
Das Buch gilt als die älteste zusammenhängende Geschichtsdarstellung Westfalens. Aufgeschrieben wurde es von Bernhard Witte, geboren in Lippstadt, Mönch im Kloster Liesborn, in der Zeit um 1520.
Der eigentliche Titel des Buchs beginnt (lateinisch) mit „Geschichte des alten westlichen Sachsen, das jetzt Westfalen heißt“. Das ursprünglich handschriftliche Werk umfasst 9 Kapitel (historisch als Werk aus 9 Büchern bezeichnet) und wurde über einen Zeitraum von 40 Jahren geschrieben. Es umfasst die Weltgeschichte ab der Sintflut und endet mit der westfälischen Geschichte abrupt im Jahr 1520. Mehr dazu in der zweiten Texthälfte.
Bernhard Witte beschreibt sich in seiner Chronik selbst als gebürtigen Lippstädter. Man geht davon aus, dass er ca. 1460/1470 geboren wurde und aus einer gut situierten Bürgerfamilie in Lippstadt stammte. Über den Vater Johann Witte ist nichts bekannt, aber Bernhards Mutter Lücke Witte hat 1497 eine „ziemliche Summe“ (21 Goldmünzen) zum Bau der Liesborner Kirche gespendet. Außerdem hat sie im folgenden Jahr ihr Haus und Hof samt Zubehör in Lippstadt dem Kloster Liesborn vermacht. Daraus kann man schließen, dass der Vater bereits verstorben war, Bernhard der einzige (überlebende) Sohn der Familie war - und dass Bernhard im Kloster Liesborn versorgt sein soll und/oder das Erbe vor dem Zugriff durch andere Verwandte geschützt werden sollte.
Bernhard Witte war 1490 Mönch im ↗Kloster Liesborn geworden, als einer von 11 Ordensbrüdern (Stand 1513). Schon 1491 folgte seine Weihe zum Priester. Zu Bernhards Aufgabe wurde es, Urkunden und Verzeichnisse des Klosters abzuschreiben und neue zu verfassen. Er scheint eine geachtete Stellung eingenommen zu haben, denn er war auch dafür zuständig, Siegelgelder zu kassieren (für die Bestätigung von Käufen, Schenkungen und Verträgen). 1499 wird er als Getreideverwalter genannt - auch zum Einzug des Zehnten von den Bauern auf den Ländereien des Klosters Liesborn.
Wittes Name tauchte aber nicht als Student an Universitäten auf, zumindest nicht an den Unis Köln und Erfurt, die von Liesborner Mönchen bevorzugt wurden. Deshalb könnte es sein, dass Bernhard seine wissenschaftliche Ausbildung am Kloster selbst erhalten hat.
Denn in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erlebte das Kloster Liesborn einen Aufschwung in Kunst und Wissenschaft, durch die Teilnahme an der Reformbewegung der ↗Bursfelder Kongregation. Die Atmosphäre in Liesborn soll bildungsfreundlich gewesen sein - so wurden auch Schriften aus der Antike gelesen. Auf Wirken von Bernhard Witte soll die Klosterbibliothek nicht nur um theologische Schriften, sondern auch um historiographische Werke erweitert worden sein.
Etwa in seinem 30. Lebensjahr soll Bernhard Witte begonnen haben, die Geschichte Westfalens aufzuschreiben. Das Wissen hat er sich aus anderen Werken angelesen. Er soll teilweise auch einfach abgeschrieben haben, denn das handschriftliche Kopieren von Texten war damals üblich. Das hat er dann 30 bis 40 Jahre lang ausgeübt, auf über 800 Seiten. Das Papier dafür wurde möglicherweise aus Münster und Köln beschafft. Altersbedingt oder aufgrund seines Todes, endet seine Geschichtsschreibung abrupt für das Jahr 1520.
Sein Werk ist vielleicht unvollendet, aber bis zum behandelten Jahr 1520 ist es vollständig. Eine Übersicht über den Inhalt der Kapitel finden Sie weiter unten.
