
Die Lippstädter kennen "Graf" Bernhard II. (der aber gar kein Graf war) als den Stadtgründer von Lippstadt (1185) und als Ritter-Statue in Bronze auf dem Bernhardbrunnen am Ende der Lippstädter Fußgängerzone. Als Stadtgründer ist er auch in der Lippischen Stadt Lemgo (1190) bekannt, hat dort aber keine Skulptur bekommen.
Bernhard II. lebte von ca. 1140 bis 1224 und ist der Erste aus der Familie zur Lippe, über den es nennenswerte schriftliche Überlieferungen gibt. Durch ihn erhielt die Herrschaft der Familie zur Lippe einen ganz erheblichen Schub.
Sein Vater und Onkel
Sein Vater Hermann I. und dessen Bruder Bernhard I. wurden zwar namentlich schriftlich erwähnt, aber es ist kaum etwas über sie bekannt. Als Edelherren (nobiles) gehörten sie zum niederen Adel, d.h. sie waren nicht gräflich, aber mit eigener Herrschaft und standen über den Ministerialen (Amtsmänner des Königs). Es gibt eine Vermutung, dass die Familie zur Lippe aus einer Seitenlinie der Grafen von Werl stammen könnte.
Die beiden Brüder haben wahrscheinlich um 1150 das Kloster Cappel gestiftet. Da jedoch keine Gründungsurkunde vorhanden ist, gibt es dafür keinen schriftlichen Beleg.
Übrigens, bei den Vornamen gab es die Zählung „I.“ und „II.“ usw. in jenen Jahrhunderten noch nicht, sondern wurde erst viel später bei der genealogischen Systematisierung nachträglich eingefügt. Also waren die Brüder Hermann I. und Bernhard I. nicht unbedingt die Gründungsväter dieser Herrschaftsfamilie zur Lippe, sondern es waren eher zufällig die frühesten Namen bzw. Personen, die man nachträglich aus Erwähnungen in sehr alten Urkunden herauslesen konnte, z.B. bei Schenkungen an Klöster. Der niedere Adel begann erst später mit eigener Chronistik, mit dem Zweck der Legitimierung seiner Herrschaft.
Zur Mutter von Bernhard II. gibt es keine Erwähnung. Es wird vermutet, dass sie aus dem Hause Rheda stammte. Die erste namentlich genannte Frau ist Heilwig von Are als Ehefrau von Bernhard II., siehe weiter unten.
Bernhard II. hatte einen älteren Bruder namens Hermann. Dieser ältere Bruder sollte die Herrschaft Lippe erben und wurde wahrscheinlich zum Ritter ausgebildet. Als jüngerer Bruder war Bernhard II. deshalb ursprünglich (nur) für eine geistliche Laufbahn vorgesehen, z.B. im Dienst eines Bischofs. Im Hochmittelalter war diese Strategie im Adel verbreitet, um die Herrschaft nicht aufteilen (nicht zersplittern) zu müssen und um auch kirchliche Macht in die Familie zu holen, z.B. bei einer Wahl zum Bischof.
Ausbildung, Erbe, Ehe
Historiker gehen davon aus, dass Bernhard II. eine theologische Ausbildung in der Domschule Hildesheim erhielt. Doch der Plan der Familie ging nicht auf, weil der ältere Bruder früh starb (1163, Ursache unbekannt). Er erhielt deshalb nachträglich nicht die Ordnungszahl „II.“ im Namen, weil er starb, noch bevor er die Herrschaft Lippe erben konnte.
Nun wurde Bernhard II. für die Dynastie gebraucht, d.h. er musste seine geistliche Laufbahn abbrechen und in den weltlichen Stand zurückkehren. Er erhielt nun eine ritterliche Ausbildung. Da Westfalen zum (Stammes)Herzogtum Sachsen gehörte, hat Bernhard seine Ausbildung womöglich in Braunschweig erhalten, am Hofe des Herzogs von Sachsen (zu jener Zeit: Heinrich der Löwe) und wurde dort zum Ritter geschlagen.
Als Vater Hermann I. 1167 an einer Seuche starb, erbte Bernhard II. (ungefähr 27 Jahre alt) das Haus Lippe und musste in kürzester Zeit die Herrschaftsverwaltung übernehmen, sowie die Gerichtsbarkeit und die militärische Führung.
Um 1167/1170 heirateten Bernhard II. und Heilwig von Are, hochadlige Rheinländerin, Tochter des Grafen von Are-Hochstaden,
mit Ursprung im Ahrtal (heute Landkreis Ahrweiler). Ich finde es witzig, dass beide Familien nach einem Fluss heißen.
