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Foto von drei Holzschweinen auf dem Rathausplatz

Die drei Lippstädter Holzschweine

Foto: Dirk Kubenke, 2022

Die drei Holzschweine sind das heim­liche Wahr­zeichen der Lipp­städter Fuß­gänger­zone. Immer wenn man die Schwein­chen sieht, muss man zu­mindest inner­lich lächeln. Das liegt viel­leicht auch daran, dass man sie immer an einem ande­ren Ort ent­deckt: "Ach, da sind ja auch die Schwein­chen."

Wenn in den letzten Jahren kleine Kinder auf den Holz­schweinen saßen, taten sie das viel­leicht schon in zwei­ter Genera­tion. Denn mög­licher­weise haben schon Mama und Papa als Kinder in den 1980er oder 90er Jah­ren auf den­selben Holz­schweinen ge­sessen.
Auch auf anderer Ebene ist dieses Spiel­gerät für zwei Genera­tio­nen ge­dacht: Ein starker Eltern­teil muss den Schwein­chen-Express schließ­lich ziehen.

Zeichnung mit Motiven aus Lippstadt
Zeichnung: Meluccio Di Gaudio, 2026

Die Holzschweine sind zwar keine gebürti­gen Lipp­städter, aber sie haben hier ihre neue Heimat ge­funden. Als sie Ende 1986 nach Lipp­stadt kamen, ahnte noch nie­mand, dass sie bleiben würden. Denn der Schwein­chen-Express, wie er damals ge­nannt wurde, war Teil einer Spiel­geräte-Wander­ausstel­lung, die von Stadt zu Stadt zog.

Die Wanderausstellung war konzi­piert von einer Forschungs­stelle für Spiel­platz­gestal­tung aus dem Schwarz­wald. Der ge­schicht­liche Hinter­grund ist, dass für die Neubau­gebiete ab den 1950er Jahren auch Spiel­plätze ge­plant wurden. Diese Plätze waren zu­nächst recht schlicht, mit standardi­sier­ten Spiel­geräten: Rutsche, Schaukel, Wippe - vieles aus Metall. Ab den 70er Jah­ren, unter dem Einfluss der Reform­pädagogik (Pädagogik vom Kind aus be­trachtet) tauch­ten neue Ideen und Be­griffe auf: Abenteuer­spiel­platz, „bespiel­bare Stadt“, Spiel­straßen. Wo der Auto­verkehr die Kinder von der Straße ver­trieb, sollte die Stadt selbst kind­gerecht werden.

Die Forschungsgruppe organisierte rund 70 Spiel­geräte im Gesamt­wert von ca. 150.000 bis 200.000 DM, die an 35 Spiel­punkten in einer Stadt auf­ge­stellt wurden. Die Vertei­lung inner­halb der Innen­stadt hat den Vor­teil, dass die Kinder dort spielen können, wo sich auch die Er­wachse­nen auf­halten. Das er­gibt insbe­son­dere dort Sinn, wo die Ein­kaufs­meile zur Fuß­gänger­zone umge­stal­tet worden war - wie in Lipp­stadt.

Die Forscher wollten heraus­finden, welche Spiel­geräte be­son­ders gut an­kommen. Lipp­stadt be­warb sich als Auf­stell­ort. Organi­siert wurde es vom Lipp­städ­ter Verein „Für unsere Kinder“ (frisch ge­gründet 1985, Vor­sitzen­der Wilhelm Sprenger), sowie der Volksbank Lipp­stadt, dem städti­schen Garten­amt (Leiter Witt­moser) und Bau­dezer­nent Dr. Hage­mann. Mit ihrer Be­wer­bung ge­lang es ihnen, die Spiel­platz-Ausstel­lung 1986 nach Lipp­stadt zu holen, die zuvor erst in sieben Städ­ten zu sehen war. Eigent­lich war die viel­gefragte Aus­stel­lung bereits bis 1988 aus­ge­bucht, aber Lipp­stadt nahm eine Lücke im Winter 86/87 an.