Den Vorteil des modernen Buchdrucks erlebte Wittes Werk erst fast 250 Jahre später, nachdem Anton Wilhelm Aschendorff aus Münster darauf aufmerksam wurde. Er begab sich nach Liesborn, schrieb Wittes Handschriften ab, ergänzte 200 weitere Seiten aus Wittes Hand als Anhang, und brachte es 1778 als gedrucktes Buch mit über 880 Seiten heraus.
In der Zeitperiode, in der Bernhard Witte lebte, wandelte sich die Geschichtsschreibung, die sich nun von antiker und biblischer Tradition unterscheidet. Biblische Geschichtsschreibung deutete Ereignisse primär unter dem Gesichtspunkt eines erwarteten Heils. Antike Historiker erzählten Geschichte rhetorisch ausgearbeitet und exemplarisch. Wittes Blick richtet sich auf regionale Räume wie Westfalen, auf Institutionen und Rechtsverhältnisse. Er sammelte unterschiedliche Überlieferungen, ordnete Ereignisse chronologisch und zeigt ein Bewusstsein für Quellen, auch wenn er sie noch nicht kritisch im modernen Sinn prüfte.
Bernhard Witte betrachtete Geschichte nicht mehr als Abfolge von Gott gelenkter Ereignisse, sondern beschreibt menschliches Handeln (innerhalb von Gottes Ordnung). Damit steht Wittes Werk an einem Übergang von moralisch-sinnstiftender Erzählung hin zu einer proto-wissenschaftlichen Landesgeschichtsschreibung.
Bernhard Witte lebte auch in einer Zeit mit reformatorischen Ideen. Gerade als Witte aufgehört hatte zu schreiben (1520), war Johannes Westermann 1523 vom Studium nach Lippstadt zurückgekehrt, nun als Doktor der Theologie, und predigte hier die neue Lehre nach Luther, vermutlich die erste reformatorische Predigt in Westfalen. Dahingegen war Witte kein reformatorischer Autor. Er schreibt zwar nicht gegen die Reformatoren, aber Offenheit für deren Ideen zeigt er in seinen Texten nicht.
Aus den Texten von Witte kann man eine andere Motivation herauslesen:
Ihm geht es immer wieder um die Bewahrung von Ordnung. Er wertet königliche und kirchliche Ordnung höher
als den Wunsch nach regionaler Selbstbestimmung.
Historia Westphaliae ist deutlich geprägt von dem Anliegen, die Kontinuität der Kirche zu zeigen,
die Legitimität von Bistümern, Klöstern und kirchlicher Ordnung historisch zu begründen,
und Westfalen als einen seit Jahrhunderten christlich geordneten Raum darzustellen.
Geschichte dient bei Witte als Argument für Beständigkeit: Was sich - aus seiner Sicht - bewährt hat, soll nicht leichtfertig aufgegeben werden.
Witte missioniert nicht aktiv, sondern nutzt Geschichte als eine defensive Selbstvergewisserung der alten Kirche.
Unten folgen Inhaltsangaben.
Zeit: biblische Urgeschichte bis ca. 5. Jahrhundert
Das erste Kapitel (genannt Liber I = Buch 1) von „Historia Westphaliae“ umfasst nur 45 Seiten (bezogen auf das gedruckte lateinische Buch von 1778). Es eröffnet den Hauptteil mit einer universalgeschichtlichen Einordnung, die von der biblischen Urgeschichte (Noah und seine Söhne) über die Aufteilung der Erde bis zur antiken Geographie Europas führt.
Der Autor Bernhard Witte schildert die Entstehung und Ausbreitung der Völker, insbesondere der Germanen, und behandelt dabei ausführlich antike Monarchien und Reiche als historischen Rahmen. Anschließend grenzt er Europa, Germanien, Sachsen und schließlich Westfalen geografisch und politisch voneinander ab und erläutert die Herkunft und Bedeutung des Namens Westphalia.
Ein zentraler Abschnitt widmet sich der Christianisierung, insbesondere der frühen Missionsgeschichte und der Rolle karolingischer Herrscher. Insgesamt dient Liber I als Fundament, um die Geschichte Westfalens aus der Welt- und Reichsgeschichte herzuleiten und zu legitimieren.
