
Der Bernhardbrunnen von 1920 steht am südlichen Ende der Lippstädter Fußgängerzone (Lange Straße zum Südertor). Die Ritter-Statue auf dem Brunnen stellt den Stadtgründer Lippstadts aus dem Mittelalter dar (Bernhard II. zur Lippe, ca. 1140 bis 1224).
Der edle Ritter blickt auf die Lange Straße, deren Anfang am Rathaus er noch selber geplant hatte, in ihrer heutigen Länge. 1974 wurde die Autostraße zur Fußgängerzone umgebaut und reicht vom Bernhardbrunnen bis zum Rathausplatz, an dessen Ende der Bürgerbrunnen von 1988 steht - quasi als Gegengewicht zum Stadtgründer-Brunnen - und dort die Lippstädter Bürgerschaft in Form mehrerer beweglicher Figuren repräsentiert.
Das s/w-Foto ist vermutlich in den ersten Jahren nach der Brunnen-Einweihung von 1920 entstanden.
Seitdem hat sich die Bebauung rund um den Brunnen komplett geändert.
Links: das mit Schiefer verkleidete Wohnhaus ist dem Neubau für das Schuhhaus Zahn gewichen (heute Leffers).
Hinten links erkennt man noch den Fachwerk-Bahnhof, der 1967 abgerissen wurde.
Mitte rechts: das Haus steht noch heute an der Bahnhofstraße (Jakob-Koenen-Straße).
Rechts: Das imposante Engelbertsche Haus wurde in den 1970ern abgerissen.
Dort ist heute die Straße „Am Bernhardbrunnen“, die es damals noch nicht gab.
Die neue Straße wurde da entlang geführt, wo man auf dem Foto die Büsche sehen kann. Sie mündet in den Kreisverkehr am Bahnhof.
Früher ging man die Lange Straße weiter geradeaus durch bis zur Bahnhofstraße und erst dann links zum Bahnhof.
Die Idee zum Bernhardbrunnen entstand 1914, in einer Zeit, die stark vom Bewusstsein für Geschichte und bürgerliche Identität geprägt war. Die Initiative zur Errichtung eines Denkmals ging vom Lippstädter Verleger und Kommunalpolitiker Carl Laumanns aus. In seiner Zeitung „Der Patriot“ veröffentlichte er 1914 eine Serie von Artikeln über Bernhard II., der hierdurch eine identitätsstiftende Figur für Stadt und Bürger werden sollte.
In der Idee zum Bernhardbrunnen kam möglicherweise auch ein politischer und konfessioneller Konflikt zum Ausdruck. Denn auf dem Rathausplatz stand seit 1889 ein Brunnen mit Kaiser-Wilhelm-Denkmal (im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen). Der Kaiser war evangelisch, ebenso wie die Lippstädter Bürger nach der Reformation evangelisch geworden waren. Während der Industrialisierung kamen durch Zuzug von außen immer mehr Katholische in die Stadt, so auch 1869 Carl Josef Laumanns, Schriftsetzer vom Niederrhein. Im Kulturkampf gegen die Politik des evangelischen Kaisers wurde die katholische Zentrumspartei gegründet, der auch Carl Laumanns angehörte. Vielleicht ist seine Idee zu einem Stadtgründer-Denkmal als ein Identifikations-Gegengewicht zum damaligen Kaiser-Wilhelm-Denkmal zu sehen.
Mit seinen Zeitungartikeln über Bernhard II. wollte Laumanns 1914 nicht nur historische Informationen vermitteln, sondern in der Bürgerschaft auch die Unterstützung für ein repräsentatives Denkmal mobilisieren. Die Kampagne war erfolgreich: Der Magistrat der Stadt beschloss noch im selben Jahr die Errichtung eines Brunnens zu Ehren des Stadtgründers.
Mit der künstlerischen Ausführung wurde der aus Lippstadt stammende Bildhauer ↗Albert Pehle beauftragt, der in Düsseldorf tätig war. Pehle schuf eine Bronzefigur, die Bernhard als gerüsteten Ritter darstellt - ein Bild, das dem zeittypischen, heroischen Geschichtsbild entsprach. Denn wie Bernhard II. wirklich aussah, ist nicht überliefert. Schaut man Gemälde seiner Nachfahren an, würde man eher nicht sagen, dass sie heutigem Schönheitsideal entsprechen. Ich habe gehört, dass für die Statue angeblich ein Düsseldorfer Hafenarbeiter Modell gestanden habe. Die Brunnenfigur ist also eine Verbindung aus Wunschdenken und repräsentativer Kunst.

