasste die Stadt Soest, die frucht­bare Soester Börde mit ihrer Viel­zahl kleiner Dörfer sowie das Gebiet um Werl und Wickede.
Der Kreis Lippstadt hingegen er­streckte sich mit Städten wie Rüthen auf den Aus­läufern des Sauer­lands (Haarstrang), sowie Geseke im Nord­osten.

Schon bei der Gründung des Kreises Lippstadt gab es ein geo­graphi­sches Problem: Die Stadt Lippstadt lag für eine Kreis­stadt nicht zentral genug. Das damalige Verwaltungs­prinzip schrieb vor, dass alle Ein­wohner das Land­rats­amt ohne Über­nachtung er­reichen können soll­ten - eine durch­aus prak­tische Forde­rung in einer Zeit ohne Eisenbahn und Auto­mobil.

Für das Kreisgebiet lag Lippstadt schlicht nicht zentral genug; ernst­haft erwogen wurde statt­dessen die zentraler gelegene Stadt Erwitte als Kreis­sitz. Lippstadt setzte sich letzt­lich dennoch durch - als be­deutends­te und bevölkerungs­reichste Stadt der Region. Doch das geo­grafische Problem blieb: Städte wie Rüthen im Süden des Kreises lagen so weit ent­fernt, dass sie kaum bequem in einem Tag zu er­reichen waren.

Die Soester Börde: Kleinteilig und fruchtbar

Der Kreis Soest hatte ein eigenes Problem: Der alte Kreis Soest von 1817 war durch eine extreme Klein­teilig­keit seiner Gemeinde­struktur ge­prägt - ein Erbe der jahr­hunderte alten Siedlungs­geschich­te der Soester Börde. Diese beson­ders frucht­bare Löss­ebene hatte seit dem frühen Mittel­alter eine dichte bäuer­liche Be­sied­lung in zahl­reichen kleinen Dörfern hervor­gebracht, von denen viele eine tausend­jährige Ge­schich­te haben. Vor der Gemeinde­gebiets­reform umfasste der Alt­kreis Soest nicht weniger als 104 Gemeinden und Städte - eine Zer­splitte­rung, die die Verwal­tung erheb­lich er­schwerte.

Infrastruktur und Wachstum im 19. Jahr­hun­dert

Beiden Kreisen brachte das 19. Jahr­hun­dert Auf­schwung durch neue Verkehrs­wege. 1830 wurde der Lippe-Schiff­fahrts­kanal er­öffnet, 1850 die Eisen­bahn­linie Hamm-Kassel. Diese Ver­bindun­gen förder­ten beson­ders Lipp­stadt als Gewerbe- und Handels­standort. 1883 folgte die Linie Warstein-Lipp­stadt, die das süd­lichere Sauer­land besser an­bindet. Die Bevölke­rung wuchs, erste Industrie­betriebe siedel­ten sich an.

Ein neues Jahrhundert

Durch das Kaiserreich, die Weimarer Republik und die NS-Zeit blieben die Kreis­struktu­ren im Wesent­li­chen er­halten. Nach dem Zweiten Welt­krieg wurden die Kreise Teil des neu ge­gründe­ten Landes Nordrhein-Westfalen (1946). 1953 er­hielten sie - einer bundes­weiten Um­benennung folgend - die Be­zeichnung „Land­kreis“, bevor 1969 wieder der schlichte­re Begriff „Kreis“ einge­führt wurde.

Reform des Kreises Soest schon 1969

In den 1960er Jahren wurde in allen west­deut­schen Flächen­ländern die kommunale Gebiets­reform zu einem zentra­len poli­ti­schen Thema. Die Diagnose war ein­deutig: Zu viele kleine, leistungs­schwache Gemeinden konnten den gestiege­nen An­forde­run­gen an die Daseins­vorsorge nicht mehr gerecht werden. Steigende Mobili­tät, wachsen­der Verwaltungs­aufwand und der Wunsch nach An­gleichung der Lebens­verhält­nisse dräng­ten auf eine grund­legende Neu­ordnung.

Im Kreis Soest war die Klein­teilig­keit beson­ders auf­fällig: 104 Gemein­den in sechs Ämtern - viele davon winzige Dörfer der Soester Börde. Die Kreis­verwal­tung und der Kreis­tag er­griffen die Initiative und setz­ten die Reform im Rahmen des ersten NRW-Neu­gliederungs­programms schon früh um. Am 1. Juli 1969 ent­standen durch das „Gesetz zur Neu­gliede­rung des Land­kreises Soest und von Teilen des Land­kreises Beckum“ aus den 104 Gemeinden acht neue Groß­gemeinden: Soest, Werl, Wickede (Ruhr), Lippetal, Welver, Bad Sassen­dorf, Möhne­see und Ense.

Damit hatte der Kreis Soest seine interne Gemeinde­struktur bereits moderni­siert - und befand sich sechs Jahre vor dem großen Zu­sammen­schluss von Kreisen in einer ge­festig­ten Position.

