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1980 abgesagt:
Autobahn Warstein - Bielefeld

Ist euch schon mal aufgefallen, wie über­dimensio­niert der Autobahn­zubringer Erwitte/­Anröchte (B55) zur A44 ist? Normaler­weise führt eine Abfahrt nicht auf eine doppel­spurige Bundes­straße mit Mittel­leitplanke. Auch der Biele­felder Ost­west­falen­damm (kurz OWD, B61) war von Anfang an groß­zügig aus­gelegt. Die Gemein­sam­keit mit dem Zu­bringer von Anröchte ist, dass beide Straßen zu einer Auto­bahn zu­sammen­wachsen soll­ten, näm­lich der A47, die aber nie ge­baut wurde.


Straßenkarte Planung Autobahn A47

Diese Straßenkarte scheint wie aus einer alterna­ti­ven Reali­tät zu stam­men. Doch tat­säch­lich waren die Auto­bahnen A47 (Meschede - Herford) und die A43 (Rheda - Münster) in den 1970er Jah­ren bereits ge­plant (grau ein­ge­zeichnet).

In einer früheren Planung sollte die ange­dachte ↗Auto­bahn A47 mög­li­cher­weise die B55 er­set­zen. Bei Lipp­stadt gibt es die B55 seit den 1960er Jah­ren. Auf der oben ge­zeig­ten jünge­ren Karte sieht man jedoch, wie die A47 west­lich von Lipp­stadt vorbei­geführt werden sollte, also west­lich von Over­hagen, Cappel, Liesborn, Langen­berg.

Im Laufe der 1970er Jahre kam es u.a. durch die Öl­krise zur wirt­schaft­lichen ↗„Stagflation“ - einer Phase von Stag­nation bei gleich­zeitig hoher Infla­tion. Dadurch gin­gen die Steuer­einnah­men zurück, wäh­rend die Staats­ausga­ben stie­gen und die Staats­verschul­dung deut­lich zu­nahm. Große Bau­projekte waren daher kaum noch finan­zier­bar.


Grafik: Ausgaben für Bundesfernstraßen von 1950 bis 1980

Im Straßen­bau­bericht der Bundes­regierung von 1980 hieß es des­halb: „Umfang und Struk­tur des Bundes­verkehrs­wege­planes müs­sen den ver­änder­ten Bedin­gun­gen, ins­beson­dere dem gegen­wärti­gen und künf­tig zu er­warten­den Finanz­rahmen ange­paßt werden.“
Das Bundesgesetzblatt vom 25.08.1980 ver­öffent­lich­te die Strei­chung des A47-Bau­vorhabens.

Lippstadt hätte nicht unmittel­bar von der Auto­bahn A47 profi­tiert, denn es war z.B. bei Cappel keine Auto­bahn­auffahrt ge­plant. Die Lipp­städ­ter hät­ten also - wie heute auch - entweder bis nach Erwitte oder Wieden­brück fahren müs­sen, um auf eine Auto­bahn zu kommen.
Auch wäre fraglich gewesen, wie viel Lust die Bewoh­ner z.B. in Over­hagen und Cappel ge­habt hät­ten, eine Auto­bahn vor der Haus­tür zu haben - zumal sie die A47 wegen dort fehlen­der Auf­fahrten kaum selber hät­ten nut­zen können.

Durch Neubau­gebiete ab den 1960er Jah­ren waren Städte und Dörfer nach außen ge­wach­sen. In einigen Fällen droh­ten neue Trassen die be­stehen­den Orte, Stadt­teile oder Nah­erholungs­gebiete zu durch­schnei­den. Die Anwoh­ner be­fürch­te­ten einen Ver­lust von Lebens­qualität, denn die Nähe zur Auto­bahn wird mit Lärm, Abgasen (damals ohne Kata­ly­sator) und Sicht-Beein­trächti­gung gleich­gesetzt, was in be­trof­fe­nen Orten zu Protes­ten führte.

Bundesweit entstanden Bürger­initiativen gegen Straßen- und Auto­bahn­projekte als Aus­druck einer wach­sen­den Mit­bestim­mungs­kultur. Dabei spiel­ten auch umwelt­bezoge­ne Beden­ken erst­mals eine Rolle. Zwar trat 1974 das Bundes-Immis­sions­schutz­gesetz in Kraft, aber es defi­nier­te noch keine kon­kre­ten Grenz­werte, z.B. zum Schutz vor Ab­gasen, und es be­han­del­te nicht das Thema Verkehrs­lärm. So wur­den in den 70er Jah­ren die meis­ten Auto­bahn­projekte ent­gegen der Protes­te noch plan­mäßig um­ge­setzt. Erst als dem Staat das Geld aus­ging, siehe oben, wurden viele Pläne zum Fern­straßen-Neubau auf­ge­geben.

Das Fehlen der A47 führt heutzu­tage in Belecke und War­stein dazu, dass eine Orts­umgehung fehlt. Die Orts­durch­fahrt in War­stein hat einen hohen Durch­gangs­verkehr mit erheb­li­chem Anteil an Lkw, z.B. von der Brauerei und der Stein­industrie.

Benachteiligt ist auch das Gebiet öst­lich von Münster, das in Rich­tung Rheda nur die B64 mit mehre­ren Orts­durch­fahrten hat. Wären die A43 und A47 ge­baut wor­den, hätte es eine fast direkte Ver­bin­dung von Münster-Süd bis nach Biele­feld-Mitte ge­geben.
Der Bielefelder Ostwestfalen­damm wurde statt­dessen an die A33 ange­schlos­sen, die eine Verbin­dung von Osna­brück zur A2 und über Pader­born bis zur A44 her­stellt.


Text: Jörg Rosenthal, 2025.
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