Die Einweihung des Brunnens war ursprünglich für den 30. August 1914 vorgesehen. Doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Juli / August 1914 verhinderte die geplante, feierliche Zeremonie.
Aufgrund des Materialbedarfs für den Krieg bestand die Gefahr, dass die nagelneue Bronzefigur für Rüstungszwecke eingeschmolzen würde. Dazu war im Reich bereits im ersten Kriegsmonat die Kriegsrohstoffabteilung gegründet worden. Die Figur wurde deshalb erst gar nicht öffentlich aufgestellt, sondern privat eingelagert, um sie vor staatlicher Bestandsaufnahme zu schützen.
Im Ersten Weltkrieg sind rund 600 Lippstädter Söhne und Männer "im Krieg geblieben". Als nach dem Ende des Krieges wieder über die Brunnen-Einweihung nachgedacht wurde, erhielt er deshalb eine zusätzliche Bedeutungsebene: Die Stadt entschied, ihn nicht nur als Erinnerung an ihren mittelalterlichen Gründer zu verstehen, sondern zugleich als Denkmal und Gedenkort für die im Krieg gefallenen Soldaten. Eine entsprechende Inschrift wurde am Brunnen ergänzt:
DIE DANKBARE VATERSTADT
EHRT IHRE IM WELTKRIEGE 1914-20
GEFALLENEN SOEHNE DURCH DIESES DENKMAL

Am 29. August 1920 wurde der Bernhardbrunnen schließlich offiziell enthüllt. Die Feier wurde von zahlreichen Vereinen begleitet und unterstrichen den hohen symbolischen Stellenwert des heimatlichen Denkmals, verbunden mit der Trauer um die vielen Opfer des Krieges.
Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass in der Brunnen-Inschrift steht: „im Weltkriege 1914-20 gefallenen“, obwohl das Kriegsende üblicherweise mit 1918 angegeben wird. Jahrzehnte später wurde darüber spekuliert, wie es zu der Angabe von 1920 gekommen war. Eine mögliche Erklärung ist, dass zwar im November 1918 der Waffenstillstand war, aber das Friedensabkommen, der Vertrag von Versailles, erst zum 10. Januar 1920 in Kraft trat. Eine bessere Erklärung ist, dass zahlreiche Soldaten noch anschließend in Kriegsgefangenschaft gestorben sind, an Verletzungen, Mangelernährung und Krankheiten. Einige Überlebende kehrten erst 1922 aus Russland zurück.
Ob der Bernhardbrunnen wirklich als Ort des Gedenkens angenommen wurde, ist mir nicht bekannt. In den folgenden Jahrzehnten schaute der Ritter von seinem Sockel herab auf den zunehmenden Verkehr in Lippstadts Haupteinkaufsstraße.
1974 wurde die Lange Straße zur Fußgängerzone. Im Zuge dieser Umgestaltung entschied man sich, den Bernhardbrunnen um einige Meter zu versetzen. Zwischen 1973 und 1976 wurde der Brunnen demontiert und restauriert. Der Sandstein des Beckens war stark verwittert, die Inschriften und Details hatten gelitten. Fachleute nahmen eine grundlegende Instandsetzung vor, erneuerten beschädigte Partien und modernisierten die Wassertechnik des Pump- und Umlaufsystems.
Der Bernhardbrunnen wurde dann etwa 7 Meter von seinem bisherigen Platz entfernt neu errichtet. Die neue Anlage entstand in einer rund 80 cm abgesenkten Fläche, wodurch der Brunnen räumlich stärker gefasst und zugleich besser in das neugestaltete Umfeld integriert wurde.
Auf diesem bunten Foto sieht man die Neubauten der WEKA (1958) und Brenken (1976 neu gebaut).
Der Bernhardbrunnen stand in seiner neuen Absenkung.
Die Treppenstufen waren in den 80er Jahren ein beliebter Treffpunkt für die Jugend. Habt ihr dort auch gesessen?
In den 90er Jahren war der Bereich leider oft verdreckt, z.B. mit Scherben von zerbrochenen Bierflaschen und
anderen Hinterlassenschaften - weshalb man sich nicht mehr unbedingt dort hinsetzen mochte.
1997 wurde der Brunnen nochmal restauriert - und wahrscheinlich ist in dem Zuge auch die Absenkung zurückgebaut worden.
Im März 2026 werden neue Pflanzkübel rund um den Brunnen aufgestellt. Und bis zum März 2027 sollen sogar Bäume gepflanzt und Sitzgelegenheiten aufgestellt werden. Es gibt also Hoffnung darauf, dass der Platz rund um den Bernhardbrunnen ab dem nächsten Jahr wieder zum Verweilen einlädt.