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Altes Brauhaus, Caspar Nies 1801
Brauerei Nies 1895-1920 auf dem heutigen Marktplatz


 
Brauereien in und um Lippstadt

„Von der Weser bis zum Rheine, trinkt man Bier von Ohm & Kleine“ (Weissen­burg Lipp­stadt)

In einer Zeitspanne von über 250 Jahren haben die Brau­ereien Nies (Altes Brau­haus, Rathaus­straße) und Weissen­burg in Lipp­stadt ge­wirkt. Im letzten Jahr­hundert kaufte Nies alles auf („Nies-Weissen­burg“) und wurde zu­letzt selbst von War­steiner ge­schluckt.

Nies war in Lippstadt der früheste Brauer, dessen Namen wir heute noch kennen. Als Familie Nies 1734 das Brau­recht er­hielt, war sie aber nicht die erste, sondern schon die 29. Brau­stätte in Lipp­stadt. Bis zum Ende des 18. Jahr­hunderts gab es in Lipp­stadt 29 kleine Brau­ereien und 72 Brannt­wein-Bren­ner­eien (ich vermute alles als Haus­stätten).
Unsere heutige Poststraße hieß bis ca. 1750 Koitstraße. Koit (Keut) war ein Weiß­bier ohne Hopfen, das zu­erst im Jahr 1444 in Hamm ur­kundlich er­wähnt worden war.

Bier­geschicht­liche Meilen­steine (Schwerpunkt Westfalen)
1050  Erste Klosterbrauerei in Bayern
1447Reinheitsgebot in München
1680gegründet: Brauhaus Stiefel-Jürgens, Beckum
1700Lippstädter Postraße heißt Koitstraße (s. Text)
1734gegründet: Brauerei Nies, Lippstadt
1735gegründet: Kloster-Brauerei Hamm (Kloster Alt bis 1989)
1753gegründet: Warsteiner, Haus Cramer
1769gegründet: Isenbeck, Hamm
1769gegründet: Pott’s, Oelde
1801Nies kauft Gebäude „Altes Brauhaus“
1803gegründet: Krombacher, Kreuztal-Krombach bei Siegen
1824gegründet: Veltins, Meschede-Grevenstein
1832gegründet: Tannenbaum, C. Mattenklott, Lipperode
1842Erfindung der Pilsner Brauart in Böhmen/Tschechien
1845gegründet: Hohenfelder, Langenberg (auf Gut Hohenfelde)
1852gegründet: Paderborner
1868gegründet: Dortmunder DAB (1902 Hansa-Pils)
1870gegründet: Weissenburg, Ohm & Kleine, Lippstadt
1873Carl Linde erfindet Kühlmaschinen für Brauereien
1878gegründet: Herforder
1895Nies zieht in heutiges Stadtmuseum und Fabrik auf dem Marktplatz
1920Nies kauft Weissenburg (⇒ Nies zieht zu Weissenburg um)
1924Nies kauft Paderborner
1930Nies kauft Tannenbaum C. Mattenklott, Lipperode
1938Nies kauft Isenbeck/Hamm
1971Isenbeck (Mehrheit Nies) kauft Klosterbrauerei Hamm
1983Nies zentralisiert alles in neuer Brauerei in Paderborn
1984Warsteiner wird Deutschlands größte Biermarke
1990Warsteiner kauft Nies (inkl. Paderborner, Weissenburg, Isenbeck)
2000gegründet: Brauhaus Thombansen, Lippstadt
2007Warsteiner kauft Herforder

⇒ Familie Nies braute in Lippstadt von 1734 bis 1984 (250 Jahre und 7 Generationen lang)
⇒ Rund um Lippstadt gehört heute fast alles Warsteiner (Cramer), außer Thombansen, Hohenfelder und Veltins

An den folgenden Lippstädter Bei­spielen er­kennt man, wie sich aus Haus­brauer­eien die Groß­brauer­eien ent­wickelten, d.h. durch Massen­produktion und Zu­sammen­legungen. Somit wurden auch die Brau­er­eien Teil der Indus­tria­li­sierung.

