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Verlauf des Kanals, © Zefram, CC BY 2.5
© Athde, CC0


Der Boker-Heide-Kanal

Malaria und hungernde Bauern - Der Bau eines Kanals zwischen Neu­haus und Cappel sollte die uner­träg­li­che Armut be­enden.

1855 bot sich in den ärms­ten Gebie­ten der Boker Heide (Del­brück) ein An­blick bit­teren Elends: „Man fin­det Erd­hütten ohne Fens­ter und Esse [Ofen/Herd/Kamin], und Kinder, die splitter­nackt wie Süd­see-Insula­ner davor sich umher­trei­ben“ ... „Die Bettelei an den Chausseen ist gren­zen­los“. Die san­dige Heide­land­schaft von Sen­ne (Senne­lager) und Boker Heide wur­den das Armen­haus West­fa­lens ge­nannt.

Im Speziellen war hier die un­frucht­bare Land­schaft der Boker Heide ein Pro­blem, und deutsch­land­weit war der enorme Be­völ­ke­rungs­zuwachs nach 1815 proble­ma­tisch, da die land­wirt­schaft­li­chen Er­träge kaum stie­gen. Hin­zu kamen wieder­keh­rende Miss­ernten. Die Massen­ver­armung der unte­ren Schich­ten wird Paupe­rismus ge­nannt (latei­nisch pauper = arm).

Die Ursache für die Entste­hung un­frucht­barer Heide­land­schaf­ten war die Rodung des Ur-Waldes für Acker­flächen, die Über­nut­zung des Waldes als Vieh­weide sowie für Brenn- und Bau-Holz, und an­schlie­ßend die Aus­schwem­mung der kahlen Böden durch Über­schwem­mungen. Teile der Land­schaft fie­len wüst. Übrig blieb eine karge Heide­land­schaft, die nicht mehr auf­forst­bar ist und nur noch als Weide für Schafe nutz­bar war.

Ein weiteres Problem der Boker Heide war, dass Teile ent­weder zu trocken oder ver­sumpft waren. Um 1830 kam es im Del­brücker Raum immer wie­der zu Malaria-Epi­de­mien.

Statt mit Ackerbau ver­such­ten die Bauern ihren Lebens­unter­halt mit häus­li­chem Spinnen und Weben zu ver­die­nen, was je­doch immer weni­ger lohnens­wert wurde. In den klein­bäuer­li­chen Schich­ten kam es in den 1830er und 1840er Jah­ren zu der o.g. Massen­ver­armung und zu Un­ruhen (vgl. Revolution 1848).

Schon um 1800 hatte man nei­disch auf die be­ein­drucken­den Fort­schritte der eng­li­schen Land­wirt­schaft ge­schaut. Nun woll­ten sich auch die Preußen an ratio­nel­ler Land­wirt­schaft und Melioration (Boden­ver­bes­se­rung) ver­suchen. Da man aber weder das Wetter be­ein­flus­sen noch den Boden aus­tau­schen kann, wollte man sich um Be- und Ent­wäs­serung der Flächen durch Kanäle be­mü­hen. Ein Ent­wässe­rungs­plan von 1820 für die Gegend zwi­schen Ober­Lippe und Ober­Ems schei­terte je­doch an Kosten und mangel­haf­ter Durch­füh­rung. Die Über­schwem­mungs­gebiete dehn­ten sich sogar aus.

1832 nahm der westfälische Ober­präsi­dent Ludwig Frei­herr von Vincke die Sache er­neut in An­griff. Er war über­zeugt, die wirt­schaft­liche Pro­duktion der Boker Heide und des Lipper Bruchs durch Ent- und Be­wässe­rung um das 7- bis 8-fache stei­gern zu kön­nen. Doch Von Vincke starb 1844 bevor Gelder be­wil­ligt wur­den. Erst 1850 ge­neh­migte der preußi­sche König ein Dar­lehen für den Bau des Boker Kanals. Nach drei­jäh­riger Bau­zeit wurde der 32 km lange Kanal 1853 in Be­trieb ge­nom­men.

In den ersten Jahren führte der Kanal oft nicht genug Wasser - oder es kam zu Über­schwem­mun­gen. Diese Miss­stände wur­den erst 1865 durch den Bau von Rück­leitun­gen be­hoben.

Die Ableitung des Wassers führte zu einem sinken­den Wasser­pegel der Lippe, was zu ge­richt­li­chen Aus­ein­ander­set­zun­gen mit der Lippe-Schiff­fahrt und den Lipp­städ­ter Mühlen führte. Darauf­hin wurde das Ab­leitungs­recht be­grenzt und die Lipp­städter Müller er­hiel­ten 1878 eine Ent­schädi­gungs­zahlung.

Der Kanal alleine führte jedoch nicht zum er­hoff­ten land­wirt­schaft­lichen Er­folg. Erst mit dem Be­ginn der künst­lichen Düngung um 1900 wurde das Kanal-/Boden­ver­bes­serung-Projekt renta­bel.
Bis 1915 waren die Gesamtkosten für den Kanal auf 1,9 Mil­lio­nen Mark ange­wach­sen. Das ge­samte Pro­jekt konnte sich erst in den 1930er Jah­ren amor­ti­sie­ren.

Heute hat der Kanal an Bedeutung ver­loren, wird aber noch zur Grund­wasser­regulie­rung ge­nutzt. Zwei Kanal­wärter be­die­nen die 16 funktions­fähi­gen Wehre, durch die das Wasser nach Be­darf auf die Wiesen und Felder ge­lei­tet oder abge­lei­tet wird. Der Boker-Heide-Kanal ist ein be­deuten­des west­fä­li­sches Kultur­denkmal und ist mit seinen Schleusen­anlagen und den langen be­gleiten­den Baum­reihen von land­schafts­prägen­der Be­deu­tung.

Ein Video von 2023 zeigt die Tier­welt am und im Boker Kanal bei Lipp­stadt.
Zusammenfassung: Jörg Rosenthal.
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Quellen:
• Delbrücker Geschichte, Heinrich Köllner
• Wikipedia: Boker-Heide-Kanal
• Buch „Das bietken Water“, Dr. Rita Gudermann, Lipp­städter Spuren 15/2000
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