Im November 1986 kamen die Spiel­geräte aus Hannover nach Lipp­stadt. Dazu ge­hörte z.B. eine sechs­eckige Tisch­tennis­platte, die ohne Netz aus­kommt, Schaukel­pferde, Rutschen, ein Karus­sell im Stil der 1920er Jahre, eine kleine Berg- und Tal­bahn, eine Melodie-Hoch­wippe, ein Schwing­schiff (Wikinger­schiff) - und ein Schwein­chen-Express.
Am Samstag, 15. November, er­öffne­te Bürger­meister Franz Klocke das „Spielen in der Stadt“ offi­ziell. Ab dann hat­ten die Lipp­städ­ter und aus­wärti­gen Be­sucher fünf Monate lang die Mög­lich­keit, die neu­artigen Spiel­geräte aus­zuprobie­ren.

Wie auch schon in den vorheri­gen Städ­ten, kamen die Sachen bei den Kindern und Er­wachse­nen in Lipp­stadt gut an. Auch der Vertre­ter der Einzel­händler, Fritz-Martin Wiecker, sagte: „Spiel­punkte für Kinder in der Innen­stadt tragen mit dazu bei, dass das Ein­kaufen zu einem Einkaufs­erleb­nis für die ganze Familie wird“. Der Ver­band der Einzel­händler würde es be­fürwor­ten, die Stadt kinder­freund­licher zu ge­stal­ten. Auch Volks­bank-Direktor Helmut Jeskolka stellte fest, dass die Reso­nanz noch größer ist als er­wartet.

Von den Lippstädtern wurde bald Bedauern ge­äußert, dass die Aus­stel­lung im April 1987 weiter­ziehen würde. Deshalb wurde Sprengers Vor­schlag, die Aus­stel­lung zu kaufen - zumin­dest die belieb­tes­ten Geräte - immer popu­lä­rer.
Ich kann nur vermuten, dass dies der Forschungs­gruppe viel­leicht nicht un­gele­gen kam, denn nach der 8. Aus­stel­lung werden wohl keine bahn­brechen­den neuen Er­kennt­nisse mehr zu er­warten ge­wesen sein. Und die Her­stel­ler der Geräte werden froh ge­wesen sein, Geld zu sehen, bevor ihre Geräte durch weite­re Umzüge be­schädigt und unver­käuf­lich werden.

Bis Februar arbeitete der Verein „Für unsere Kinder“ einen Plan aus, um die 33 be­lieb­tes­ten Geräte für 100.000 DM zu kaufen. Die Stadt konnte das Geld jedoch nicht auf­bringen, denn im laufen­den Haus­halt waren nur 130.000 DM für alle her­kömm­li­chen Spiel­plätze der Stadt zu­sammen vor­ge­sehen.
Im März starteten deshalb der Verein, die Volks­bank und die Tages­zeitung „Der Patriot“ die „Aktion 100.000“. Ihnen ge­lang, was vorher an­schei­nend die ande­ren Städte nicht hin­bekom­men hat­ten: sie riefen er­folg­reich zu Spenden auf, um Spiel­geräte in Lipp­stadt be­halten zu können. Die Volks­bank richte­te ein Spenden­konto ein und spende­te selbst 20.000 DM.

Auch die Lippstädter Werbe­gemein­schaft appel­lierte an ihre rund 100 Mit­glieder, zu spenden. Der Vorsitzen­de Günther Papen­breer er­klärte, dass die Werbe­gemein­schaft eben­falls 20.000 DM bei­trägt. Weitere 5.000 DM kamen vom Laumanns Verlag. Und die Stadt konn­te 35.000 DM aus ihrem Etat locker machen. Anfang April 1987, zum Ende der Aus­stel­lung, waren 85.000 DM zu­sammen­gekom­men. Der Verein „Für unsere Kinder“ sprach er­neut mit den Her­stel­lern der Spiel­geräte und konn­te noch­mal Preis­nachlässe aus­handeln.

Welche Geräte konnten für das Geld ge­kauft werden? In Lipp­stadt blei­ben durf­ten ein Klein­kinder-Karus­sell, einige Carly-, Wipp- und Feder­tiere, Schaukel­pferd­chen, Neo-Feuer­stühle, die Kugel­spinne „Plaisier“ in der Post­straße, das große Schwing­schiff vor der Jakobi­kirche, eine Berg- und Tal­bahn, eine Er­wachse­nen-Wippe - und in der Langen Straße ... die von allen ge­lieb­ten drei lusti­gen Schwein­chen am Seil.