Da Bernhard II. kein Graf war, hat er „nach oben geheiratet“. Die Ehe war einer wirksamer Hebel zum Aufstieg des Hauses Lippe.
Dies zeigt sich auch in den späteren Karrieren ihrer 11 Kinder, die überwiegend Bischöfe oder Äbtissinnen wurden.
1177: Krieg gegen das Erzbistum Köln,
Belagerung von Soest,
Verlust Westfalens 1180
Wenige Jahre bevor die Idee zur Gründung einer Stadt (Lippstadt) aufkommen konnte, kam es zu einem entscheidenen Kampf um Westfalen.
Traditionell gehörte Westfalen zum Herzogtum Sachsen (mit Westfalen, Niedersachsen, Engern und Ostfalen).
Das war jedoch kein durchgehendes Territorium, sondern ein Mosaik aus Ansprüchen,
z.B. unserer Edelherren zur Lippe mit ihrem Besitz entlang des Flusses.
Und der Kölner Erzbischof (Erzbistum Köln) beanspruchte die Stadt Soest.
Und um Erwitte stritt Köln sich mit dem Bistum Paderborn.
Dies alles war legal, solange der römisch-deutsche Kaiser es duldete und als Schiedsrichter funktionierte.
Jedoch war Kaiser Friedrich Barbarossa zu jener Zeit mit einem Krieg in Italien beschäftigt und interessierte sich wenig für Westfalen. Doch der Kölner Erzbischof interessierte sich für Westfalen und wollte darin weiter expandieren. Das sah der Herzog von Sachsen aber anders. Deshalb gerieten sie 1177 in Streit, belagerten und zerstörten gegenseitig die Städte und Burgen auf ihren Gebieten (Sächsischer Krieg 1177-1181).
Bernhard II. nahm Partei für den Herzog von Sachsen, wo er ausgebildet worden war. In der Chronik ↗„Cosmodromium“ (Weltenlauf) steht geschrieben (übersetzt): „In diesem Jahre [1177] besetzt EH Bernhard [II.] zur Lippe, der auf Seiten des [Sachsen]Herzogs steht, den ↗Levenberg (Löwenberg? bei Bielefeld) und befestigt ihn. Das führte zu einem schweren Zerwürfnis zwischen Bernhard und dem Grafen Hermann von Ravensberg“, der auf der Seite des Kölner Erzbischofs stand.
Da für unser Gebiet an der Lippe überliefert ist, dass im gleichen Jahr 1177 die hiesige Nicolai-Siedlung mit der Nikolaikirche
durch die Kölner bzw. Kölner Verbündete zerstört wurde, kann man annehmen, dass es sich dabei um einen Racheakt handelte.
Oder vielleicht in umgekehrter Reihenfolge?
Die Nikolaikirche könnte für Bernhard eine besondere Bedeutung gehabt haben, denn bei Baubeginn 1150 war Bernhard 10 Jahre alt
und vielleicht war die Baustelle in der direkten Nachbarschaft für ihn und seinen Bruder
bzw. Geschwister ein Spielplatz während der Jugend.
Bernhard II. soll 1179 an der Schlacht auf dem Haler Feld beteiligt gewesen sein
(bei ↗Lotte-Halen, 10 km hinter Osnabrück),
wobei der Graf von Tecklenburg gefangen genommen wurde.
So wie Bernhard unterstützte auch Widukind von Rheda (der möglicherweise mit Bernhard entfernt verwandt war)
den Herzog von Sachsen und beteiligte sich an Aktionen gegen das Erzbistum Köln.
Am 28. Oktober 1179 nahmen Bernhard und Widukind mit ihrer bewaffneten Gefolgschaft (vielleicht rund 200 Männer?) die kölnische ↗Stadt Medebach im Sauerland ein und zerstörten sie völlig, wahrscheinlich durch das Niederbrennen der Fachwerkbauten.
Auch an Soest versuchten sie sich mit einer Belagerung, scheiterten jedoch an der Soester Stadtmauer. Vielleicht kam Bernhard durch diesen Fehlschlag auf den Gedanken, dass ihm eine eigene befestigte Stadt gut stehen würde.
Als 1180 der Kaiser ins Reich zurückkehrte, verlor der Herzog von Sachsen die kaiserliche Unterstützung und hatte nun auch die Truppen des Reichs gegen sich. Deshalb unterwarf sich der Sachsenherzog 1181. Seine Eigengüter durfte er behalten, aber seine beiden Herzogtümer Sachsen und Baiern verlor er. Das alte, großräumige Stammesherzogtum Sachsen hörte damit auf zu existieren. Westfalen wurde dem Erzbischof von Köln übertragen und das ↗Herzogtum Westfalen (unter Kölner Herrschaft) wurde gegründet.