Nies:
Nachdem Familie Nies schon 70 Jahre lang das Brau­recht hatte, kaufte Caspar Nies 1801 das heutige Gebäude „Altes Brau­haus“ (ge­baut 1729) an der Rat­haus­straße, um die familiäre Haus­brauerei zu einer Hand­werks­brauerei mit Mälzerei zu er­weitern.

Am Ortseingang von Lippe­rode (neben dem späteren Golden Gate bzw. jetzt Dorf-Alm) wurde 1832 die Brau­erei Tannen­baum C. Matten­klott ge­gründet. Dazu habe ich leider keine weiteren Infor­ma­tionen, außer dass die Lippe­roder Brau­erei nach knapp 100 Jahren von Nies ge­kauft wurde (1930).

Weissenburg:
1870 gegründeten Ohm & Kleine die Brau­erei Weissen­burg an der Weißen­burger Straße (wobei die Straße erst seit 1907 so heißt). Im Jahr des Deutsch-Franzö­sischen Kriegs 1870 war Brauer­ei­gründer Wilhelm Kleine vom deutschen Sieg in der franzö­sischen Klein­stadt Wissem­bourg (deutsch Weissen­burg) so be­gei­stert, dass er deshalb diesen Bei­namen für seine neue Brau­erei wählte.

Wilhelm Kleine (1844-1916) war der jüngste Sohn des reichen Bren­nerei­besitzers August Kleine (1777-1848), dem die Korn­bren­nerei am Soest­tor ge­hörte. Als Vater August Kleine starb, war seine zweite Ehe­frau Franziska erst 45 und Sohn Wilhelm erst 4 Jahre alt. Die junge Witwe hei­ratete wieder, nämlich Ferdinand Ohm aus Münster (1826-1872), Bankier in Dortmund.
Ferdinand Ohm leitete die Firma Kleine weiter und wurde Stadt­ver­ordneter in Lipp­stadt, außerdem Abge­ordneter des ersten ordent­lichen Reichs­tags des Nord­deutschen Bunds.
Ferdinand Ohm und sein Stiefsohn Wilhelm Kleine gründeten zu­sammen die Weissen­burg (Ohm & Kleine) als Wilhelm 26 Jahre alt war. Da Ohm aber bereits zwei Jahre später starb (1872), gehört die Brauerei dann Wilhelm Kleine alleine. Zu den Immo­bilien der Familie Kleine ge­hörte die Villa an der Ost­straße (heute Vinzenz­kolleg) sowie Gründ­stücke in Esbeck.

Zurück zu Nies:
1895 kaufte Wilhelm Nies gegen­über seinem „Altem Brau­haus“ in der Rathaus­straße das heutige Stadt­museum inkl. an­grenzender Parzellen, d.h. den ganzen heutigen Markt­platz. Dort stand eine Stärke-Fabrik, die der Kauf­mann Friedrich Overbeck dort zwischen 1837-1863 er­richtet hatte. Von 1895 bis 1920 wurde das Gelände von der Brauerei Wilhelm & Dietrich Nies genutzt.

1920 kaufte Nies dann seinen Kon­kur­renten, die Brau­erei Weissen­burg, und konzen­trierte seine Tätigkeit dort­hin („Nies-Weissen­burg“), d.h. der Brau­betrieb an der Rathaus­straße wurde ein­ge­stellt.
Nies' Wohn­haus wurde 1929 vom Kreis­heimat­museum be­zogen, heute Stadt­museum. Und die ehe­maligen Fabrik­gebäude auf dem heutigen Markt­platz wurden als Berufs­schule ge­nutzt (und in den 1960ern abge­rissen). Für mich als später Geborener war es über­raschend, dass auf dem Markt­platz einst Gebäude standen.

Nies ging weiter auf Einkaufs­tour. Nach dem Kauf von Weissen­burg 1920, wurde 4 Jahre später die Pader­borner Brauerei ge­kauft, weitere 6 Jahre später Tannen­baum in Lippe­rode, 8 Jahre später Isenbeck in Hamm.

1966 wurde von Holz-Bierkisten auf Kunst­stoff­kästen um­ge­stellt, außer­dem von Bügel­flaschen auf Euro-Flaschen (die Halb-Liter-Euroflasche war bis Ende der 1980er Jahre all­gemein Standard).
1971 kaufte Nies-Weissenburg auch noch die Kloster­brauerei Hamm hinzu. Nies-Weissenburg war am Anfang der 1970er auf dem Höhe­punkt, es gab Export-Bier und Altbier, und für die Arbeiter gab's gute Löhne („Nies-Pulver“) sowie 2,5 Liter Haus­trunk pro Tag.