Welche dieser Sachen sind heute noch immer in Lipp­stadt zu finden? Wer Fotos von den Spiel­geräten hat, bitte per E-Mail bei mir melden.



Aus dem Lebenslauf der Holzschweine

Kaum mehr als ein Jahr nachdem die Schweine ge­kauft und einge­bürgert worden waren, wurden sie in einen Ein­bruch ver­wickelt. Im Juli 1988 wurden sie in eine Schau­fenster­scheibe ge­schleu­dert. In dem Be­kleidungs­geschäft wurden Texti­lien ge­stohlen. Die Täter mach­ten sich aus dem Staub, die Holz­schweine blie­ben zurück. Die Polizei konn­te in einem Imbiss sechs engli­sche Solda­ten fest­nehmen, die zur Ver­nehmung an die Militär­polizei über­geben wurden.
Zehn Jahre später wurden die Schweine von Unbe­kann­ten er­neut in ein Schau­fenster ge­schoben, wobei das Fenster im unte­ren Bereich stark be­schä­digt wurde.

1995 musste sich die Stadt­politik mit der Frage be­schäf­ti­gen, ob die Schweine jede Nacht einge­fangen und fest­gesetzt werden müssen. Eine An­wohne­rin be­klagte sich über den Lärm, wenn nachts grölen­de Nacht­schwärmer die Schweine durch die Lange Straße ziehen. Der Sport- und Freizeit­ausschuß lehnte den Bürger­antrag jedoch mehr­heit­lich ab, denn ein all­abend­licher Ab­trans­port der Schweine ist personell und kosten­mäßig nicht ver­tret­bar.

16 lange Jahre waren die Holz­schweine nur noch zu zweit. Denn schon seit 1990 fehlte vom kleins­ten Schwein­chen jede Spur. Viele junge Lipp­städ­ter werden die Schweine zu jener Zeit nur noch als Duo kennen­gelernt haben - und es gab keine Hoff­nung mehr, das kleine Schwein­chen noch wieder­zufinden. Doch dann er­schien im Okto­ber 2006 die erste Aus­gabe des Stadt­magazins „Blicker“ - und darin lobte Redak­teur Christoph Motog eine Be­loh­nung von 500 Euro aus, wenn das kleine Schwein­chen wieder auf­tauchen würde. Und tat­säch­lich wurde es in einem Pader­borner Party­keller wieder­gefun­den. Anfang 2007 konn­ten die drei Art­genossen wieder­vereint werden.

2011 lösten die Schweine eine Diskus­sion auf Face­book aus, denn das kleins­te Schwein­chen hatte vom Bau­betriebs­hof eine neue Farb­schicht be­kommen - in rosa! Die Idee dazu hatte der Stadt­sprecher zum 1. April ge­habt. Obwohl es schwein­chen­rosa war, gefiel der unge­wohnte An­blick den meis­ten Leuten jedoch nicht. Eine Patriot-Umfrage er­gab, dass sich 83% der Teil­nehmer wieder ein dunkel­braunes Schwein­chen wün­schen. Dieser Wunsch wurde vom Bau­betriebs­hof mit einer weite­ren Farb­schicht er­füllt.

2012 nahmen die Schweine ein unfrei­willi­ges Bad in der Lippe. Passan­ten hat­ten die Schweine am Tivoli treibend ent­deckt. Zum Glück waren sie nicht weiter fluß­abwärts ge­schwom­men. Der Bau­betriebs­hof musste die Schweine mit einem Bagger bergen. Nach einer Grund­reini­gung konn­ten sie ein paar Tage später wieder in ihr Revier in der Fuß­gänger­zone.

2016 kam es zu einer weiteren Ent­führung, dies­mal aller drei Schweine. An einem Sonn­tag wurden die Lipp­städ­ter Holz­schweine in Hamm ent­deckt. Es wird ver­mutet, dass sie sich am Vor­abend am Lipp­städ­ter Bahn­hof einem Jung­gesellen­abschied an­ge­schlossen hät­ten und mit nach Hamm ge­reist seien. Die Stadt Hamm sendete per Face­book ein Lebens­zeichen an die Stadt Lipp­stadt. Bürger­meister Christof Sommer fuhr dann persön­lich mit nach Hamm, um die Schweine bei sei­nem Amts­kollegen ab­zuholen.