Stadtgründung an der Lippe
Der Kölner Erzbischof, nun als neuer Herzog von Westfalen und Engern, erhielt in seinem neuen Herzogtum Westfalen das alleinige Recht auf Stadtgründungen. Deshalb könnten wir heute denken, dass Bernhard II. nicht das Recht gehabt hätte, eine Stadt zu gründen. Doch Bernhards Herrschaftsgebiet gehörte gar nicht zum damaligen Westfalen, sondern lag östlich der kölnischen Westfalengrenze. Außerdem hatte Bernhard sein Gebiet als Allodialbesitz ("Voll"besitz), d.h. es war kein königliches Lehen, sondern sein Eigentum. Und darauf durfte er Städte gründen, ohne um Erlaubnis bitten zu müssen.
Es gibt jedoch die Mantel-Anekdote, die im Lippiflorium aufgeschrieben wurde (erst nachträglich 70 Jahre später). Demnach hatte Bernhard 1184 den Kaiser um Erlaubnis gebeten, eine Stadt (Lippstadt) gründen zu dürfen. Falls die Geschichte so oder ähnlich stattgefunden hat, könnte es eine Vorsichtsmaßnahme gewesen sein, um hierüber keinen Streit oder eine baldige Zerstörung der neuen Stadt durch kaiserliche Truppen oder den Nachbarn (Erzbistum Köln) zu riskieren. Es könnte aber auch eine erfundene Geschichte sein, entweder zur Unterhaltung oder um die Gründung der Stadt nachträglich zu legitimieren.
Zu jener Zeit waren die heutige Cappelstraße und Kolpingstraße noch Pfade, die als Handelswege zwischen Sauerland, Rhein und Weser genutzt wurden. Man geht davon aus, dass sich an dieser Kreuzung bereits Kaufleute angesiedelt hatten (die Nikolai-Siedlung mit der um 1150 gebauten Nikolaikirche).
Ein paar hundert Meter weiter an der Lippe soll das Herrenhaus (Hermelinghof oder Burg?) der Edelherren zur Lippe gelegen haben. Östlich der Cappelstraße wurde dann die Stadt zur Lippe planmäßig angelegt. Als Gründungsjahr haben sich die Historiker auf das Jahr 1185 geeinigt. Die Keimzelle Lippstadts war so klein, dass die noch zu bauende Marienkirche im geometrischen Zentrum lag.
Nach der Gründung Lippstadts beschäftigte Bernhard II. sich mit den neuen Gebieten am Teutoburger Wald und gründete 1190 die Stadt Lemgo. Anschließend veranlassten er und sein Sohn Hermann II. den Bau der ↗Falkenburg südlich von Detmold. Deshalb findet die zweite Lebenshälfte von Bernhard außerhalb Lippstadts statt und wird im Folgenden nur noch in der Zeittafel beschrieben. Er kam aber 1220 nach Lippstadt zurück, um die Marienkirche zu weihen. Aus dieser Zeit soll auch die Stadtrechts-Urkunde stammen.
Einen weiteren Text im ähnlichen Stil über Lippstadt und das Haus zur Lippe finden Sie hier: Lippstadts Verpfändung 1376 und die Samtherrschaft bis 1851.
