Die drei Holzschweine sind das heimliche Wahrzeichen der Lippstädter Fußgängerzone. Immer wenn man die Schweinchen sieht, muss man zumindest innerlich lächeln. Das liegt vielleicht auch daran, dass man sie immer an einem anderen Ort entdeckt: "Ach, da sind ja auch die Schweinchen."
Wenn in den letzten Jahren kleine Kinder auf den Holzschweinen saßen, taten sie das vielleicht schon in zweiter Generation.
Denn möglicherweise haben schon Mama und Papa als Kinder in den 1980er oder 90er Jahren auf denselben Holzschweinen gesessen.
Auch auf anderer Ebene ist dieses Spielgerät für zwei Generationen gedacht: Ein starker Elternteil muss den Schweinchen-Express schließlich ziehen.
Die Holzschweine sind zwar keine gebürtigen Lippstädter, aber sie haben hier ihre neue Heimat gefunden. Als sie Ende 1986 nach Lippstadt kamen, ahnte noch niemand, dass sie bleiben würden. Denn der Schweinchen-Express, wie er damals genannt wurde, war Teil einer Spielgeräte-Wanderausstellung, die von Stadt zu Stadt zog.
Die Wanderausstellung war konzipiert von einer Forschungsstelle für Spielplatzgestaltung aus dem Schwarzwald. Der geschichtliche Hintergrund ist, dass für die Neubaugebiete ab den 1950er Jahren auch Spielplätze geplant wurden. Diese Plätze waren zunächst recht schlicht, mit standardisierten Spielgeräten: Rutsche, Schaukel, Wippe - vieles aus Metall. Ab den 70er Jahren, unter dem Einfluss der Reformpädagogik (Pädagogik vom Kind aus betrachtet) tauchten neue Ideen und Begriffe auf: Abenteuerspielplatz, „bespielbare Stadt“, Spielstraßen. Wo der Autoverkehr die Kinder von der Straße vertrieb, sollte die Stadt selbst kindgerecht werden.
Die Forschungsgruppe organisierte rund 70 Spielgeräte im Gesamtwert von ca. 150.000 bis 200.000 DM, die an 35 Spielpunkten in einer Stadt aufgestellt wurden. Die Verteilung innerhalb der Innenstadt hat den Vorteil, dass die Kinder dort spielen können, wo sich auch die Erwachsenen aufhalten. Das ergibt insbesondere dort Sinn, wo die Einkaufsmeile zur Fußgängerzone umgestaltet worden war - wie in Lippstadt.
Die Forscher wollten herausfinden, welche Spielgeräte besonders gut ankommen. Lippstadt bewarb sich als Aufstellort. Organisiert wurde es vom Lippstädter Verein „Für unsere Kinder“ (frisch gegründet 1985, Vorsitzender Wilhelm Sprenger), sowie der Volksbank Lippstadt, dem städtischen Gartenamt (Leiter Wittmoser) und Baudezernent Dr. Hagemann. Mit ihrer Bewerbung gelang es ihnen, die Spielplatz-Ausstellung 1986 nach Lippstadt zu holen, die zuvor erst in sieben Städten zu sehen war. Eigentlich war die vielgefragte Ausstellung bereits bis 1988 ausgebucht, aber Lippstadt nahm eine Lücke im Winter 86/87 an.
Im November 1986 kamen die Spielgeräte aus Hannover nach Lippstadt.
Dazu gehörte z.B. eine sechseckige Tischtennisplatte, die ohne Netz auskommt, Schaukelpferde, Rutschen, ein Karussell im Stil der 1920er Jahre,
eine kleine Berg- und Talbahn, eine Melodie-Hochwippe, ein Schwingschiff (Wikingerschiff) - und ein Schweinchen-Express.
Am Samstag, 15. November, eröffnete Bürgermeister Franz Klocke das „Spielen in der Stadt“ offiziell.
Ab dann hatten die Lippstädter und auswärtigen Besucher fünf Monate lang die Möglichkeit, die neuartigen Spielgeräte auszuprobieren.
Wie auch schon in den vorherigen Städten, kamen die Sachen bei den Kindern und Erwachsenen in Lippstadt gut an. Auch der Vertreter der Einzelhändler, Fritz-Martin Wiecker, sagte: „Spielpunkte für Kinder in der Innenstadt tragen mit dazu bei, dass das Einkaufen zu einem Einkaufserlebnis für die ganze Familie wird“. Der Verband der Einzelhändler würde es befürworten, die Stadt kinderfreundlicher zu gestalten. Auch Volksbank-Direktor Helmut Jeskolka stellte fest, dass die Resonanz noch größer ist als erwartet.
