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Verlauf des Kanals, © Zefram, CC BY 2.5
© Athde, CC0

Der Boker-Heide-Kanal

Malaria und hungernde Bauern - Der Boker Kanal zwischen Neuhaus und Cappel sollte die uner­träg­liche Armut beenden

1855 bot sich in den ärmsten Gebieten der Boker Heide (Delbrück) ein Anblick bitteren Elends: „Man findet Erd­hütten ohne Fenster und Esse [Ofen/Herd/Kamin], und Kinder, die splitter­nackt wie Südsee-Insulaner davor sich umher­treiben“ ... „Die Bettelei an den Chausseen ist gren­zenlos“. Die sandige Heide­land­schaft von Senne (Senne­lager) und Boker Heide wurden das Armen­haus West­falens ge­nannt.

Ursache für die Entstehung un­fruchtbarer Heide­land­schaften war die Rodung des Ur-Waldes für Acker­flächen, die Über­nutzung des Waldes als Vieh­weide und für Brenn- und Bau-Holz, und an­schlie­ßend die Aus­schwem­mung der kahlen Böden durch Über­schwem­mungen. Teile der Land­schaft fielen wüst. Übrig blieb eine karge Heide­land­schaft, die nicht mehr auf­forst­bar ist und nur noch als Weide für Schafe nutz­bar ist.

Ein weiteres Problem der Boker Heide war, dass Teile ent­weder zu trocken oder ver­sumpft waren. Um 1830 kam es im Del­brücker Raum immer wieder zu Malaria-Epi­demien.

Statt mit Ackerbau ver­suchten die Bauern ihren Lebens­unter­halt mit häus­lichem Spinnen und Weben zu ver­dienen, was je­doch immer weniger lohnens­wert wurde. In den klein­bäuer­lichen Schichten kam es in den 1830er und 1840er Jahren zu einer Massen­ver­armung und zu Unruhen.

Schon um 1800 hatte man neidisch auf die be­ein­druckenden Fort­schritte der eng­lischen Land­wirt­schaft ge­schaut. Nun wollten sich auch die Preußen an rationeller Land­wirt­schaft und Melioration (Boden­ver­besserung) ver­suchen. Da man aber weder das Wetter be­ein­flussen noch den Boden aus­tauschen kann, wollte man sich um Be- und Ent­wässerung der Flächen durch Kanäle be­mühen. Ein Ent­wässerungs­plan von 1820 für die Gegend zwischen Ober­Lippe und Ober­Ems scheiterte je­doch an Kosten und mangel­hafter Durch­führung. Die Über­schwem­mungs­gebiete dehnten sich sogar aus.

1832 nahm der westfälische Ober­präsident Ludwig Freiherr von Vincke die Sache er­neut in An­griff. Er war über­zeugt, die wirt­schaft­liche Pro­duktion der Boker Heide und des Lipper Bruchs durch Ent- und Be­wässerung um das 7- bis 8-fache steigern zu können. Doch Von Vincke starb 1844 bevor Gelder be­willigt wurden. Erst 1850 ge­nehmigte der preußische König ein Darlehen für den Bau des Boker Kanals. Nach drei­jähriger Bau­zeit wurde der 32 km lange Kanal 1853 in Betrieb ge­nommen.

In den ersten Jahren führte der Kanal oft nicht genug Wasser - oder es kam zu Über­schwem­mungen. Diese Miss­stände wurden erst 1865 durch den Bau von Rück­leitungen be­hoben.

Die Ableitung des Wassers führte zu einem sinkenden Wasser­pegel der Lippe, was zu gericht­lichen Aus­ein­ander­setzungen mit der Lippe-Schiff­fahrt und den Lipp­städter Mühlen führte. Darauf­hin wurde das Ab­leitungs­recht be­grenzt und die Lipp­städter Müller er­hielten 1878 eine Ent­schädi­gungs­zahlung.

Der Kanal alleine führte jedoch nicht zum er­hofften land­wirt­schaft­lichen Erfolg. Erst mit dem Beginn der künst­lichen Düngung um 1900 wurde das Kanal-/Boden­ver­besserung-Projekt rentabel.
Bis 1915 waren die Gesamtkosten für den Kanal auf 1,9 Mil­lionen Mark ange­wachsen. Das gesamte Projekt konnte sich erst in den 1930er Jahren amor­tisieren.

Heute hat der Kanal an Bedeutung ver­loren, wird aber noch zur Grund­wasser­regulierung ge­nutzt. Zwei Kanal­wärter be­dienen die 16 funktions­fähigen Wehre, durch die das Wasser nach Bedarf auf die Wiesen und Felder ge­leitet oder abge­leitet wird. Der Boker-Heide-Kanal ist ein be­deutendes west­fälisches Kultur­denkmal und ist mit seinen Schleusen­anlagen und den langen be­gleitenden Baum­reihen von land­schafts­prägender Be­deutung.

Zusammenfassung: Jörg Rosenthal.
Bitte Kritik, Vorschläge u.ä. per E-Mail an info@historisches-lippstadt.de schicken.
Quellen:
• Delbrücker Geschichte, Heinrich Köllner
• Wikipedia: Boker-Heide-Kanal
• Buch „Das bietken Water“, Dr. Rita Gudermann, Lipp­städter Spuren 15/2000



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