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Aktuelle Ansicht des Bernhardbrunnens in Lippstadt

Der Bernhardbrunnen in Lippstadt

Foto © Achim Raschka, 2012, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons (bearbeitet)

Der Bernhardbrunnen von 1920 steht am süd­li­chen Ende der Lipp­städ­ter Fuß­gänger­zone (Lange Straße zum Süder­tor). Die Ritter-Statue auf dem Brunnen stellt den Stadt­gründer Lipp­stadts aus dem Mittel­alter dar (Bernhard II. zur Lippe, ca. 1140 bis 1224).

Der edle Ritter blickt auf die Lange Straße, deren Anfang am Rat­haus er noch sel­ber ge­plant hatte, in ihrer heuti­gen Länge. 1974 wurde die Auto­straße zur Fuß­gänger­zone um­ge­baut und reicht vom Bern­hard­brunnen bis zum Rat­haus­platz, an des­sen Ende der Bürger­brunnen von 1988 steht - quasi als Gegen­gewicht zum Stadt­gründer-Brunnen - und dort die Lipp­städ­ter Bürger­schaft in Form mehre­rer beweg­li­cher Figu­ren re­prä­sen­tiert.

frühes Foto vom Bernhardbrunnen

Das s/w-Foto ist vermut­lich in den ersten Jah­ren nach der Brunnen-Einwei­hung von 1920 ent­stan­den. Seit­dem hat sich die Be­bauung rund um den Brun­nen kom­plett ge­ändert.
Links: das mit Schiefer verklei­dete Wohn­haus ist dem Neu­bau für das Schuh­haus Zahn ge­wichen (heute Leffers). Hinten links er­kennt man noch den Fach­werk-Bahnhof, der 1967 ab­ge­ris­sen wurde. Mitte rechts: das Haus steht noch heute an der Bahn­hof­straße (Jakob-Koenen-Straße).
Rechts: Das impo­sante Engel­bert­sche Haus wurde in den 1970ern ab­ge­ris­sen. Dort ist heute die Straße „Am Bern­hard­brunnen“, die es da­mals noch nicht gab. Die neue Straße wurde da ent­lang ge­führt, wo man auf dem Foto die Büsche sehen kann. Sie mün­det in den Kreis­verkehr am Bahn­hof. Früher ging man die Lange Straße wei­ter gerade­aus durch bis zur Bahn­hof­straße und erst dann links zum Bahn­hof.

Die Geschichte des Bernhardbrunnens

Die Idee zum Bernhardbrunnen ent­stand 1914, in einer Zeit, die stark vom Be­wusst­sein für Ge­schich­te und bürger­liche Identi­tät ge­prägt war. Die Initia­ti­ve zur Er­rich­tung eines Denk­mals ging vom Lipp­städ­ter Verle­ger und Kommu­nal­politi­ker Carl Laumanns aus. In sei­ner Zeitung „Der Patriot“ ver­öffent­lich­te er 1914 eine Serie von Arti­keln über Bern­hard II., der hier­durch eine identi­täts­stiften­de Figur für Stadt und Bürger werden sollte.

In der Idee zum Bernhard­brunnen kam mög­li­cher­weise auch ein poli­ti­scher und konfes­sionel­ler Kon­flikt zum Aus­druck. Denn auf dem Rat­haus­platz stand seit 1889 ein Brunnen mit Kaiser-Wilhelm-Denk­mal (im Zwei­ten Welt­krieg ein­ge­schmol­zen). Der Kaiser war evan­ge­lisch, eben­so wie die Lipp­städ­ter Bürger nach der Refor­ma­tion evan­ge­lisch ge­wor­den waren. Während der Indus­tria­li­sie­rung kamen durch Zu­zug von außen immer mehr Katho­li­sche in die Stadt, so auch 1869 Carl Josef Lau­manns, Schrift­setzer vom Nieder­rhein. Im Kultur­kampf gegen die Politik des evan­ge­li­schen Kaisers wurde die katho­li­sche Zentrums­partei ge­gründet, der auch Carl Lau­manns an­ge­hörte. Vielleicht ist seine Idee zu einem Stadt­gründer-Denk­mal als ein Identi­fi­ka­tions-Gegen­gewicht zum dama­li­gen Kaiser-Wilhelm-Denk­mal zu sehen.