Von den Lippstädtern wurde bald Bedauern geäußert, dass die Ausstellung im April 1987 weiterziehen würde.
Deshalb wurde Sprengers Vorschlag, die Ausstellung zu kaufen - zumindest die beliebtesten Geräte - immer populärer.
Ich kann nur vermuten, dass dies der Forschungsgruppe vielleicht nicht ungelegen kam, denn nach der 8. Ausstellung werden wohl keine
bahnbrechenden neuen Erkenntnisse mehr zu erwarten gewesen sein. Und die Hersteller der Geräte werden froh gewesen sein, Geld zu sehen,
bevor ihre Geräte durch weitere Umzüge beschädigt und unverkäuflich werden.
Bis Februar arbeitete der Verein „Für unsere Kinder“ einen Plan aus, um die 33 beliebtesten Geräte für 100.000 DM zu kaufen.
Die Stadt konnte das Geld jedoch nicht aufbringen, denn im laufenden Haushalt waren nur 130.000 DM für alle herkömmlichen Spielplätze der Stadt zusammen vorgesehen.
Im März starteten deshalb der Verein, die Volksbank und die Tageszeitung „Der Patriot“ die „Aktion 100.000“.
Ihnen gelang, was vorher anscheinend die anderen Städte nicht hinbekommen hatten:
sie riefen erfolgreich zu Spenden auf, um Spielgeräte in Lippstadt behalten zu können. Die Volksbank richtete ein Spendenkonto ein und spendete selbst 20.000 DM.
Auch die Lippstädter Werbegemeinschaft appellierte an ihre rund 100 Mitglieder, zu spenden. Der Vorsitzende Günther Papenbreer erklärte, dass die Werbegemeinschaft ebenfalls 20.000 DM beiträgt. Weitere 5.000 DM kamen vom Laumanns Verlag. Und die Stadt konnte 35.000 DM aus ihrem Etat locker machen. Anfang April 1987, zum Ende der Ausstellung, waren 85.000 DM zusammengekommen. Der Verein „Für unsere Kinder“ sprach erneut mit den Herstellern der Spielgeräte und konnte nochmal Preisnachlässe aushandeln.
Welche Geräte konnten für das Geld gekauft werden? In Lippstadt bleiben durften ein Kleinkinder-Karussell, einige Carly-, Wipp- und Federtiere, Schaukelpferdchen, Neo-Feuerstühle, die Kugelspinne „Plaisier“ in der Poststraße, das große Schwingschiff vor der Jakobikirche, eine Berg- und Talbahn, eine Erwachsenen-Wippe - und in der Langen Straße ... die von allen geliebten drei lustigen Schweinchen am Seil.
Welche dieser Sachen sind heute noch immer in Lippstadt zu finden? Wer Fotos von den Spielgeräten hat, bitte per E-Mail bei mir melden.
Kaum mehr als ein Jahr nachdem die Schweine gekauft und eingebürgert worden waren, wurden sie in einen Einbruch verwickelt.
Im Juli 1988 wurden sie in eine Schaufensterscheibe geschleudert. In dem Bekleidungsgeschäft wurden Textilien gestohlen.
Die Täter machten sich aus dem Staub, die Holzschweine blieben zurück. Die Polizei konnte in einem Imbiss sechs englische Soldaten festnehmen,
die zur Vernehmung an die Militärpolizei übergeben wurden.
Zehn Jahre später wurden die Schweine von Unbekannten erneut in ein Schaufenster geschoben, wobei das Fenster im unteren Bereich stark beschädigt wurde.
1995 musste sich die Stadtpolitik mit der Frage beschäftigen, ob die Schweine jede Nacht eingefangen und festgesetzt werden müssen. Eine Anwohnerin beklagte sich über den Lärm, wenn nachts grölende Nachtschwärmer die Schweine durch die Lange Straße ziehen. Der Sport- und Freizeitausschuß lehnte den Bürgerantrag jedoch mehrheitlich ab, denn ein allabendlicher Abtransport der Schweine ist personell und kostenmäßig nicht vertretbar.
16 lange Jahre waren die Holzschweine nur noch zu zweit. Denn schon seit 1990 fehlte vom kleinsten Schweinchen jede Spur. Viele junge Lippstädter werden die Schweine zu jener Zeit nur noch als Duo kennengelernt haben - und es gab keine Hoffnung mehr, das kleine Schweinchen noch wiederzufinden. Doch dann erschien im Oktober 2006 die erste Ausgabe des Stadtmagazins „Blicker“ - und darin lobte Redakteur Christoph Motog eine Belohnung von 500 Euro aus, wenn das kleine Schweinchen wieder auftauchen würde. Und tatsächlich wurde es in einem Paderborner Partykeller wiedergefunden. Anfang 2007 konnten die drei Artgenossen wiedervereint werden.