| 1185 | Gründung der Abtei Marienfeld (Besiedlung mit 13 Mönchen aus Hardehausen); gilt als Sühne- und Konsolidierungs-Stiftung nach den Konflikten der 1170/80er Jahre |
| 1189 | Die Edelherren zur Lippe verfügen spätestens seit 1189 nördlich des Teutoburger Waldes über Vogtei-/Lehnsrechte und Besitzungen: bilden Grundlage für spätere Expansion Richtung Lemgo/Detmold |
| 1190 | Erbschaft der Herrschaft Rheda nach dem Tod Widukinds von Rheda, erweitert die lippische Machtbasis deutlich |
| 1190 | Stadtgründung Lemgo |
| 1192 | Bau der Falkenburg südlich Detmolds (bei Berlebeck), trotz Widerstands des Paderborner Lehnsherren. Strategischer Schritt zur dauerhaften Verankerung der Herrschaft jenseits des „Osnings“ (Teutoburger Wald) |
| um 1195 | Hermann II. (Sohn) wird Mitregent und übernimmt zunehmend die Regierungsgeschäfte. Bernhard bereitet damit seinen Rückzug aus der weltlichen Herrschaft vor |
| 1197 | Bernhard wird in einer Abschrift einer Schenkungsurkunde für Marienfeld noch als Edelherr bezeichnet. Das zeigt, dass der Ordenseintritt zu diesem Zeitpunkt noch nicht sicher abgeschlossen war |
| 1197 -1200 | Bernhards Eintritt in die Zisterze Marienfeld |
| 1207 | Bernhard ist in einer Papstbulle eindeutig als Zisterzienser-Mönch und ehemaliger Edelherr belegt: damit ist der Ordensstatus gesichert |
| 1211 | Bernhard reist mit Bischof Albert von Riga nach Livland (heute Estland und Lettland) und erscheint dort als designierter Abt von Dünamünde. Noch vor der Abtsweihe bewährt er sich militärisch durch eine Sperraktion gegen fliehende estnische Raubschiffe |
| 1211 -1218 | Amtszeit als Abt von Dünamünde: Bernhard ist nur zeitweise vor Ort und wirbt häufig im Reich für Kreuzfahrer, Geld und Ausrüstung. Dünamünde fungiert als Missionszentrum, Herberge und logistischer Knoten der Livland-Fahrer |
| 1217 | Rückkehr nach Livland und Sieg bei Fellin; Bernhard führt gemeinsam mit Verbündeten eine vereinigte Streitmacht. Fellin wird später als christlicher Stützpunkt gesichert und steht symbolisch für die militärische Konsolidierung in Estland |
| 1218 | Bernhard steigt zum Bischof auf: Albert von Riga richtet für ihn das Missionsbistum Selonien ein. Ein stabiler Bischofssitz ist wegen der militärischen Lage jedoch dauerhaft schwer durchsetzbar |
| 1218 | Bernhards Sohn Otto (Bischof von Utrecht) weiht Bernhard in Oldenzaal zum Bischof. Kurz darauf weiht Bernhard zusammen mit Otto seinen Sohn/Bruder Gerhard zum Erzbischof von Bremen-Hamburg (1219) |
| 1222 -1223 | Nach großem Esten-Aufstand trifft Bernhard mit besonders großem Pilgerheer in Livland ein und führt die Rückeroberung Fellins an. Er fungiert dabei zeitweise als Statthalter Bischof Alberts im Baltikum |
| 1223 | Mesothen wird als faktischer Aufenthalts- bzw. Sitzbereich Bernhards greifbar; ein geordneter Bistumsaufbau bleibt wegen der Lage schwierig. Pfarrorganisation und Domkapitel entstehen zu seinen Lebzeiten nicht |
| 1224 | Tod von Bernhard II. in Mesothen (Überlieferung: letzte April-Tage 1224). Bestattung in Dünamünde; sein Bistum geht später unter bzw. wird umorganisiert |
Am Lebenslauf von Bernhard II., insbesondere der zweiten Lebenshälfte, erkennt man auch die Umbruchszeit des Hochmittelalters, in der sich Herrschaft, Frömmigkeit und Gewalt neu verbunden haben. Bernhard wurde durch seine Doppelrolle zu einer vielschichtigen Person im Bereich weltlicher Machtpolitik und geistlicher Mission.
Durch die Stadtgründungen von Lippstadt und Lemgo, Burgenbau und gezielte Herrschafts-Ausdehnung schuf er die Basis einer dauerhaften Landesherrschaft. Damit gehört er zu den prägenden Gestalten der westfälischen Landesbildung im 12. Jahrhundert. Ohne sein Wirken wäre die spätere Entwicklung zur Grafschaft Lippe und schließlich zum Fürstentum Lippe kaum denkbar gewesen.
Nach seinem späteren Ordenseintritt und Aufstieg zum Abt und Missionsbischof erweitert er sein Handlungsmuster: Auch im geistlichen Stand blieb Bernhard ein Mann der Tat, der die Missionierung als politisch-militärische Aufgabe verstand. In Livland agierte er als Diplomat, Feldherr und Kreuzzugs-Prediger zugleich und wurde zu einem der maßgeblichen Akteure der gewaltsamen Christianisierung des Baltikums.
Er verkörpert damit in besonderer Schärfe die Logik seiner Zeit, in der christliche Frömmigkeit und Krieg nicht als Widerspruch empfunden wurden. Sein Lebensweg zeigt, wie eng im Hochmittelalter religiöse und politische Ordnung miteinander verflochten waren.