Zeit: ca. 5. - 8. Jahrhundert
Liber II behandelt die frühe Geschichte der Sachsen und Westfalen von ihren mythischen und antiken Ursprüngen bis in die römische Kaiserzeit. Witte beschreibt Herkunft, Lebensweise, kriegerischen Charakter und politische Organisation der sächsischen Stämme und setzt sie in Beziehung zu römischen Autoren wie Tacitus.
Einen Schwerpunkt bilden die Auseinandersetzungen zwischen Germanen und Römern sowie auf der allmählichen
Wahrnehmung Germaniens durch die antike Geschichtsschreibung.
Zugleich arbeitet Witte heraus, dass die Sachsen zwar militärisch stark waren,
aber sie gehörten nicht zu einer Zivilisation im römischen Sinne,
d.h. nicht zu dem politischen, rechtlichen, religiösen und kulturellen System,
das durch Rom und das Christentum geprägt war.
Das Kapitel bereitet damit den Übergang zur späteren Christianisierung und
der Integration ins Fränkische Reich vor,
indem er das „heidnische“ Vorstadium der westfälischen Geschichte darstellt.
Zeit: Westfalen im 8. - 9. Jahrhundert (etwa 750 - 850)
Dieser lange Abschnitt (128 Seiten) schildert die politische und kirchliche Entwicklung Sachsens und Westfalens vom Zerfall der antiken Ordnung bis in die Zeit der frühmittelalterlichen Königs- und Kaiser-Herrschaft. Witte beschreibt die Etablierung neuer Herrschaftsstrukturen, insbesondere die Rolle der sächsischen „Großen“ (Herzöge, Grafen, Hochadel, Bischöfe) bei Königswahlen und Reichsversammlungen.
Einen großen Teil macht die Geschichte der kirchlichen Mission und kirchlichen Organisation aus, vor allem die Gründung von Bistümern und Klöstern. Dabei verbindet Witte weltliche Ereignisse eng mit kirchlichen Entwicklungen und deutet politische Stabilität als Folge christlicher Ordnung.
Zeit: Westfalen im 9. - 11. Jahrhundert (etwa 850 - 1100)
Liber 4 behandelt die Herrschaft der Ottonen (ca. 919-1024) und Salier (ca. 1024-1125) und die zunehmende Einbindung Sachsens und Westfalens in die Politik des ostfränkisch-deutschen Reichs (Heiliges Römisches Reich). Witte schreibt über Kaiser- und Königswahlen, dynastische Konflikte, Aufstände sowie Loyalitäten der sächsischen Großen gegenüber dem Reich.
Einen Schwerpunkt bildet das Zusammenspiel von weltlicher Macht und Kirche, insbesondere die Rolle von Bischöfen, Klöstern und kirchlichen Reformen. Westfalen erscheint dabei politisch bedeutend, aber zugleich als ein konfliktträchtiges Gebiet. Hier wird die Reichsgeschichte aus regionaler Perspektive dargestellt - und bereitet auf spätere Zuspitzungen zu Machtkämpfen vor.
Westfalen im 12. Jahrhundert (etwa 1120 - 1220)
Hier erscheint das hochmittelalterliche Westfalen im Kontext der großen Reichskonflikte des 12. und frühen 13. Jahrhunderts. Witte schildert ausführlich die Spannungen zwischen Kaisertum, Fürsten und geistlicher Macht, z.B. zwischen sächsischem Adel, Bischöfen und dem Reich. Man liest vom Machtverlust der sächsischen Herzöge und der Neuordnung der politischen Verhältnisse.
Dabei betont Witte immer wieder die moralische und religiöse Bewertung historischer Ereignisse und deutet Niederlagen und Erfolge als Folge göttlicher Gerechtigkeit. In diesem Kapitel erfährt man den Übergang zu einer stärker fragmentierten Territorial-Struktur.