Der Altkreis Lippstadt vor der Wende

Im Kreis Lippstadt verlief die Ge­schich­te anders. Bis 1974 um­fasste er die Stadt­gemeinden Lipp­stadt und Geseke, die beiden ehemali­gen lippischen Exklaven Lipperode und Cappel sowie weitere 56 amts­angehöri­ge Gemeinden in den Ämtern Anröchte, Erwitte, Rüthen und Störmede - insge­samt 60 Gemeinden und Städte. Auch hier war eine Gemeinde­gebiets­reform nötig, aber sie vollzog sich nicht in einem eigenen ersten Schritt, sondern parallel zum großen Kreis­zusammen­schluss von 1975.

Lippstadts Kampf um den Kreissitz

Als die Pläne für einen Zusammen­schluss der Kreise Lipp­stadt und Soest konkre­ter wurden, ent­fachte sich eine ent­scheiden­de Frage: Welche der beiden bisheri­gen Kreis­städte würde den Sitz der neuen, gemein­samen Kreis­verwal­tung er­halten?

Lippstadt hatte gewichtige Argumente auf seiner Seite. Die Stadt war bevölkerungs­reicher und wirt­schaft­lich dynami­scher als Soest. Und sie setzte ein klares Signal: 1969 - also noch während der internen Soester Gemeinde­gebiets­reform - wurde in Lipp­stadt an der Lipperoder Straße ein großes, moder­nes Kreis­haus einge­weiht. Eine deut­liche Bot­schaft: Lipp­stadt be­reitete sich auf die Über­nahme des Verwaltungs­sitzes des künfti­gen Groß­kreises vor. Das neue Gebäude sollte Stärke demons­trie­ren und die Ent­scheidungs­träger in Düssel­dorf be­eindrucken.

Auch in der Diskussion um den Zuschnitt des neuen Kreises ver­suchte Lippstadt, die Waag­schale zu seinen Gunsten zu neigen: Man plädierte für die Ein­beziehung der Gemeinde Wadersloh, die geo­grafisch eher dem Münster­land zu­gewandt war, in den neuen Kreis - weil dies Lipp­stadts Gewicht ge­stärkt hätte.

Am Ende obsiegte Soest. Die Ent­scheidung folgte wohl dem Grund­satz, den geo­grafisch zentraler ge­legenen Ort zu be­vorzugen - ein Kriterium, an dem Lipp­stadt schon bei der Kreis­gründung 1817 beinahe ge­scheitert wäre. Soest liegt näher in der Mitte des neuen Kreis­gebiets; Lippstadt hingegen an dessen öst­lichem Rand. Geschich­te wieder­holte sich: Lippstadt, bedeutends­te Stadt, aber geo­grafisch exzentrisch, verlor erneut.

Das Münster/Hamm-Gesetz: 1. Januar 1975

Am 8. Mai 1974 beschloss der nordrhein-westfäli­sche Land­tag das „Gesetz zur Neu­gliede­rung der Gemeinden und Kreise des ↗Neu­gliederungs­raumes Münster/Hamm“, das zum 1. Januar 1975 in Kraft trat. Damit wurden:

- der alte Kreis Soest aufgelöst,

- der Kreis Lippstadt aufgelöst,

- das Amt Warstein aus dem Kreis Arnsberg herausgelöst,

- sowie einzelne Gemeinden aus den Kreisen Beckum, Büren und Unna einbezogen -

und zu einem neuen, deut­lich größeren Kreis Soest zusammen­gefasst. Aus insge­samt 171 Gemeinden ent­standen 14 neue Groß­gemeinden: Anröchte, Bad Sassen­dorf, Ense, Erwitte, Geseke, Lippetal, Lippstadt, Möhne­see, Rüthen, Soest, Warstein, Welver, Werl und Wickede (Ruhr).

Kreissitz wurde Soest. Am 26. Mai 1976 er­hielt der Kreis sein neues Wappen: Der Soester Petrus­schlüssel wurde mit dem kur­kölnischen Kreuz und der Lippischen Rose kombi­niert - ein Symbol der Ver­eini­gung zweier Ver­waltungs­traditionen.

Lippstadt verliert den Kreissitz

Für die Stadt Lippstadt war der 1. Januar 1975 ein Datum der Wider­sprüche. Einer­seits ein Ver­lust: Nach 158 Jahren endete die Rolle als Kreis­stadt. Das 1817 müh­sam er­rungene und 1969 mit dem neuen Kreis­haus demonstra­tiv unter­strichene Kreis­sitz-Privileg war dahin. Das frisch ge­baute Kreis­haus an der Lipperoder Straße, gerade sechs Jahre alt, wurde nicht mehr als Kreis­haus be­nötigt - heute be­herbergt es Dienst­stellen der Justiz und des Landes­amtes für Natur und Verbraucher­schutz.