1983 wurde in Paderborn-Mönkeloh eine neue Brau­erei ge­baut und Nies konzen­trierte alles in Pader­born. So en­dete das Brau­wesen in Lipp­stadt. Am 19.11.1984 er­folgte hier der letzte Sud. Die Marke Weissen­burg kommt seit­dem aus der neuen Pader­borner Brauerei. 1985 kaufte die Deutsche Saat­ver­edelung (DSV) das Weissen­burg-Gelände in Lipp­stadt.

Zur gleichen Zeit stieg Warsteiner zur größten Bier­marke Deutsch­lands auf. Und so kam es, dass 1990 die ganze Nies-Gruppe von der War­steiner auf­ge­kauft wurde, somit auch die Marke Weissen­burg. Ihren Höhe­punkt er­reichten die War­steiner 1994 mit einem Aus­stoß von mehr als 6 Mil­lio­nen Hekto­litern (unklar ob nur in War­stein oder gesamte Gruppe).

Krombacher habe ich oben in der Zeit­tafel ge­nannt, weil die Brau­erei in Siegen so­gar auch in unserem Re­gierungs­bezirk Arnsberg liegt, und ins­besondere weil sie nach Beck’s in Bremen Deutsch­lands zweit­größte Brau­erei ist. Inter­essant, dass die größten Brau­ereien nicht mehr in Bayern, sondern in der Nord­hälfte Deutsch­lands liegen, größten­teils in unserer Nähe. Die meisten anderen, ent­fern­teren Brauer­eien ge­hören zur Rade­berger Gruppe (Frank­furt), die wiederum zum Oetker-Konzern (Biele­feld) ge­hört.

Die größten Brauereien im Jahr 2002, nach Ausstoß in Hektolitern (hl)
1. Beck & Co., Bremenca. 5,5 Mio. hl
2.Krombacher Brauerei, Kreuztal-Krombach ca. 4,9 Mio. hl
3.Warsteiner Brauerei, Warsteinca. 4,6 Mio. hl
4.Bitburger Brauerei, Bitburgca. 4,2 Mio. hl
5.Karlsberg Brauerei, Homburgca. 4,1 Mio. hl
6.Dortmunder Actien-Brauerei, Dortmundca. 3,2 Mio. hl
7.Holsten-Brauerei, Hamburgca. 2,7 Mio. hl
8.König-Brauerei, Duisburgca. 2,4 Mio. hl
9.Veltins, Meschede-Grevensteinca. 2,4 Mio. hl

Veltins konnte seinen Ab­satz in den letzten 10 Jahren leicht steigern, hin­gegen war der War­steiner Ab­satz zwischen­zeitlich stark ein­ge­brochen. Im Jahr 2008 war die Brauerei in War­stein, die auf eine Leistung von 7 Mil­lio­nen Hekto­litern aus­ge­richtet ist, nicht mal zur Hälfte aus­ge­lastet. 2010 trat eine Er­holung ein.

2014 wurde ein Bier­kartell zu Strafen ver­ur­teilt. Beim größten Kartell der deutschen Bier­geschichte hatten zahl­reiche Brauer­eien illegale Preis­erhöh­ungen fest­ge­legt. Warsteiner, Veltins, Krom­bacher und Barre mussten 106,5 Mil­lio­nen Euro Strafe zahlen. Weitere Brauer­eien mussten zu­sammen 231 Mil­lio­nen Euro zahlen.

Heutige Familien­unternehmen:
Vom Aufkauf blieb die Hohenfelder Brau­erei ver­schont, die seit 170 Jahren ein Familien­unter­nehmen ist, sowie die Veltins-Brau­erei, deren allei­nige Eigen­tümerin Susanne Veltins ist (5. Generation).
Die einzige Brauerei in Soest ist das Brauhaus Zwiebel (seit 1993), und in Lipp­stadt be­sitzt Brau­meister Daniel Thombansen die ein­zige Brau­erei, die er vor fast 20 Jahren gründete.
Text: Jörg Rosenthal.
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