Mit seinen Zeitungarti­keln über Bern­hard II. woll­te Lau­manns 1914 nicht nur histo­ri­sche Infor­ma­tio­nen ver­mit­teln, sondern in der Bürger­schaft auch die Unter­stützung für ein reprä­senta­tives Denk­mal mobili­sie­ren. Die Kampag­ne war erfolg­reich: Der Magis­trat der Stadt be­schloss noch im sel­ben Jahr die Er­rich­tung eines Brun­nens zu Ehren des Stadt­gründers.

Mit der künstle­ri­schen Aus­führung wurde der aus Lipp­stadt stam­men­de Bild­hauer ↗Albert Pehle be­auf­tragt, der in Düssel­dorf tätig war. Pehle schuf eine Bronze­figur, die Bernhard als gerüste­ten Ritter darstellt - ein Bild, das dem zeit­typi­schen, heroi­schen Ge­schichts­bild ent­sprach. Denn wie Bern­hard II. wirk­lich aus­sah, ist nicht über­liefert. Schaut man Gemälde sei­ner Nach­fahren an, würde man eher nicht sagen, dass sie heuti­gem Schön­heits­ideal ent­spre­chen. Ich habe ge­hört, dass für die Statue angeb­lich ein Düssel­dorfer Hafen­arbei­ter Modell ge­stan­den habe. Die Brunnen­figur ist also eine Ver­bin­dung aus Wunsch­denken und reprä­sen­ta­ti­ver Kunst.

Foto von Stadtgründer-Statue
Bernhard II. als Statue auf dem Bernhardbrunnen in Lippstadt
Foto © Tilman2007, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons (Bildausschnitt)

Die Einweihung des Brunnens war ur­sprüng­lich für den 30. August 1914 vorge­sehen. Doch der Aus­bruch des Ersten Welt­kriegs im Juli / August 1914 verhin­derte die ge­plante, feierliche Zeremo­nie.

Aufgrund des Material­bedarfs für den Krieg be­stand die Gefahr, dass die nagel­neue Bronze­figur für Rüstungs­zwecke einge­schmol­zen würde. Dazu war im Reich bereits im ers­ten Kriegs­monat die Kriegs­rohstoff­abteilung ge­grün­det worden. Die Figur wurde des­halb erst gar nicht öffent­lich aufge­stellt, sondern privat einge­lagert, um sie vor staat­li­cher Bestands­aufnahme zu schüt­zen.

Umwidmung nach dem Krieg

Im Ersten Weltkrieg sind rund 600 Lipp­städ­ter Söhne und Männer "im Krieg ge­blie­ben". Als nach dem Ende des Krieges wieder über die Brunnen-Einwei­hung nach­ge­dacht wurde, er­hielt er des­halb eine zu­sätz­liche Bedeu­tungs­ebene: Die Stadt ent­schied, ihn nicht nur als Er­inne­rung an ihren mittel­alter­lichen Grün­der zu ver­stehen, sondern zu­gleich als Denk­mal und Gedenk­ort für die im Krieg ge­falle­nen Sol­da­ten. Eine ent­sprechen­de In­schrift wurde am Brunnen er­gänzt:

DIE DANKBARE VATERSTADT
EHRT IHRE IM WELTKRIEGE 1914-20
GEFALLENEN SOEHNE DURCH DIESES DENKMAL

Foto der Einweihungsfeier am Bernhardbrunnen

Einweihungsfeier für den Bernhardbrunnen, 1920

Foto: Stadtmuseum Lippstadt, CC BY-NC-SA, museum-digital (Ausschnitt)

Am 29. August 1920 wurde der Bernhard­brunnen schließ­lich offi­ziell ent­hüllt. Die Feier wurde von zahl­reichen Ver­einen be­gleitet und unter­stri­chen den hohen symboli­schen Stellen­wert des heimat­lichen Denk­mals, ver­bun­den mit der Trauer um die vielen Opfer des Krieges.