Andererseits wuchs Lippstadt er­heblich. Durch die be­schlosse­nen Einge­meindungen wurden 15 bis­lang eigen­ständige Gemeinden ein­ge­gliedert: Benning­hausen, Böken­förde, Cappel, Deding­hausen, Eickel­born, Esbeck, Garfeln, Helling­hausen, Herring­hausen, Hörste, Lipperode, Lohe, Overhagen, Rebbeke und Rixbeck, sowie Teile von Liesborn (Bad Wald­liesborn) und Ermsing­hausen (Gut Schwarzen­raben).
Die Fläche der Stadt wuchs von 29,82 auf 113,3 Quadrat­kilometer, die Einwohner­zahl von rund 44.000 auf rund 67.000.

Widerstand und Proteste

Die Gebietsreform war keineswegs geräuschlos ver­laufen. NRW-weit formierte sich unter dem Namen „Aktion Bürger­wille“ eine Protest­bewegung, die als erstes Volks­begehren in NRW ver­suchte, die Reform zu kippen oder zumindest ab­zumildern - und scheiterte. Das kommunale Veto-Recht der Gemeinden hatte der Land­tag vor­sorg­lich aus­gehebelt.

Der Protest war teils heftig. Die Gemeinde Lippborg etwa - die 1969 in die Gemeinde Lippetal einge­gliedert wurde - hatte in Kund­gebungen mehr als 1.000 Einwohner mobilisiert und in einer Bürger­befra­gung ein 87-prozentiges Votum gegen die Eingliede­rung erzielt. Vergebens.

In Lippstadt selbst richtete sich der Unmut weniger gegen die Einge­meindungen als gegen den Verlust des Kreis­sitzes. Die Stadt, die sich jahr­zehnte­lang als das Zentrum der Region ver­standen hatte, war nun - trotz ge­wachse­ner Größe - auf den Status einer kreis­angehöri­gen Stadt reduziert, deren adminis­trative Heimat nun in Soest lag.

Kfz-Kennzeichen LP

Wer abstrakte Verwaltungs­entscheidun­gen in ihrer emotiona­len Wirkung auf die Bevölke­rung er­messen will, braucht nur auf das Kfz-Kenn­zeichen zu schauen. Seit 1956 trugen Fahr­zeuge im Kreis Lipp­stadt das Kürzel LP. Doch am 31. Dezember 1974 endete die Ausgabe von LP-Kenn­zeichen - ab dem 1. Januar 1975 gab es nur noch SO.

Dieses scheinbar kleine Detail traf die Lipp­städter Be­völke­rung sicht­bar und täg­lich. Wer sein Auto um­meldete oder neu kaufte, fuhr fortan mit „SO“ durch die Stadt - dem Kürzel für den Kreis­sitz, den Lippstadt nicht bekommen hatte. Soest, nicht Lipp­stadt, stand auf dem Nummern­schild. Für viele Bürger war dies das greif­barste und all­täglichs­te Symbol dafür, dass Lipp­stadt „hinten­runter ge­fallen“ war.

Die Tiefe dieses Gefühls zeigte sich auch 2012, als die bundes­weite Kenn­zeichen-Liberali­sie­rung die Möglich­keit er­öffnete, historische Kürzel wieder­zubeleben. Der Kreis Soest be­antragte die Wieder­einfüh­rung von "LP" - und die Reak­tion der Lippstäd­ter Be­völke­rung war über­wältigend: An dem Tag, als online erst­mals wieder LP-Kenn­zeichen reser­viert werden konnten, gingen vier­stellige Reservierungs­zahlen bei der Zulassungs­stelle ein. Rund 3.000 Fahr­zeuge wurden rasch auf LP um­gemeldet.

LP gilt bis heute als eines der meistgefragten wieder­eingeführ­ten Kenn­zeichen in ganz Deutsch­land. Seither können Ein­wohner des Kreises Soest frei zwi­schen SO und LP wählen - eine stille, aber symbolisch be­deutsame An­erkennung, dass Lipp­stadt eben nicht einfach in Soest auf­gegangen ist.

Lippstadt heute: Größte Stadt im neuen Kreis - an seinem Rand

Der neue Kreis Soest ist heute mit über 306.000 Ein­wohnern und 14 Städten und Gemein­den eine leistungs­fähige Verwaltungs­einheit.
Und Lippstadt? Die Stadt hat sich zur mit Abstand größ­ten Gemeinde ent­wickelt, mit heute rund 72.000 Ein­wohnern - mehr als die Kreis­stadt Soest selbst.

Und doch bleibt die geo­grafi­sche Grund­spannung, die schon 1817 exis­tierte: Lippstadt liegt am öst­li­chen Rand des Kreises, Soest im west­li­chen Zentrum. Lippstadt - jetzt wirt­schaft­lich be­deut­samer und be­völkerungs­reicher als die Kreis­stadt - lag aber nie in der Mitte eines Land­kreises und konnte des­halb nicht die Kreis­stadt werden bzw. bleiben.


Text: Jörg Rosenthal, 2026
Bitte Ergänzungen, Korrekturen, Vorschläge u.ä. per E-Mail einsenden.

Zurück  •  nach oben  •  Startseite Historisches Lippstadt  •  Zum Newsletter anmelden