Das 6. „Buch“ ist mit 136 Seiten das umfangreichste und behandelt die Reichs- und Regionalgeschichte Westfalens
im 13. und frühen 14. Jahrhundert und schildert weiterhin die politischen Spannungen zwischen Kaisertum,
Fürsten und geistlichen Territorien.
Witte legt einen Schwerpunkt auf Thron-Streitigkeiten, Kaiser-Wechsel und deren Auswirkungen auf Sachsen und Westfalen.
Natur-Ereignisse, Hungersnöte, Wunderzeichen und außergewöhnliche Begebenheiten werden als göttliche Hinweise
zur Deutung der Abläufe eingebunden.
Liber 7 schildert die Geschichte in der Zeit der Luxemburger, welche die Reichspolitik in der Zeit von 1308 bis 1437 bestimmten, insbesondere unter Kaiser Karl IV., bekannt durch die Goldene Bulle von 1356. Witte beschreibt wichtige politische Ereignisse wie Herrschaftswechsel, Bündnisse und Konflikte jetzt auch mit den (aufstrebenden) Städten.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der wachsenden Bedeutung der Städte, ihrer Privilegien und ihrer Rolle in regionalen Machtstrukturen. Zugleich behandelt Witte kirchliche Angelegenheiten, Stifts- und Klostergeschichte sowie ihren Einfluss auf Politik und Gesellschaft.
Im 8. Kapitel findet die spätmittelalterliche Geschichte Westfalens ihren Schwerpunkt bei inneren Konflikten, Fehden und regionalen Machtkämpfen. Witte beschreibt Auseinandersetzungen zwischen Städten, Adel und geistlichen Herrschaften sowie deren Einbindung in größere Reichskonflikte. Besonders hervorgehoben werden rechtliche Streitigkeiten, Bündnisse und militärische Aktivitäten, die die politische Landschaft prägen.
Die Kirchen bleiben weiterhin ein stabilisierender, aber auch konfliktbeteiligter Faktor. Liber VIII zeigt Westfalen als politisch stark fragmentierten Raum, dessen Geschichte von regionalen Interessen bestimmt wird.
Kapitel 9 behandelt die letzten von Bernhard Witte dargestellten Ereignisse der westfälischen Geschichte bis zum frühen 16. Jahrhundert und führt die spätmittelalterlichen Konflikte fort. Witte schildert politische Unruhen, kirchliche Missstände, Reichs- und Papstpolitik sowie deren Auswirkungen auf Westfalen. Einen breiten Raum nehmen rechtliche Auseinandersetzungen, päpstliche Bullen, Privilegien und kirchliche Strafandrohungen ein, die den engen Zusammenhang von Politik, Recht und Kirche verdeutlichen.
Zeitzeichen wie Wunder, Unruhen und moralischer Verfall werden von Witte ausdrücklich als Symptome einer krisenhaften Epoche interpretiert. Das Buch endet abrupt mit dem Abbruch von Wittes Schreib- und Lebenswerk und verleiht seiner "Historia Westphaliae" insgesamt den Charakter eines unvollendeten, aber geschlossenen historischen Abhandlung.
Im gedruckten Buch von 1778 gibt es einen Anhang, der stolze 200 Seiten umfasst.
Er besteht ebenfalls aus Texten von Bernhard Witte, jedoch sind es Texte aus seinem Nachlass,
die er bis zu seinem Tod (1534) nicht dem Hauptwerk hinzugefügt hatte.
Deshalb hat der Herausgeber des Drucks von 1778, Anton Wilhelm Aschendorff, die Handschriften aus Wittes Nachlass ausgewählt
und dem gedruckten Werk angefügt.
Zwei Appendices widmen sich konkreten westfälischen Konflikten, nämlich der Schlacht bei Soest (Soester Fehde) und den inneren Kriegen von Münster, und verbinden Chronik mit moralischer Deutung. Ein weiterer Appendix schildert detailliert die Geschichte des Klosters Liesborn, seiner Äbtissinnen und Äbte, und verankert das Werk in Wittes klösterlichem Umfeld. Den größten Teil nimmt die Darstellung berühmter Mitglieder des Benediktiner-Ordens ein.