Vielleicht ist Ihnen auf­gefal­len, dass in der Brunnen-Inschrift steht: „im Welt­kriege 1914-20 gefal­le­nen“, obwohl das Kriegs­ende üb­licher­weise mit 1918 ange­geben wird. Jahrzehn­te später wurde darüber speku­liert, wie es zu der An­gabe von 1920 ge­kommen war. Eine mög­liche Er­klärung ist, dass zwar im Novem­ber 1918 der Waffen­still­stand war, aber das Friedens­abkom­men, der Ver­trag von Versail­les, erst zum 10. Janu­ar 1920 in Kraft trat. Eine besse­re Er­klä­rung ist, dass zahl­reiche Solda­ten noch an­schlie­ßend in Kriegs­gefangen­schaft ge­stor­ben sind, an Ver­letzun­gen, Mangel­ernäh­rung und Krank­heiten. Einige Über­leben­de kehr­ten erst 1922 aus Russ­land zurück.

Foto der Lange Straße

Ob der Bernhardbrunnen wirk­lich als Ort des Ge­denkens an­ge­nommen wurde, ist mir nicht be­kannt. In den folgen­den Jahr­zehn­ten schau­te der Ritter von seinem Sockel herab auf den zu­nehmen­den Ver­kehr in Lipp­stadts Haupt­einkaufs­straße.

Fußgängerzone und Absenkung

1974 wurde die Lange Straße zur Fußgänger­zone. Im Zuge dieser Um­gestal­tung ent­schied man sich, den Bern­hard­brunnen um eini­ge Meter zu ver­set­zen. Zwischen 1973 und 1976 wurde der Brun­nen demon­tiert und restau­riert. Der Sand­stein des Beckens war stark ver­wittert, die In­schrif­ten und Details hat­ten ge­litten. Fach­leute nah­men eine grund­legen­de Instand­setzung vor, er­neuer­ten be­schädig­te Partien und moderni­sier­ten die Wasser­technik des Pump- und Umlauf­systems.

Der Bernhardbrunnen wurde dann etwa 7 Meter von seinem bis­he­ri­gen Platz ent­fernt neu er­rich­tet. Die neue Anlage ent­stand in einer rund 80 cm abge­senk­ten Fläche, wo­durch der Brun­nen räum­lich stär­ker ge­fasst und zu­gleich besser in das neu­gestal­tete Umfeld inte­griert wurde.

Bernhardbrunnen

Der Bernhardbrunnen als Treffpunkt

Auf diesem bunten Foto sieht man die Neu­bauten der WEKA (1958) und Brenken (1976 neu gebaut). Der Bern­hard­brunnen stand in seiner neuen Ab­senkung. Die Treppen­stufen waren in den 80er Jah­ren ein be­lieb­ter Treff­punkt für die Jugend. Habt ihr dort auch ge­ses­sen?
In den 90er Jahren war der Bereich leider oft ver­dreckt, z.B. mit Scher­ben von zer­broche­nen Bier­flaschen und ande­ren Hinter­lassen­schaf­ten - wes­halb man sich nicht mehr unbe­dingt dort hin­setzen mochte.
1997 wurde der Brunnen noch­mal restau­riert - und wahr­schein­lich ist in dem Zuge auch die Ab­senkung zurück­gebaut worden.

Foto der Einweihungsfeier am Bernhardbrunnen
Foto: Jürgen Grieger, Dezember 2025 / Fotos vom Advent

Im März 2026 werden neue Pflanz­kübel rund um den Brunnen auf­ge­stellt. Und bis zum März 2027 sollen sogar Bäume ge­pflanzt und Sitz­gelegen­hei­ten auf­ge­stellt werden. Es gibt also Hoffnung darauf, dass der Platz rund um den Bernhard­brunnen ab dem nächs­ten Jahr wieder zum Ver­wei­len ein­lädt.


Text: Jörg Rosenthal, 2026
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