2011 lösten die Schweine eine Diskussion auf Facebook aus, denn das kleinste Schweinchen hatte vom Baubetriebshof eine neue Farbschicht bekommen - in rosa! Die Idee dazu hatte der Stadtsprecher zum 1. April gehabt. Obwohl es schweinchenrosa war, gefiel der ungewohnte Anblick den meisten Leuten jedoch nicht. Eine Patriot-Umfrage ergab, dass sich 83% der Teilnehmer wieder ein dunkelbraunes Schweinchen wünschen. Dieser Wunsch wurde vom Baubetriebshof mit einer weiteren Farbschicht erfüllt.
2012 nahmen die Schweine ein unfreiwilliges Bad in der Lippe. Passanten hatten die Schweine am Tivoli treibend entdeckt. Zum Glück waren sie nicht weiter flußabwärts geschwommen. Der Baubetriebshof musste die Schweine mit einem Bagger bergen. Nach einer Grundreinigung konnten sie ein paar Tage später wieder in ihr Revier in der Fußgängerzone.
2016 kam es zu einer weiteren Entführung, diesmal aller drei Schweine. An einem Sonntag wurden die Lippstädter Holzschweine in Hamm entdeckt. Es wird vermutet, dass sie sich am Vorabend am Lippstädter Bahnhof einem Junggesellenabschied angeschlossen hätten und mit nach Hamm gereist seien. Die Stadt Hamm sendete per Facebook ein Lebenszeichen an die Stadt Lippstadt. Bürgermeister Christof Sommer fuhr dann persönlich mit nach Hamm, um die Schweine bei seinem Amtskollegen abzuholen.
Inzwischen sind die Lippstädter Holzschweine zum Kult geworden. So wie einst der Wasserturm die Landmarke für Lippstadt an der Bundesstraße geworden war, der Bernhardbrunnen eine historische Identifikationsfigur für das Selbstverständnis der Stadt wurde, so sind nun die drei Holzschweine das sympathische Wahrzeichen der Lippstädter Fußgängerzone. Im Handel gibt es inzwischen zahlreiche Figuren und Drucke mit den beliebten Schweinen.
Im November 2016 waren zum 30-jährigen Jubiläum des Moonlight-Shoppings kleine Trinkgläser in Cremant-Form mit Schweinchen-Motiv erschienen. Aufgrund der hohen Nachfrage wurden die Gläser mit den Schweinchen für das Moonlight-Shopping im Mai 2018 nachproduziert. Die Gläser wurden jeweils in einer Auflage von 4.000 oder 5.000 Stück hergestellt. Als 2023 neue Gläser bestellt werden sollten, wieder mit einem von Bernd Küchemann gestaltetem Motiv, gab es eine unerwartete Hürde: „Die Gussform für die Gläser befindet sich in Russland“, berichtete der Vorsitzende der Werbegemeinschaft, Ingo Arndt. Es wird deshalb versucht, ähnliche Gläser im Sauerland produzieren zu lassen.
Die Holzschweine haben die ganze Innenstadt als Revier: Möglicherweise handelt es sich durch die Lippstädter Haltungsform - nämlich ohne Befestigung und ohne Einzäunung - weltweit um ein seltenes Exemplar freilaufender Spielgeräte. Üblicherweise ist ja alles im öffentlichen Raum irgendwie befestigt oder gesichert. Aber der Schweinchen-Express ist mobil und hat keinen festgelegten Abstellplatz. Es ist faszinierend, dass das Gewicht von 350 kg leicht genug ist, um gezogen werden zu können, aber schwer genug ist, um nicht ständig entführt zu werden.
2026 feierten die Schweine ihr 40. Jubiläum in Lippstadt. Im Januar, beim Neujahrsempfang im Stadttheater, zog Bürgermeister Alexander Tschense sie auf die Bühne - und die rund 800 Zuschauer sangen ihnen ein Geburtstagsständchen.
Aber das Jahr 2026 ist auch das Jahr ihres Abschieds. Denn im März traten sie vor ihren Schöpfer. Gemeint ist der Bildhauer Peter Meyer in Frankfurt. Die Schweine wurden nach Frankfurt transportiert, weil ihre Fahrgestelle zu verschlissen sind, um vom Bauhof repariert werden zu können. Aber auch in Frankfurt war eine Reparatur nicht mehr möglich. Deshalb fertigt der Bildhauer nun ganz neue Holzschweine für Lippstadt an. Welch ein Glück, dass Peter Meyer immer noch aktiv ist. Hoffentlich rollen die neuen Schweinchen bald wieder durch unsere Fußgängerzone und können wieder junge und alte Generationen in Lippstadt glücklich machen.