Inzwischen sind die Lippstädter Holz­schweine zum Kult ge­worden. So wie einst der Wasser­turm die Land­marke für Lipp­stadt an der Bundes­straße ge­worden war, der Bernhard­brunnen eine his­to­ri­sche Identi­fika­tions­figur für das Selbst­verständ­nis der Stadt wurde, so sind nun die drei Holz­schweine das sympa­thi­sche Wahr­zeichen der Lipp­städter Fuß­gänger­zone. Im Handel gibt es inzwi­schen zahl­reiche Figuren und Drucke mit den be­lieb­ten Schweinen.

Foto von Kerzenständern in Schweinchen-Form
Kerzenständer erhältlich im Fotoatelier von Karin Lux

Im November 2016 waren zum 30-jähri­gen Jubi­läum des Moon­light-Shoppings kleine Trink­gläser in Cremant-Form mit Schwein­chen-Motiv er­schie­nen. Aufgrund der hohen Nach­frage wurden die Gläser mit den Schwein­chen für das Moon­light-Shopping im Mai 2018 nach­produ­ziert. Die Gläser wurden je­weils in einer Auf­lage von 4.000 oder 5.000 Stück her­ge­stellt. Als 2023 neue Gläser be­stellt werden soll­ten, wieder mit einem von Bernd Küche­mann ge­stalte­tem Motiv, gab es eine un­erwarte­te Hürde: „Die Guss­form für die Gläser be­findet sich in Russ­land“, berichte­te der Vor­sitzende der Werbe­gemein­schaft, Ingo Arndt. Es wird des­halb ver­sucht, ähnli­che Gläser im Sauer­land produ­zie­ren zu lassen.

Die Holzschweine haben die ganze Innen­stadt als Revier: Mög­licher­weise handelt es sich durch die Lipp­städ­ter Haltungs­form - näm­lich ohne Be­festi­gung und ohne Ein­zäunung - welt­weit um ein selte­nes Exem­plar frei­laufen­der Spiel­geräte. Üblicher­weise ist ja alles im öffent­li­chen Raum irgend­wie be­festigt oder ge­sichert. Aber der Schwein­chen-Express ist mobil und hat keinen fest­geleg­ten Abstell­platz. Es ist faszinie­rend, dass das Gewicht von 350 kg leicht genug ist, um ge­zogen werden zu können, aber schwer genug ist, um nicht ständig ent­führt zu werden.

2026 feierten die Schweine ihr 40. Jubi­lä­um in Lipp­stadt. Im Januar, beim Neu­jahrs­empfang im Stadt­theater, zog Bürger­meister Alexan­der Tschense sie auf die Bühne - und die rund 800 Zu­schauer sangen ihnen ein Ge­burts­tags­ständchen.

Aber das Jahr 2026 ist auch das Jahr ihres Ab­schieds. Denn im März traten sie vor ihren Schöpfer. Gemeint ist der Bild­hauer Peter Meyer in Frank­furt. Die Schweine wurden nach Frank­furt trans­por­tiert, weil ihre Fahr­gestelle zu ver­schlissen sind, um vom Bauhof re­pariert werden zu können. Aber auch in Frank­furt war eine Repara­tur nicht mehr mög­lich. Deshalb fertigt der Bild­hauer nun ganz neue Holz­schweine für Lipp­stadt an. Welch ein Glück, dass Peter Meyer immer noch aktiv ist. Hoffent­lich rollen die neuen Schwein­chen bald wieder durch unsere Fuß­gänger­zone und können wieder junge und alte Genera­tio­nen in Lipp­stadt glück­lich machen.


Zusammenfassung: Jörg Rosenthal, 2026.
Quellen: Mehrere Artikel der Lippstädter Tages­zeitung „Der Patriot“ ab 1986.
Bitte Ergänzungen, Korrekturen, Vorschläge u.ä. per E-Mail einsenden.

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